21. August 1810 | Vom französischen Marschall zum schwedischen König

21. August 1810 | Vom französischen Marschall zum schwedischen König

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Vom französischen Marschall zum schwedischen König – die erstaunliche Entstehung der Dynastie Bernadotte

Nur wenige europäische Herrscherhäuser besitzen eine Gründungsgeschichte, die so ungewöhnlich ist wie jene der bis heute regierenden schwedischen Dynastie Bernadotte.

Ihr Stammvater war kein Angehöriger eines alten Fürstenhauses, sondern der am 26. Januar 1763 in Pau im Südwesten Frankreichs geborene Jean-Baptiste Jules Bernadotte. Sein Vater Henri Bernadotte war Jurist; die Familie gehörte nicht dem Adel an.

Bernadotte trat 1780 in die französische Armee ein. Unter den gesellschaftlichen Bedingungen des Ancien Régime wäre seine militärische Karriere vermutlich bald an den Standesschranken gescheitert. Erst die Französische Revolution eröffnete ihm einen außergewöhnlichen Aufstieg: Bereits 1794 war er Divisionsgeneral, 1799 kurzfristig französischer Kriegsminister. Napoleon ernannte ihn 1804 zu einem der Marschälle des Kaiserreichs und verlieh ihm 1806 den Titel eines souveränen Fürsten von Pontecorvo.

Schwedens dynastische Krise

Schweden befand sich damals in einer tiefen politischen Krise. Nach dem verlorenen Krieg gegen Russland war 1809 Finnland verlorengegangen und König Gustav IV. Adolf gestürzt worden. Sein kinderloser Onkel bestieg als Karl XIII. den Thron.

Da der neue König keinen Thronerben hatte, wurde zunächst der dänische Prinz Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg angenommen, der in Schweden den Namen Karl August erhielt. Doch der Kronprinz starb bereits am 28. Mai 1810 überraschend.

Damit musste Schweden innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal einen Thronfolger suchen.

Der eigenmächtige Leutnant Carl Otto Mörner

Hier beginnt einer der bemerkenswertesten Vorgänge der europäischen Dynastiegeschichte.

Der damals 29-jährige schwedische Leutnant und Reichstagsabgeordnete Freiherr Carl Otto Mörner af Morlanda befand sich im Juni 1810 als Kurier in Paris. Mörner war überzeugt, dass Schweden nach dem Verlust Finnlands einen militärisch erfahrenen und international angesehenen Thronfolger benötigte.

Auf weitgehend eigene Initiative nahm er Kontakt zu Marschall Bernadotte auf und brachte dessen mögliche Kandidatur für den schwedischen Thron ins Gespräch.

Die oft erzählte Geschichte, Mörner habe Bernadotte im Alleingang die schwedische Krone angeboten, ist allerdings etwas zu romantisch. Die Forschung weist darauf hin, dass Mörner Helfer und Unterstützer besaß, darunter den schwedischen Diplomaten Elof Signeul und später General Fabian Wrede. Wie selbständig Mörner tatsächlich handelte, ist bis heute Gegenstand historischer Diskussionen.

Unstrittig ist jedoch: Ohne seine ungewöhnliche Initiative wäre Bernadottes Kandidatur wahrscheinlich kaum so rasch entstanden.

Warum gerade Bernadotte?

Für den französischen Marschall sprach mehr als nur sein militärischer Rang.

Während der napoleonischen Kriege hatte er schwedische Kriegsgefangene auffallend korrekt und großzügig behandelt und sich dadurch in schwedischen Militärkreisen einen guten Ruf erworben.

Noch wichtiger war aus dynastischer Sicht ein anderer Umstand: Bernadotte war verheiratet und hatte bereits einen Sohn.

1798 hatte er Désirée Clary geheiratet. Ihr einziger Sohn Oscar, der spätere König Oskar I., war 1799 geboren worden. Damit versprach Bernadottes Wahl nicht nur einen neuen Kronprinzen, sondern zugleich bereits eine nächste Generation.

Bei der Wahl in Örebro wurden deshalb sogar Porträts Bernadottes und seines Sohnes verbreitet.

21. August 1810 – ein französischer Marschall wird schwedischer Kronprinz

Am 21. August 1810 wählten die schwedischen Reichsstände in Örebro Jean-Baptiste Bernadotte zum Kronprinzen.

Bemerkenswert ist, dass es sich dabei keineswegs einfach um eine von Napoleon gesteuerte Entscheidung handelte. Zwar hofften viele Schweden, die Wahl eines französischen Marschalls werde dem Land außenpolitische Vorteile bringen. Napoleon selbst setzte Bernadotte jedoch nicht auf den schwedischen Thron.

Nach seiner Wahl verließ Bernadotte Frankreich, trat zum evangelisch-lutherischen Glauben über und nahm den schwedischen Namen Karl Johan an.

Am 5. November 1810 wurde er von König Karl XIII. förmlich als Sohn und Thronfolger adoptiert.

Damit war aus dem Sohn eines Juristen aus Pau ein schwedischer Kronprinz geworden.

Vom Marschall Napoleons zum Gegner Napoleons

Die Erwartung, Karl Johan werde als französischer Marschall automatisch ein verlässlicher Partner Napoleons sein, erfüllte sich nicht.

Als schwedischer Kronprinz stellte er die Interessen seiner neuen Heimat über jene Frankreichs. Er gab schließlich den Gedanken einer Rückeroberung Finnlands auf, näherte sich Russland und trat 1813 der Koalition gegen Napoleon bei.

Als Oberbefehlshaber der sogenannten Nordarmee gehörte der ehemalige französische Marschall damit zu den Heerführern der Koalition gegen seinen früheren Kaiser.

Seine skandinavische Politik konzentrierte sich nun auf Norwegen. 1814 entstand schließlich die schwedisch-norwegische Union.

Karl XIV. Johan

Nach dem Tod Karls XIII. am 5. Februar 1818 bestieg Bernadotte den Thron.

In Schweden regierte er als

Karl XIV. Johan, König von Schweden,

in Norwegen als

Karl III. Johan, König von Norwegen.

Er regierte bis zu seinem Tod am 8. März 1844.

Damit hatte der ehemalige französische Soldat tatsächlich eine neue europäische Königsdynastie begründet.

Genealogische Linie zum heutigen König

Die direkte Abstammung des heutigen schwedischen Königs lässt sich ohne Unterbrechung auf Jean-Baptiste Bernadotte zurückführen:

Code:
Karl XIV. Johan Jean-Baptiste Bernadotte (1763–1844) │ └── Oskar I. (1799–1859) │ └── Oskar II. (1829–1907) │ └── Gustaf V. (1858–1950) │ └── Gustaf VI. Adolf (1882–1973) │ └── Erbprinz Gustaf Adolf (1906–1947) │ └── Carl XVI Gustaf (* 1946)


Dabei handelt es sich um die genealogische Abstammungslinie, nicht um eine vollständige Liste aller aufeinanderfolgenden Könige: Zwischen Oskar I. und Oskar II. regierte beispielsweise zunächst dessen älterer Bruder Karl XV.

Bernadotte in Norwegen

Auch Norwegen wurde von Angehörigen des Hauses Bernadotte regiert. Karl XIV. Johan war dort als Karl III. Johan König. Die Bernadotte-Könige blieben während der schwedisch-norwegischen Union bis zu deren Auflösung 1905 auf dem norwegischen Thron.

Seither regiert das Haus Bernadotte ausschließlich in Schweden.

Eine bemerkenswerte dynastische Kontinuität

Was 1810 wie ein politisches Experiment begann, erwies sich als außerordentlich dauerhaft.

Die napoleonischen Königreiche und zahlreiche von Napoleon geschaffene Fürstentümer verschwanden bereits wenige Jahre später wieder. Ausgerechnet die Dynastie eines seiner Marschälle überstand jedoch den Sturz des französischen Kaiserreiches.

Mehr als zwei Jahrhunderte nach Bernadottes Wahl sitzt mit König Carl XVI Gustaf noch immer ein direkter Nachkomme Jean-Baptiste Bernadottes auf dem schwedischen Thron.

Eine kleine Pointe der europäischen Dynastiegeschichte: Der Mann, der als Bürgerlicher in einer königlichen Armee begann, begründete schließlich eines der beständigsten noch regierenden Königshäuser Europas.

Quellen und weiterführende Literatur:

– Kungl. Hovstaterna / Schwedisches Königshaus: Karl XIV Johan
– Kungl. Hovstaterna: The Bernadotte Dynasty
– Sveriges riksdag: Successionsordning 1810:0926
– Svenskt Biografiskt Lexikon: Carl Otto Mörner
– Svenskt Biografiskt Lexikon: Elof Signeul
– Fondation Napoléon: Jean-Baptiste-Jules Bernadotte

Bildhinweis: Besonders interessant ist das sogenannte „Örebroporträttet“ Bernadottes. Der Stich wurde bereits vor der Thronfolgerwahl 1810 unter den Mitgliedern des schwedischen Reichstags verbreitet – gewissermaßen politische Wahlwerbung für den zukünftigen König. Quelle:  Karl XIV Johan | Kungahuset
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