Barockes Exlibris „J. G. v. R.“ aus einem Lausitz-Druck von 1719

Barockes Exlibris „J. G. v. R.“ aus einem Lausitz-Druck von 1719

2 Wochen 1 Tag her
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 Barockes Exlibris „J. G. v. R.“ aus einem Lausitz-Druck von 1719 – vermutlich Riemer von Riemberg

Liebe Mitforschende,

in einer sächsischen Genealogie-/Heraldik-Gruppe wird derzeit ein bisher nicht identifiziertes barockes Exlibris aus einem Buch von 1719 diskutiert. Nach dem bisherigen Stand handelt es sich um ein Geschichtswerk zur Oberlausitz, also um einen Druck aus dem kulturellen Umfeld Kursachsens und der Oberlausitz in der Zeit der Personalunion mit Polen.

Erkennbar sind eine Krone über dem Wappen sowie die Initialen, offenbar „J. G. v. R.“ beziehungsweise nach vorsichtiger Freilegung zumindest „G. v. R.“. Die erste Lesung des Wappens lautete sinngemäß:
Gevierter Schild: Vogel/Taube mit Zweig; Arm mit Zweig; Farben unbekannt.
 

Nach der weiteren Diskussion und dem Vergleich mit einschlägigen Wappenquellen spricht jedoch vieles dafür, dass das Exlibris nicht zu einer bislang unbekannten „Tauben“-Familie gehört, sondern zum Wappen der Familie Riemer von Riemberg.

1. Ausgangslage

Das Exlibris zeigt offenbar ein geviertes Wappen. In den Feldern 1 und 4 wurde zunächst ein gekrönter Vogel, vielleicht eine Taube, gesehen. In den Feldern 2 und 3 wurde ein Arm mit Zweig vermutet.

Diese Lesung führte zunächst nicht weiter. Weder unter „Taube“, „Vogel“, „Arm“ noch bei naheliegenden Familien mit „v. R.“ scheint ein überzeugender Treffer gefunden worden zu sein. Auch die Krone war zunächst irreführend: Sie muss nicht zwingend bedeuten, dass „G.“ für „Graf“ steht. Gerade bei Exlibris und barocken Wappendarstellungen kann eine Krone auch dann verwendet worden sein, wenn der Helm weggelassen wurde. Die Initialen sind daher eher als Namensinitialen zu lesen, also etwa Johann Gottfried von R… oder Gottfried von R…, nicht zwingend als „Graf von R…“.

2. Neue Deutung der Wappenfiguren

Der entscheidende Schritt scheint die Umdeutung der Figuren zu sein:
  • Der vermeintliche Vogel oder die vermeintliche Taube dürfte kein Taubenmotiv sein, sondern ein Phönix.
  • Das vermeintliche „Nest“ oder der natürliche Felsen könnte als Scheiterhaufen, Flammenkranz, Feuerring oder stilisierte Erhebung zu verstehen sein.
  • Der vermeintliche Arm dürfte eher ein Adlerfuß / eine Adlerklaue sein.
  • Der Zweig ist in diesem Zusammenhang wahrscheinlich kein Ölzweig einer Taube, sondern ein Lorbeerzweig.

Diese Deutung passt wesentlich besser zur heraldischen Beschreibung der Familie Riemer von Riemberg. Gerade bei barocken Exlibris können solche Figuren stark künstlerisch vereinfacht oder eigenwillig wiedergegeben sein. Ein Phönix kann dadurch wie eine Taube erscheinen; eine Adlerklaue kann bei flüchtiger Betrachtung wie ein menschlicher Arm wirken.

3. Die Spur Riemer von Riemberg

Die bislang überzeugendste Identifizierung führt zur schlesisch-böhmischen Familie Riemer von Riemberg.

In Doerrs Verzeichnis der in den böhmischen Saalbüchern eingetragenen Wappenbriefe und Adelsdiplome finden sich zwei einschlägige Einträge:
  • Daniel Riemer, Stadtsyndikus in Breslau, erhielt am 11. Mai 1705 den Ritterstand mit dem Prädikat „von Riemer und Riemberg“.
  • Gottfried Riemer erhielt am 9. Mai 1712 den Ritterstand mit dem Prädikat „von Riemberg“.

Damit ist die zeitliche Nähe zum Exlibris aus einem Buch von 1719 auffällig. Ein 1712 nobilitierter Gottfried Riemer beziehungsweise ein Angehöriger dieser Familie wäre für ein Exlibris in einem 1719 erschienenen Buch durchaus plausibel.

Besonders interessant ist die Initialenfrage: Wenn die Lesung „J. G. v. R.“ korrekt ist, käme als Besitzer des Exlibris vor allem ein Johann Gottfried von Riemer und Riemberg in Betracht. Zu prüfen bleibt, ob dieser mit dem in der Literatur erwähnten Johann Gottfried von Riemer und Riemberg, Breslau, in Verbindung zu bringen ist und ob er tatsächlich eine Bibliothek beziehungsweise entsprechende Exlibris führte.

4. Warum nicht „Taube“?

Die anfängliche Lesung als Taube ist verständlich, aber wahrscheinlich nicht die richtige Spur.

Eine Taube trägt den Ölzweig klassisch im Schnabel. Hier scheint der Zweig aber mit der Klaue beziehungsweise einem Fußmotiv verbunden zu sein. Auch der Ort des Vogels – offenbar auf einem „Nest“, Felsen, Flammen- oder Scheiterhaufenmotiv – passt besser zum Phönix als zur Taube.

Dass die Darstellung nicht exakt mit späteren Blasonierungen übereinstimmt, ist kein Ausschlussgrund. Gerade bei älteren Exlibris, Porträtwappen und gestochenen Gebrauchsgrafiken sind Abweichungen häufig. Sie können entstehen durch:
  • eine freie künstlerische Umsetzung des Blasons,
  • eine missverstandene Vorlage,
  • eine ungenaue oder verkürzte Wappenbeschreibung,
  • eine ältere Familienvariante,
  • oder spätere heraldische Vereinheitlichungen in den gedruckten Wappenwerken.

5. Vergleichsmaterial

Als Vergleich wurde ein Bildnis des 1705 nobilitierten Daniel Riemer von Riemberg mit Wappen herangezogen:

www.portraitindex.de...j/34025886

Dazu wurden vergrößerte Ausschnitte des Wappens genannt:

ibb.co/9hmVK7X
ibb.co/jv9kK6S

Auch dort scheinen in den Feldern 1 und 4 leichte Unterschiede in der Darstellung vorzukommen. In einem Feld wirkt die Basis des Vogels eher bergartig, in einem anderen fehlt sie oder ist anders gezeichnet. Gerade das spricht dafür, dass wir es nicht mit einem völlig anderen Wappen, sondern mit variierenden Darstellungen desselben Motivs zu tun haben.

Als weiterer Vergleich wurde die einschlägige Siebmacher-Seite genannt:

dfg-viewer.de/show/c...page%5D=49

6. Quellenlage und Korrekturbedarf

Nach der bisherigen Diskussion ergibt sich ungefähr folgender Quellenstand:
  • Im österreichischen Archivinformationssystem wurde nach dem Stichwortkomplex offenbar kein einfacher Treffer gefunden. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass keine Akte vorhanden ist; nicht alle einschlägigen Bestände sind vollständig über einfache Volltextsuche auffindbar.
  • Doerr verzeichnet die böhmischen Saalbucheinträge zu Daniel Riemer 1705 und Gottfried Riemer 1712.
  • Siebmacher und Rietstap führen die Familie mit Phönix beziehungsweise entsprechender Wappenfigur.
  • Das GHdA-Adelslexikon soll die Korrektur gegenüber älteren Siebmacher-Angaben enthalten, insbesondere hinsichtlich der böhmischen Ritterstandsverleihungen.
  • Die Angabe „Reichsadel“ in älteren Sekundärquellen ist daher mit Vorsicht zu behandeln; nach Doerr handelt es sich hier um böhmische Ritterstandseinträge.

Die bisher genannten Angaben zu Siebmacher, Rietstap und GHdA sollten im Original nochmals sauber nebeneinandergestellt werden. Besonders wichtig wäre die genaue Blasonierung aus dem böhmischen Saalbuch beziehungsweise aus dem Adelsdiplom.

7. Vorläufiges Ergebnis

Nach derzeitigem Stand scheint die Identifizierung des Exlibris als Wappen der Familie
Riemer von Riemberg

sehr wahrscheinlich.

Die Deutung wäre demnach:
  • Initialen: vermutlich J. G. v. R. oder G. v. R.
  • Familie: Riemer von Riemberg
  • Zeitlicher Rahmen: nach der Nobilitierung von 1705 beziehungsweise 1712; Exlibris in einem Buch von 1719
  • Wappenfigur: nicht Taube, sondern sehr wahrscheinlich Phönix
  • Weitere Figur: nicht Arm, sondern wohl Adlerfuß / Adlerklaue mit Lorbeerzweig
  • Möglicher Besitzer: ein Johann Gottfried beziehungsweise Gottfried von Riemer/Riemberg; dies ist noch durch Provenienz- oder Exlibrisnachweis zu sichern.

Damit wäre die Herkunft des Exlibris noch nicht endgültig bewiesen, aber die Suchrichtung ist nun erheblich eingegrenzt.

8. Offene Fragen an die Runde

Um die Identifizierung abzusichern, wären folgende Punkte besonders hilfreich:
  • 1. Welches Buch ist es genau?
    Bitte vollständigen Titel, Autor, Erscheinungsort und Signatur angeben. Handelt es sich um Christian Gottfried Hoffmanns Scriptores rerum Lusaticarum von 1719 oder um ein anderes Oberlausitzer Geschichtswerk?
  • 2. Gibt es weitere Provenienzspuren im Buch?
    Besitzeinträge, Stempel, alte Signaturen, Bibliotheksetiketten, handschriftliche Marginalien oder Kaufvermerke könnten den Besitzer eindeutig machen.
  • 3. Können die Initialen hochauflösend nachgereicht werden?
    Entscheidend ist, ob wirklich J. G. v. R. zu lesen ist oder nur G. v. R.. Bitte möglichst mit Streiflicht, Makroaufnahme und ohne weiteres mechanisches Freikratzen dokumentieren.
  • 4. Existiert ein bekanntes Exlibris Johann Gottfried von Riemer und Riemberg?
    Ein Abgleich mit Exlibris-Sammlungen, Provenienzdatenbanken und Bibliothekskatalogen wäre der stärkste Beweis.
  • 5. Was steht im böhmischen Saalbuch beziehungsweise im Adelsdiplom?
    Interessant wäre die genaue Wappenbeschreibung zu Daniel Riemer 1705 und Gottfried Riemer 1712. Enthalten die Saalbücher hier nur die Blasonierung oder auch eine Wappenskizze?
  • 6. Gibt es eine ältere bürgerliche Wappenführung der Breslauer Familie Riemer?
    Falls vor der Nobilitierung bereits ein Familienwappen geführt wurde, könnte dies erklären, warum Darstellungen im frühen 18. Jahrhundert von späteren gedruckten Blasonierungen abweichen.
  • 7. Gibt es einen nachweisbaren Bezug der Familie Riemer von Riemberg zur Oberlausitz, zu Zittau, Bautzen oder zu Lausitzer Geschichtswerken?
    Ein bibliophiler oder historischer Sammelkontext wäre für ein Exlibris in einem Oberlausitzer Geschichtswerk von 1719 besonders plausibel.

9. Arbeits- und Quellenlinks
Zusammenfassung

Die Suche begann mit einer vermeintlichen Taube und einem Arm. Nach Vergleich der heraldischen Motive ist jedoch die Lesung als Phönix und Adlerklaue mit Lorbeerzweig deutlich überzeugender. Zusammen mit den Initialen J. G. v. R. beziehungsweise G. v. R. und der zeitlichen Nähe zu den böhmischen Ritterstandserhebungen von 1705 und 1712 führt die stärkste Spur derzeit zu Riemer von Riemberg.

Ein endgültiger Nachweis wäre erbracht, wenn entweder ein identisches Exlibris, ein Besitzvermerk im Buch oder die originale Wappenbeschreibung beziehungsweise Wappenzeichnung aus dem Saalbuch/Adelsakt beigezogen werden kann.
"IN OMNIBUS ORDO"

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