27. August 2026 | Die Legion, die noch immer den Pass bewacht

27. August 2026 | Die Legion, die noch immer den Pass bewacht

2 Wochen 6 Tage her
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Saint-Maurice, die Thebäische Legion und eine Erinnerung, die seit fünfzehn Jahrhunderten den Alpenweg begleitet

Am Engpass des oberen Rhônetals liegt Saint-Maurice d’Agaune – einer der ältesten bis heute bestehenden geistlichen Orte Westeuropas.

Die Abtei selbst wurde im Jahr 515 durch König Sigismund von Burgund gegründet. Die christliche Erinnerung an diesen Ort reicht jedoch weiter zurück. Der Überlieferung zufolge wurden unweit davon, bei Vérolliez, der römische Offizier Mauritius und seine Gefährten aus der sogenannten Thebäischen Legion als Märtyrer getötet.

Bereits gegen Ende des 4. Jahrhunderts soll Bischof Theodul beziehungsweise Theodor von Octodurum die Gebeine der Märtyrer gesammelt und bei Agaunum ein Heiligtum errichtet haben.

Die Legion aus Theben

Die wichtigste frühe schriftliche Quelle ist die im 5. Jahrhundert entstandene Passio Acaunensium martyrum des Bischofs Eucherius von Lyon.

Nach dieser Überlieferung befehligte Mauritius christliche Soldaten, die aus der ägyptischen Thebais stammten und im Heer Kaiser Maximians dienten.

Als sie Befehle ausführen sollten, die mit ihrem christlichen Glauben unvereinbar waren – in der Überlieferung insbesondere Opferhandlungen für die heidnischen Götter und Gewalt gegen andere Christen –, verweigerten sie den Gehorsam.

Daraufhin soll die Truppe zunächst dezimiert und schließlich vollständig niedergemacht worden sein.

Der Kern der Legende lässt sich in einem berühmten Gedanken zusammenfassen:

Soldaten des Kaisers – aber zuerst Diener Gottes.

Ob tatsächlich eine vollständige aus Ägypten stammende römische Legion bei Agaunum vernichtet wurde, ist historisch nicht nachweisbar. Die ausführliche schriftliche Überlieferung entstand erst etwa anderthalb Jahrhunderte nach den angenommenen Ereignissen.

Archäologische und liturgische Zeugnisse zeigen jedoch, dass bereits im 4. Jahrhundert ein Märtyrerkult in Agaunum bestanden haben dürfte.

Die Geschichte der gesamten Thebäischen Legion gehört daher in den Bereich der spätantiken Hagiographie. Der frühe und außerordentlich bedeutende Mauritiuskult in Agaunum steht dagegen außer Zweifel.

Von Agaunum zum Haus Savoyen

Saint-Maurice besaß nicht nur religiöse, sondern auch erhebliche geographische Bedeutung. Der Ort kontrollierte einen der wichtigsten Zugänge zu den westlichen Alpenpässen.

Das Haus Savoyen entwickelte über Jahrhunderte eine besonders enge Beziehung zum heiligen Mauritius.

Nach savoyischer Überlieferung erhielt bereits im 13. Jahrhundert Peter von Savoyen vom Abt von Saint-Maurice einen Mauritius zugeschriebenen Ring. Die Reliquie wurde zu einem dynastisch bedeutenden Erinnerungsstück.

Besonders sichtbar wurde diese Verbindung unter Amadeus VIII. von Savoyen. Nach seinem Rückzug nach Ripaille am Genfersee gründete er dort 1434 eine kleine geistlich-ritterliche Gemeinschaft unter dem Patronat des heiligen Mauritius.

Mehr als ein Jahrhundert später erneuerte Herzog Emanuel Philibert von Savoyen diese Mauritiustradition.

Papst Gregor XIII. bestätigte im September 1572 zunächst den Mauritiusorden und vereinigte ihn mit der Bulle Pro commissa nobis vom 13. November 1572 mit dem alten Hospitalorden des heiligen Lazarus von Jerusalem.

So entstand der

Orden der Heiligen Mauritius und Lazarus.

Sein Ordenszeichen vereinigte zwei unterschiedliche Traditionen:
  • das weiße kleeblattendige Kreuz des heiligen Mauritius,
  • das grüne Kreuz des heiligen Lazarus.

Ein päpstliches Breve von 1573 regelte die gemeinsame Verwendung der beiden Kreuze.

Das bis heute bekannte weiße Mauritiuskreuz über dem grünen Lazaruskreuz gehört somit bereits zur frühen Geschichte des vereinigten Ordens.

Historisch nicht belegbar ist hingegen die gelegentlich erzählte Vorstellung, das weiße Kreuz sei bereits den Soldaten der Thebäischen Legion als militärisches Abzeichen verliehen worden.

Die Verbindung des Kreuzes mit Mauritius ist mittelalterlich-heraldisch und ordensgeschichtlich, nicht römisch.

Der Weg führt weiter zum Großen St. Bernhard

Von Saint-Maurice führt der alte Alpenkorridor südwärts nach Martigny und von dort hinauf zum Großen St. Bernhard.

Dort, auf beinahe 2.500 Metern Seehöhe, besteht eine weitere bemerkenswerte geistliche Tradition.

Um 1050 gründete Bernhard von Aosta, auch Bernhard von Menthon genannt, am damaligen Mont-Joux ein Hospiz für Pilger, Reisende und Händler, die den gefährlichen Alpenübergang benutzten.

Aus dieser Einrichtung entwickelte sich eine Gemeinschaft von Chorherren, die nach der Regel des heiligen Augustinus lebte.

Die Chorherren vom Großen St. Bernhard betreuen das Hospiz noch heute.

Sie sind allerdings nicht mit den Chorherren von Saint-Maurice identisch.

Dennoch gehören beide Institutionen historisch und geographisch zu derselben außergewöhnlichen alpinen Welt: Klöster, Hospize, Pilger, Soldaten und Dynastien konzentrierten sich entlang einer der wichtigsten europäischen Nord-Süd-Verbindungen.

Eine Legion, die die Alpen nie ganz verlassen hat

Die Soldaten, die Eucherius von Lyon in Agaunum sterben ließ, gehören längst nicht mehr zur römischen Militärgeschichte allein.

Ihr Anführer Mauritius wurde zum Patron von Soldaten, Fürsten und Dynastien.

Sein Name begegnet auf Altären, Reliquiaren, Münzen und Ordenszeichen. Das Haus Savoyen machte ihn zu einem seiner bedeutendsten dynastischen Heiligen. Das weiße Mauritiuskreuz wurde schließlich untrennbar mit dem grünen Lazaruskreuz verbunden.

Und weiter oben in den Bergen öffnen die Chorherren des Großen St. Bernhard noch heute ihr Haus für jene, die den Alpenübergang suchen.

So darf die alte Legende vielleicht mit einem letzten Bild enden:
Roms Legion verschwand vom Alpenweg.

Die Erinnerung an Mauritius blieb.
 

Quellen und Literatur
  • Eucherius von Lyon, Passio Acaunensium martyrum.
  • Abbaye de Saint-Maurice: Geschichte der Abtei und des Mauritius-Kultes.
  • David Woods: „The Origin of the Legend of Maurice and the Theban Legion“, Journal of Ecclesiastical History 45 (1994), S. 385–395.
  • Karla Pollmann: Beiträge zur Überlieferung und Rezeption des Eucherius von Lyon.
  • Treccani, Maurizio e Lazzaro, Ordine dei santi.
  • Historisches Lexikon der Schweiz, Art. Grand-Saint-Bernard, hospice du.
  • Congrégation des Chanoines du Grand-Saint-Bernard: Geschichte des Hospizes.
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