Damenporträt – italienische Spuren: Turrisi? Bonavogli/Bonavoglia? Baroncelli?
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Damenporträt – italienische Spuren: Turrisi? Bonavogli/Bonavoglia? Baroncelli?
2 Wochen 1 Stunde herDrei Wappen auf Damenporträt – italienische Spuren: Turrisi? Bonavogli/Bonavoglia? Baroncelli?
Hallo zusammen,
an den ADLER wurde ein Damenporträt mit einer auffälligen Dreiergruppe von Wappen herangetragen. Die ursprüngliche Vermutung ging in Richtung habsburgischer Raum, Österreich/Tirol bzw. süddeutscher Einflussbereich. Nach Durchsicht der Vergleichsbilder und der bisherigen Hinweise scheint die Spur jedoch deutlich stärker nach Italien zu führen – möglicherweise in ein Umfeld aus Toskana/Emilia-Romagna und Sizilien.
Der Übermittler des Bildes konnte keine näheren Angaben zur dargestellten Dame machen. Das Porträt soll offenbar im Kunst- bzw. Trödelhandel erworben worden sein. Ziel der Anfrage ist daher vor allem: Kann man über die drei Wappen die dargestellte Person oder wenigstens das familiäre Umfeld eingrenzen?
1. Beschreibung der Wappengruppe
Zur besseren Verständigung bezeichne ich die drei Wappen hier ausdrücklich vom Betrachter aus:
- links: in blauem Feld ein Turm bzw. eine Burg, von zwei goldenen Löwen gehalten oder begleitet; im Schildhaupt drei Sterne.
- Mitte: im oberen Feld ein goldener, wohl gekrönter oder zumindest deutlich hervorgehobener Löwe bzw. leopardierter Löwe; unten ein dunkler, blau/grün wirkender Berg oder Grund. Vor dem Löwen scheint sich eine Kette oder ein ähnliches Attribut zu befinden.
- rechts: rot-silbern bzw. silbern-rot gebändert oder mit roten Schrägbalken; darüber ein blaues Schildhaupt mit drei goldenen Lilien und rotem Turnierkragen.
Gerade das rechte Wappen ist durch den blauen Lilien-Chef mit rotem Turnierkragen sehr deutlich als italienisch-französisch geprägtes Zeichen erkennbar, also als sogenannter capo d’Angiò. Auch die übrigen Vergleichsfunde sprechen eher für Italien als für Tirol oder den süddeutschen Raum.
2. Bisherige und neue Zuordnungsvorschläge
A) Linkes Wappen: wohl Turrisi, nicht zwingend Torriani
Zunächst wurde an eine der zahlreichen Familien Torre, Torriani, Turriani, Della Torre usw. gedacht. Dieser Gedanke ist wegen des Turmes und der beiden Löwen verständlich. Auch das beigegebene Vergleichsbild eines Bartholomäus Torriani/de la Torre di Lavagna aus Genua zeigt ein ähnliches Motiv mit Turm und Löwen.
Bei genauerem Vergleich scheint das Wappen auf dem Porträt jedoch besser zum sizilianischen Wappen Turrisi zu passen. Der beigegebene Auszug aus Vittorio Spreti, Enciclopedia storico-nobiliare italiana, Vol. VI, beschreibt das Wappen der Turrisi sinngemäß als:
In Blau ein Turm bzw. Kastell auf natürlichem Grund, gehalten oder begleitet von zwei goldenen, einander zugewandten Löwen; im Schildhaupt drei sechsstrahlige Sterne.
Der beigefügte Spreti-Ausschnitt nennt außerdem als Bezugspunkte Castelbuono und Palermo sowie die Titel Barone di Gorgo e Buonvicino, Signore di S. Giorgio e Ogliastro und Signore di Palminteri. Ergänzend ist in Treccani Nicolò Turrisi Colonna als Sohn des Barons Mauro Turrisi di Buonvicino und der Rosalia Colonna dei duchi di Cesarò nachweisbar.
Quellen:
Treccani: Nicolò Turrisi Colonna
Diskussion und Blasonierung zum Wappen Turrisi/Turrisi Colonna
Quelle im Thread: beigefügter Auszug aus Spreti, Enciclopedia storico-nobiliare italiana, Vol. VI.
Wappen Turrisi
Zwischenfazit: Das linke Wappen dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Turrisi weisen. Die ältere Spur „Torriani/Turriani“ bleibt als Vergleich interessant, scheint aber wegen der drei Sterne und der Übereinstimmung mit Spreti weniger stark zu sein.
Wappen Torriani
Das mittlere Wappen war bisher am schwierigsten zu deuten. Die Figur wirkt wie ein goldener Löwe, der aus einem dunklen Berg oder Grund hervorkommt. Vor dem Löwen ist ein unklarer Gegenstand zu sehen, der bei stärkerer Vergrößerung wie eine Kette wirken könnte.
Hier ergibt sich eine neue, vorsichtige Arbeitshypothese: Bonavogli bzw. Bonavoglia aus Pisa/Toskana.
Das Archivio di Stato di Firenze, Ceramelli-Papiani, führt für die Familie Bonavogli u. a. folgende Wappenform:
Di rosso, al leone d’oro sostenuto da un monte di tre cime d’azzurro, e attraversante su una catena posta in fascia d’oro.
Deutsch sinngemäß:
In Rot ein goldener Löwe, gestützt von einem blauen Dreiberg, über alles eine goldene Kette in Balkenlage.
Das passt auffallend gut zu dem, was am mittleren Schild des Porträts erkennbar ist: rotes oberes Feld, goldener Löwe, dunkler/blauer Berg und ein schwer lesbares Attribut, das tatsächlich eine Kette sein könnte.
Quelle:
Archivio di Stato di Firenze, Ceramelli-Papiani: Famiglia Bonavogli, fasc. 5204
Wichtig: Diese Zuordnung ist noch nicht gesichert. Die Fotoqualität und mögliche Übermalungen lassen keine endgültige Lesung zu. Das mittlere Wappen sollte daher vorerst als „Bonavogli/Bonavoglia?“ mit Fragezeichen geführt werden.
C) Rechtes Wappen: sehr wahrscheinlich Baroncelli
Das rechte Wappen zeigt silbern-rote bzw. rot-silberne Schrägbalken/Bänder und darüber ein blaues Schildhaupt mit drei goldenen Lilien unter einem roten Turnierkragen. Dazu gibt es zwei sehr gute Vergleichsspuren:
1. Crollalanza nennt die Baroncelli di Firenze e di Bologna und beschreibt das Wappen als:
Bandato di rosso e d’argento.
Außerdem nennt Crollalanza die Herkunft von Baroncello bei Florenz, die Ansiedlung in Florenz im 12. Jahrhundert, einen Zweig in Frankreich mit der Herrschaft Javon sowie einen Zweig in Bologna; das Aussterben wird dort mit 1649 angegeben.
Quelle:
G. B. di Crollalanza, Dizionario storico-blasonico, Vol. I, Eintrag Baroncelli
2. Im Rietstap wird für Baroncelli, Bologne eine Form mit drei roten Schrägbalken in Silber und einem blauen Schildhaupt mit drei goldenen Lilien unter rotem Turnierkragen genannt:
D’argent à trois bandes de gueules; au chef d’azur chargé de trois fleurs-de-lis d’or rangées entre les quatre pendants d’un lambel de gueules.
Quelle:
Rietstap / Armoriale.it: Baroncelli, Bologne
Zusätzlich passt das beigegebene Vergleichsbild aus dem Palazzo dell’Archiginnasio in Bologna zu Stephanus Baroncelli sehr gut. Auch dort ist die Kombination aus Schrägbändern und dem Anjou-Schildhaupt erkennbar.
Zur Familie Baroncelli allgemein:
Baroncelli, famiglia – Übersicht
Treccani: Tommaso Baroncelli
Zwischenfazit: Das rechte Wappen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Baroncelli, wohl in der bolognesischen bzw. florentinisch-bolognesischen Form mit capo d’Angiò.
3. Ist das ein „Gemeinschaftswappen“?
Streng genommen handelt es sich hier wohl nicht um ein Gemeinschaftswappen im deutschen Sinn, also nicht um ein einziges vereinigtes, geviertes oder gespaltenes Familienwappen. Vielmehr sehen wir drei selbständige Wappenschilde in einer gemeinsamen Kartusche.
Im deutschsprachigen Raum würde man bei Ehe- oder Familienbezügen eher ein klassisches Allianzwappen erwarten: Mann und Frau nebeneinander, gespalten oder in zwei Schilden unter gemeinsamer Rangkrone. In Italien begegnen dagegen auf Porträts, Grabmälern, Palazzi, Universitäts- und Stiftungskontexten öfter mehrere einzelne Familienwappen nebeneinander. Sie können auf Eheverbindungen, Abstammung, Stifterfamilien, mütterliche Linien oder sonstige Familienallianzen verweisen.
Die von außen herangetragene Deutung „rechts Vater, links Mutter, in der Mitte Ehemann“ ist daher möglich, aber derzeit nicht belegbar. Ebenso denkbar wäre:
- mittig die Hauptfamilie der dargestellten Person oder ihres Ehegatten,
- seitlich die beiden wichtigsten Allianz- oder Elternwappen,
- oder eine spätere, genealogisch erklärende Ergänzung auf einem älteren Porträt.
Gerade letzterer Punkt sollte nicht übersehen werden: Die Wappenkartusche könnte theoretisch auch nachträglich auf ein bestehendes Porträt aufgebracht worden sein. Das wäre vor allem dann zu prüfen, wenn die Kleidung bzw. der Stil des Porträts zeitlich nicht gut zu den gesuchten Familienverbindungen passt.
4. Regionale Einschätzung
Die Wappen sprechen derzeit klarer für Italien als für Tirol, Österreich oder Süddeutschland.
- Baroncelli führt nach Florenz/Bologna.
- Bonavogli/Bonavoglia? führt nach Pisa/Toskana.
- Turrisi führt nach Sizilien, insbesondere Palermo/Castelbuono.
Das ist auf den ersten Blick weit gestreut, aber keineswegs unmöglich. Italienische Adels- und Patrizierfamilien waren durch Heiraten, Ämter, Handel, Kirchenkarrieren und Besitzwechsel häufig über größere Distanzen verbunden. Gerade ein Porträt mit mehreren Wappen kann eine solche Verbindung sichtbar machen.
5. Vorläufige Lesung
Nach jetzigem Stand würde ich die drei Wappen so zusammenfassen:
- vom Betrachter links: wahrscheinlich Turrisi, Sizilien/Palermo-Castelbuono.
- Mitte: möglicherweise Bonavogli/Bonavoglia, Pisa/Toskana; wegen Fotoqualität noch unsicher.
- vom Betrachter rechts: sehr wahrscheinlich Baroncelli, Florenz/Bologna.
Damit wäre die frühere Vermutung eines habsburgisch-tirolischen oder süddeutschen Zusammenhangs eher zurückzustellen. Die deutlich stärkere Arbeitshypothese lautet: italienisches, vermutlich patrizisch-adeliges Umfeld, mit toskanisch-bolognesischer und möglicherweise sizilianischer Komponente.
6. Offene Punkte und sinnvolle Folgefragen
Um die dargestellte Dame wirklich identifizieren zu können, wären folgende Punkte wichtig:
- Gibt es ein Foto der Rückseite des Bildes, des Rahmens, eventueller Etiketten, Siegel, Inventarnummern oder alter Händlervermerke?
- Sind Maße, Technik und Träger bekannt? Öl auf Leinwand, Holz, Kupfer?
- Ist die Wappenkartusche sicher gleichzeitig mit dem Porträt entstanden, oder könnte sie später ergänzt worden sein?
- Gibt es eine hochauflösende Detailaufnahme nur des mittleren Wappens? Besonders wichtig wäre die Frage, ob der Gegenstand vor dem Löwen tatsächlich eine Kette ist.
- Ist am mittleren Schild ein Dreiberg zu erkennen oder nur ein einfacher Grund/Hügel?
- Gibt es Restaurierungsberichte oder Hinweise auf Übermalungen im Bereich der Wappen?
- Kann im Umfeld Turrisi – Bonavogli/Bonavoglia – Baroncelli eine Eheverbindung nachgewiesen werden?
- Wurde das Bild in Italien erworben, oder gibt es eine ältere Provenienzangabe?
- Könnte die Kleidung der Dame kunsthistorisch genauer datiert werden? Das wäre wichtig, um die genealogische Suche zeitlich einzugrenzen.
7. Bitte an die Mitlesenden
Mich würde besonders interessieren, ob jemand eine genealogische Verbindung zwischen den Familien Turrisi, Bonavogli/Bonavoglia und Baroncelli kennt oder in italienischen Heirats-, Adels- oder Patrizierregistern nachweisen kann.
Ebenso wäre eine Einschätzung willkommen, ob die Wappengruppe auf dem Porträt eher als Eheallianz, Eltern-/Ahnenhinweis oder nachträgliche genealogische Kennzeichnung zu verstehen ist.
Quellen und Stand der Prüfung
- Baroncelli: durch Crollalanza und Rietstap/Armoriale.it gut belegt.
- Turrisi: durch den beigefügten Spreti-Auszug und ergänzende Onlinequellen gut plausibilisiert.
- Bonavogli/Bonavoglia: durch das Archivio di Stato di Firenze als Wappenform belegt, aber die Zuordnung zum mittleren Schild bleibt wegen der Bildqualität vorläufig.
- Eine Identifikation der dargestellten Dame ist damit noch nicht erreicht.
"IN OMNIBUS ORDO"
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