Der „neue“ Adel und die „zweite Gesellschaft“ in Österreich um 1910
- USchu
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Der „neue“ Adel und die „zweite Gesellschaft“ in Österreich um 1910
4 Wochen 1 Tag her
Um 1910 war der Glanz des alten Adels in Österreich noch keineswegs verblasst. Die höfische Gesellschaft, die großen Bälle, die symbolische Nähe zum Kaiserhaus und die eingeübten gesellschaftlichen Rangordnungen wirkten weiterhin stark. Gleichzeitig war aber längst eine neue gesellschaftliche Realität entstanden: Neben dem alten Geburtsadel trat ein wirtschaftlich mächtiger, vielfach erst im 19. Jahrhundert nobilitierter „neuer“ Adel.
Dieser neue Adel war häufig aus Unternehmern, Industriellen, Bankiers, Großhändlern oder erfolgreichen Angehörigen der bürgerlichen Leistungselite hervorgegangen. Seine soziale Stellung beruhte weniger auf langer Herkunft als auf wirtschaftlicher Bedeutung, gesellschaftlichem Erfolg und staatlicher Anerkennung. Gerade darin lag jedoch die Spannung: Der neue Adel besaß zwar Titel, Vermögen und oft auch Orden, wurde aber von der alten Hof- und Adelsgesellschaft nicht ohne Weiteres als ebenbürtig anerkannt.
Reichtum allein öffnete nicht die Türen
Die wirtschaftliche Bedeutung des neuen Adels war beträchtlich. Für Wien und Niederösterreich werden für 1910 unter den 929 höchsten Einkommenssteuerzahlern zahlreiche Angehörige des neuen Adels genannt. Ein großer Teil dieses neuen Adels war jüdischer Herkunft. Gerade diese Gruppe verfügte über ein außerordentlich hohes Einkommen, blieb gesellschaftlich aber vielfach ausgegrenzt.
Die zentrale Aussage des Textes ist deutlich: Eine Adelserhebung bedeutete nicht automatisch Aufnahme in die höfische Gesellschaft. Selbst sehr reiche und offiziell anerkannte Familien konnten an unsichtbare Grenzen stoßen. Als Beispiel wird Rothschild genannt. Obwohl hoffähig, blieb der Zugang zu adeligen Zirkeln und zum adeligen „Du“ schwierig. Kaiser Franz Joseph soll es vermieden haben, Rothschild die Hand zu schütteln.
Damit wird ein wichtiger Unterschied sichtbar: Rechtlicher oder formaler Adel war nicht dasselbe wie gesellschaftliche Ebenbürtigkeit.
Ball bei Hof, Hofball, Stadtball und Industriellenball
Besonders anschaulich zeigt sich diese Rangordnung in der Welt der Bälle. Der exklusive „Ball bei Hof“ war nur der eigentlichen Hofgesellschaft vorbehalten. Unter Kaiser Franz Joseph umfasste dieser Kreis ungefähr 700 Personen. Der etwas weniger exklusive Hofball zog rund 2.000 Personen an. Die bürgerliche Elite wiederum traf sich beim Ball der Stadt Wien.
Für jüdische Kreise und für viele Vertreter der Wirtschaftselite blieb aber selbst diese bürgerliche Gesellschaft nicht frei von Abgrenzungen. Sie gingen zum Industriellenball. Dieser Ball nahm daher eine besondere Stellung ein: Er bildete zumindest einmal im Jahr eine Brücke zwischen Hof, Adel, Bürgertum und Wirtschaft. Gerade diese Mischform machte ihn besonders interessant. Er war gewissermaßen ein gesellschaftliches Zwischenformat: nicht reiner Hofball, nicht bloßer Bürgerball, sondern ein Ort, an dem sich jene begegnen konnten, die im strengeren höfischen Rahmen nicht zugelassen worden wären.
Der neue Adel blieb oft „zweite Gesellschaft“
Trotz Titel, Vermögen und öffentlicher Anerkennung wurde der Industrie- und Wirtschaftsadel häufig nicht als ebenbürtig empfunden. Der Text nennt Karl Miller-Aichholz als Beispiel. Obwohl er aus einer der reichsten Familien Wiens stammte, wurde ihm während seines Militärdienstes bei der als besonders nobel geltenden Kavallerie subtil klargemacht, dass er nicht zur altadeligen Welt gehörte. Seine Kameraden nannten ihn nicht „Leutnant Miller“, sondern abwertend „Müller“.
Solche Gesten zeigen, dass gesellschaftliche Abwertung nicht immer offen ausgesprochen werden musste. Sie konnte auch über Namen, Umgangsformen, Einladungen, Anreden oder das Verweigern vertrauter Umgangsformen erfolgen.
Bürgerstolz statt Adelstitel
Bemerkenswert ist, dass nicht alle Aufsteiger nach einem Adelstitel strebten. Einige lehnten eine Nobilitierung ausdrücklich ab. Genannt werden unter anderem Nikolaus Dumba, Josef Lobmeyr, Moritz Zweig, Theodor Gomperz, Johann Zacherl, Josef Werndl, Arthur Krupp, Wilhelm Kestranek, Gottfried Schenker, Heinrich Klinger sowie Karl und Paul Kupelwieser.
Die Gründe waren unterschiedlich. Manche handelten aus liberalem Bürgerstolz, andere aus Distanz zum Adel, wieder andere aus Skepsis gegenüber dem Kaiserhaus oder aus einem bewussten Selbstverständnis als Bürgerliche. Theodor Gomperz tat dies aus einem „deutschliberalen Bürgerstolz“. Johann Zacherl lehnte den Adelstitel ebenfalls ab und sah offenbar kritisch, dass sich andere Kreise mit Adelstiteln gesellschaftlich emporarbeiteten.
Hier zeigt sich eine interessante Gegenbewegung: Während viele Familien den Adel als gesellschaftlichen Aufstieg betrachteten, gab es auch jene, die gerade im Verzicht auf den Adel eine Form von Würde und Selbstbehauptung sahen.
Josef Werndl: lieber erster Bürgerlicher als letzter Adeliger
Besonders eindrucksvoll ist der Fall Josef Werndl. Der Steyrer Waffenindustrielle erhielt 1870 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse. Mit diesem Orden war auf Antrag die taxfreie Aufnahme in den Ritterstand verbunden. Werndl stellte jedoch keinen solchen Antrag.
Ihm werden die Sätze zugeschrieben: „Als Werndl bin ich auf die Welt gekommen, als Werndl will ich sterben“ und „Ich bin lieber der erste Bürgerliche als der letzte Adelige.“
Gerade dieser Fall zeigt aber auch die Ambivalenz der Zeit. Werndl selbst wollte nicht adelig werden. Seine Töchter Caroline, verheiratete Baronin Imhof, und Anna, verheiratete Gräfin Lamberg, ersuchten 1902 dennoch um eine posthume Nobilitierung ihres Vaters. Dieses Gesuch wurde bewilligt.
Die Begründung der Töchter ist aufschlussreich. Obwohl sie durch ihre Heiraten bereits adelige Rechte erlangt hatten, wollten sie auch selbst den Adel aus väterlicher Linie besitzen: aus Pietät gegenüber dem Vater, wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung und um ihrer Kinder willen. Der Fall Werndl zeigt daher nicht nur persönlichen Bürgerstolz, sondern auch den anhaltenden sozialen Wert des Adelsprädikats für Familie und Nachkommenschaft.
Zugleich war Werndl keineswegs frei von adeligen Lebensformen. Er pachtete ein großes Jagdgebiet, errichtete eine schlossähnliche Villa und verheiratete seine Töchter mit hohen Adeligen. Bürgerliches Selbstbewusstsein und aristokratische Lebensformen schlossen einander also nicht aus.
Arthur Krupp und die feudale Lebensform ohne Adelstitel
Auch Arthur Krupp wurde nicht in den Adelsstand erhoben. Ob dies seinem eigenen Wunsch entsprach, mit der Haltung seiner deutschen Verwandten zusammenhing oder auf seine Kritik am Kaiserhaus zurückzuführen war, bleibt offen.
Krupp erscheint als monarchisch und aristokratisch gesinnt, zugleich aber als Kritiker der Führungsqualitäten des österreichischen Kaiserhauses. Seine Lebensweise wird als beinahe feudal beschrieben: Wohnstil, Eigenjagd und gesellschaftliches Auftreten entsprachen durchaus aristokratischen Mustern. Trotzdem blieb der Adelstitel aus.
Auch hier wird deutlich: Adel war nicht nur eine Frage von Vermögen oder Lebensstil, sondern auch eine Frage politischer, sozialer und persönlicher Konstellationen.
Heinrich Klinger: liberaler Fabriksherr ohne Adelsambition
Der Historiker Friedrich Engel-Jánosi beschreibt seinen Großvater Heinrich Klinger als liberalen Fabriksherrn. Klinger hatte sich aus kleinen Anfängen emporgearbeitet und beschäftigte um 1902 mehr als 5.000 Personen. Er nahm staatliche Anerkennungen bereitwillig an: den Titel Kaiserlicher Rat, den Orden der Eisernen Krone und den Franz-Joseph-Orden.
Eine Bewerbung um den Adel lehnte er jedoch ab. Er wollte nicht als mehr erscheinen als ein liberaler Bürger. Auch dieses Beispiel zeigt, dass Orden, Titel und gesellschaftliche Anerkennung nicht zwangsläufig in den Wunsch nach Nobilitierung mündeten.
Kupelwieser und Wittgenstein: Reichtum ohne Adel, aber nicht ohne Aristokratie
Karl und Paul Kupelwieser legten keinen Wert auf einen Adelstitel. Anders als ihre Brüder Leopold und Franz, die im Staatsdienst standen, waren sie wirtschaftlich besonders begütert. Paul Kupelwieser hatte zudem ein distanziertes Verhältnis zum Herrscherhaus, insbesondere im Zusammenhang mit der Insel Brioni und Thronfolger Franz Ferdinand.
Karl Wittgenstein wiederum lehnte eine Nobilitierung ab, lebte aber in Formen, die durchaus aristokratisch wirkten: Palais, Salon, Hauslehrer, Kunstsammlung, Hausmusik und Landsitze. In seiner Familie zeigen sich unterschiedliche Haltungen besonders deutlich. Ludwig Wittgenstein wollte weder adelige Allüren noch Reichtum. Margaret Wittgenstein erwarb hingegen die Gmundner Villa Toscana. Clara Wittgenstein führte eine aristokratische Hofhaltung, wurde respektvoll „Baronin“ genannt und von der Bevölkerung als „Kaiserin von Laxenburg“ bezeichnet — obwohl sie nie einen Adelstitel besessen hatte.
Gerade dieses Beispiel bringt eine typisch österreichische Besonderheit auf den Punkt: Gesellschaftliche Wahrnehmung, Lebensform und Anrede konnten mitunter stärker wirken als der tatsächliche Besitz eines Titels.
Albrecht Ritter v. Kubinzky und die Grenzen der Anpassung
Am Schluss des Auszugs steht der Fall Albrecht Ritter v. Kubinzky. Er war Leutnant der Reserve, 1907 aus dem Judentum ausgetreten und katholisch getauft worden. 1912 bat er um eines der Prädikate „Hohenkubin“, „Felsenkubin“ oder „Felskubin“ und zugleich um eine Wappenänderung zu einem „mehr agrarischen“ Wappen.
Das Gesuch um das Adelsprädikat wurde genehmigt, die Wappenänderung jedoch abgelehnt. Die Begründung ist bemerkenswert: Man sah offenbar den Versuch, die Herkunft zu verschleiern; außerdem widerspreche das gewünschte Wappen dem guten heraldischen Geschmack. Zudem sei allgemein bekannt, dass sich die Familie noch vor nicht allzu langer Zeit zum israelitischen Glauben bekannt habe.
Dieser Fall zeigt besonders deutlich, wie eng Adel, Herkunft, Konfession, gesellschaftliche Wahrnehmung und Heraldik miteinander verbunden waren. Ein neues Prädikat konnte bewilligt werden; eine symbolische Neugestaltung des Wappens, die als Verschleierung der Herkunft verstanden wurde, stieß hingegen auf Widerstand.
Die Einkommensverhältnisse 1910
Die Tabelle „Adelige Spitzeneinkommen 1910“ unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung des Adels innerhalb der Spitzeneinkommen. Von 929 Millionären gehörten 285 dem Adel an. Das entsprach 30,7 Prozent der Personen, aber 48,0 Prozent des gesamten erfassten Einkommens.
Der alte Adel umfasste 91 Personen mit einem Einkommen von insgesamt 25.540.915 Kronen. Der nichtjüdische neue Adel umfasste 72 Personen mit 20.726.495 Kronen. Der jüdische neue Adel umfasste 122 Personen mit 80.158.140 Kronen und stellte damit den größten Einkommensblock innerhalb des neuen Adels.
Auffällig ist eine kleine Unstimmigkeit im Text: Im Fließtext ist von 194 Neuadeligen die Rede, später von 184 Neuadeligen. Die Tabelle spricht jedoch für 194, da sie 72 nichtjüdische und 122 jüdische Neuadelige ausweist.
Fazit
Der vorliegende Text zeigt, dass der österreichische Adel um 1910 keineswegs eine einheitliche Welt war. Neben dem alten Adel stand ein wirtschaftlich mächtiger neuer Adel, der oft erst im 19. Jahrhundert durch Leistung, Vermögen und staatliche Anerkennung aufgestiegen war. Doch Titel und Reichtum reichten nicht aus, um echte gesellschaftliche Ebenbürtigkeit zu erlangen.
Gleichzeitig zeigt der Text, dass nicht alle erfolgreichen Bürgerlichen nach dem Adel strebten. Manche lehnten den Titel bewusst ab und verstanden sich gerade als Bürgerliche. Andere lebten zwar aristokratisch, wollten aber formal nicht adelig sein. Wieder andere suchten über Nobilitierung, Prädikat oder Wappenänderung eine festere Verankerung in der Standesgesellschaft.
So entsteht das Bild einer „zweiten Gesellschaft“: reich, einflussreich, oft ausgezeichnet und teilweise nobilitiert, aber dennoch nicht selbstverständlich anerkannt. Gerade dieser Zwischenraum zwischen Bürgertum, Wirtschaft, Hof und Adel macht das Thema so spannend.
Weiterführende Fragen
Wie ist die im Text auftretende Differenz zwischen 194 und 184 Neuadeligen zu erklären?
Nach welchen Kriterien wurde zwischen „altem Adel“ und „neuem Adel“ unterschieden?
Welche praktische Bedeutung hatte Hoffähigkeit, wenn gesellschaftliche Akzeptanz dennoch verweigert werden konnte?
War der Industriellenball tatsächlich eine Brücke zwischen Hof und Bürgertum oder eher ein Ersatzraum für Ausgeschlossene?
Wie häufig lehnten Unternehmer und Großbürger eine Nobilitierung bewusst ab?
Welche Rolle spielten Konfession und jüdische Herkunft bei der gesellschaftlichen Aufnahme in adelige Kreise?
Wie ist die posthume Nobilitierung Josef Werndls zu bewerten, wenn er selbst den Adelstitel ausdrücklich abgelehnt hatte?
Welche heraldischen Maßstäbe lagen der Ablehnung der Wappenänderung im Fall Kubinzky zugrunde?
In welchem Verhältnis standen tatsächlicher Adelstitel, adelige Lebensform und gesellschaftliche Zuschreibung zueinander?
War der „neue“ Adel um 1910 bereits Teil der Elite — oder blieb er trotz Vermögen und Titel eine gesellschaftliche Zwischenklasse?
Dieser neue Adel war häufig aus Unternehmern, Industriellen, Bankiers, Großhändlern oder erfolgreichen Angehörigen der bürgerlichen Leistungselite hervorgegangen. Seine soziale Stellung beruhte weniger auf langer Herkunft als auf wirtschaftlicher Bedeutung, gesellschaftlichem Erfolg und staatlicher Anerkennung. Gerade darin lag jedoch die Spannung: Der neue Adel besaß zwar Titel, Vermögen und oft auch Orden, wurde aber von der alten Hof- und Adelsgesellschaft nicht ohne Weiteres als ebenbürtig anerkannt.
Reichtum allein öffnete nicht die Türen
Die wirtschaftliche Bedeutung des neuen Adels war beträchtlich. Für Wien und Niederösterreich werden für 1910 unter den 929 höchsten Einkommenssteuerzahlern zahlreiche Angehörige des neuen Adels genannt. Ein großer Teil dieses neuen Adels war jüdischer Herkunft. Gerade diese Gruppe verfügte über ein außerordentlich hohes Einkommen, blieb gesellschaftlich aber vielfach ausgegrenzt.
Die zentrale Aussage des Textes ist deutlich: Eine Adelserhebung bedeutete nicht automatisch Aufnahme in die höfische Gesellschaft. Selbst sehr reiche und offiziell anerkannte Familien konnten an unsichtbare Grenzen stoßen. Als Beispiel wird Rothschild genannt. Obwohl hoffähig, blieb der Zugang zu adeligen Zirkeln und zum adeligen „Du“ schwierig. Kaiser Franz Joseph soll es vermieden haben, Rothschild die Hand zu schütteln.
Damit wird ein wichtiger Unterschied sichtbar: Rechtlicher oder formaler Adel war nicht dasselbe wie gesellschaftliche Ebenbürtigkeit.
Ball bei Hof, Hofball, Stadtball und Industriellenball
Besonders anschaulich zeigt sich diese Rangordnung in der Welt der Bälle. Der exklusive „Ball bei Hof“ war nur der eigentlichen Hofgesellschaft vorbehalten. Unter Kaiser Franz Joseph umfasste dieser Kreis ungefähr 700 Personen. Der etwas weniger exklusive Hofball zog rund 2.000 Personen an. Die bürgerliche Elite wiederum traf sich beim Ball der Stadt Wien.
Für jüdische Kreise und für viele Vertreter der Wirtschaftselite blieb aber selbst diese bürgerliche Gesellschaft nicht frei von Abgrenzungen. Sie gingen zum Industriellenball. Dieser Ball nahm daher eine besondere Stellung ein: Er bildete zumindest einmal im Jahr eine Brücke zwischen Hof, Adel, Bürgertum und Wirtschaft. Gerade diese Mischform machte ihn besonders interessant. Er war gewissermaßen ein gesellschaftliches Zwischenformat: nicht reiner Hofball, nicht bloßer Bürgerball, sondern ein Ort, an dem sich jene begegnen konnten, die im strengeren höfischen Rahmen nicht zugelassen worden wären.
Der neue Adel blieb oft „zweite Gesellschaft“
Trotz Titel, Vermögen und öffentlicher Anerkennung wurde der Industrie- und Wirtschaftsadel häufig nicht als ebenbürtig empfunden. Der Text nennt Karl Miller-Aichholz als Beispiel. Obwohl er aus einer der reichsten Familien Wiens stammte, wurde ihm während seines Militärdienstes bei der als besonders nobel geltenden Kavallerie subtil klargemacht, dass er nicht zur altadeligen Welt gehörte. Seine Kameraden nannten ihn nicht „Leutnant Miller“, sondern abwertend „Müller“.
Solche Gesten zeigen, dass gesellschaftliche Abwertung nicht immer offen ausgesprochen werden musste. Sie konnte auch über Namen, Umgangsformen, Einladungen, Anreden oder das Verweigern vertrauter Umgangsformen erfolgen.
Bürgerstolz statt Adelstitel
Bemerkenswert ist, dass nicht alle Aufsteiger nach einem Adelstitel strebten. Einige lehnten eine Nobilitierung ausdrücklich ab. Genannt werden unter anderem Nikolaus Dumba, Josef Lobmeyr, Moritz Zweig, Theodor Gomperz, Johann Zacherl, Josef Werndl, Arthur Krupp, Wilhelm Kestranek, Gottfried Schenker, Heinrich Klinger sowie Karl und Paul Kupelwieser.
Die Gründe waren unterschiedlich. Manche handelten aus liberalem Bürgerstolz, andere aus Distanz zum Adel, wieder andere aus Skepsis gegenüber dem Kaiserhaus oder aus einem bewussten Selbstverständnis als Bürgerliche. Theodor Gomperz tat dies aus einem „deutschliberalen Bürgerstolz“. Johann Zacherl lehnte den Adelstitel ebenfalls ab und sah offenbar kritisch, dass sich andere Kreise mit Adelstiteln gesellschaftlich emporarbeiteten.
Hier zeigt sich eine interessante Gegenbewegung: Während viele Familien den Adel als gesellschaftlichen Aufstieg betrachteten, gab es auch jene, die gerade im Verzicht auf den Adel eine Form von Würde und Selbstbehauptung sahen.
Josef Werndl: lieber erster Bürgerlicher als letzter Adeliger
Besonders eindrucksvoll ist der Fall Josef Werndl. Der Steyrer Waffenindustrielle erhielt 1870 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse. Mit diesem Orden war auf Antrag die taxfreie Aufnahme in den Ritterstand verbunden. Werndl stellte jedoch keinen solchen Antrag.
Ihm werden die Sätze zugeschrieben: „Als Werndl bin ich auf die Welt gekommen, als Werndl will ich sterben“ und „Ich bin lieber der erste Bürgerliche als der letzte Adelige.“
Gerade dieser Fall zeigt aber auch die Ambivalenz der Zeit. Werndl selbst wollte nicht adelig werden. Seine Töchter Caroline, verheiratete Baronin Imhof, und Anna, verheiratete Gräfin Lamberg, ersuchten 1902 dennoch um eine posthume Nobilitierung ihres Vaters. Dieses Gesuch wurde bewilligt.
Die Begründung der Töchter ist aufschlussreich. Obwohl sie durch ihre Heiraten bereits adelige Rechte erlangt hatten, wollten sie auch selbst den Adel aus väterlicher Linie besitzen: aus Pietät gegenüber dem Vater, wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung und um ihrer Kinder willen. Der Fall Werndl zeigt daher nicht nur persönlichen Bürgerstolz, sondern auch den anhaltenden sozialen Wert des Adelsprädikats für Familie und Nachkommenschaft.
Zugleich war Werndl keineswegs frei von adeligen Lebensformen. Er pachtete ein großes Jagdgebiet, errichtete eine schlossähnliche Villa und verheiratete seine Töchter mit hohen Adeligen. Bürgerliches Selbstbewusstsein und aristokratische Lebensformen schlossen einander also nicht aus.
Arthur Krupp und die feudale Lebensform ohne Adelstitel
Auch Arthur Krupp wurde nicht in den Adelsstand erhoben. Ob dies seinem eigenen Wunsch entsprach, mit der Haltung seiner deutschen Verwandten zusammenhing oder auf seine Kritik am Kaiserhaus zurückzuführen war, bleibt offen.
Krupp erscheint als monarchisch und aristokratisch gesinnt, zugleich aber als Kritiker der Führungsqualitäten des österreichischen Kaiserhauses. Seine Lebensweise wird als beinahe feudal beschrieben: Wohnstil, Eigenjagd und gesellschaftliches Auftreten entsprachen durchaus aristokratischen Mustern. Trotzdem blieb der Adelstitel aus.
Auch hier wird deutlich: Adel war nicht nur eine Frage von Vermögen oder Lebensstil, sondern auch eine Frage politischer, sozialer und persönlicher Konstellationen.
Heinrich Klinger: liberaler Fabriksherr ohne Adelsambition
Der Historiker Friedrich Engel-Jánosi beschreibt seinen Großvater Heinrich Klinger als liberalen Fabriksherrn. Klinger hatte sich aus kleinen Anfängen emporgearbeitet und beschäftigte um 1902 mehr als 5.000 Personen. Er nahm staatliche Anerkennungen bereitwillig an: den Titel Kaiserlicher Rat, den Orden der Eisernen Krone und den Franz-Joseph-Orden.
Eine Bewerbung um den Adel lehnte er jedoch ab. Er wollte nicht als mehr erscheinen als ein liberaler Bürger. Auch dieses Beispiel zeigt, dass Orden, Titel und gesellschaftliche Anerkennung nicht zwangsläufig in den Wunsch nach Nobilitierung mündeten.
Kupelwieser und Wittgenstein: Reichtum ohne Adel, aber nicht ohne Aristokratie
Karl und Paul Kupelwieser legten keinen Wert auf einen Adelstitel. Anders als ihre Brüder Leopold und Franz, die im Staatsdienst standen, waren sie wirtschaftlich besonders begütert. Paul Kupelwieser hatte zudem ein distanziertes Verhältnis zum Herrscherhaus, insbesondere im Zusammenhang mit der Insel Brioni und Thronfolger Franz Ferdinand.
Karl Wittgenstein wiederum lehnte eine Nobilitierung ab, lebte aber in Formen, die durchaus aristokratisch wirkten: Palais, Salon, Hauslehrer, Kunstsammlung, Hausmusik und Landsitze. In seiner Familie zeigen sich unterschiedliche Haltungen besonders deutlich. Ludwig Wittgenstein wollte weder adelige Allüren noch Reichtum. Margaret Wittgenstein erwarb hingegen die Gmundner Villa Toscana. Clara Wittgenstein führte eine aristokratische Hofhaltung, wurde respektvoll „Baronin“ genannt und von der Bevölkerung als „Kaiserin von Laxenburg“ bezeichnet — obwohl sie nie einen Adelstitel besessen hatte.
Gerade dieses Beispiel bringt eine typisch österreichische Besonderheit auf den Punkt: Gesellschaftliche Wahrnehmung, Lebensform und Anrede konnten mitunter stärker wirken als der tatsächliche Besitz eines Titels.
Albrecht Ritter v. Kubinzky und die Grenzen der Anpassung
Am Schluss des Auszugs steht der Fall Albrecht Ritter v. Kubinzky. Er war Leutnant der Reserve, 1907 aus dem Judentum ausgetreten und katholisch getauft worden. 1912 bat er um eines der Prädikate „Hohenkubin“, „Felsenkubin“ oder „Felskubin“ und zugleich um eine Wappenänderung zu einem „mehr agrarischen“ Wappen.
Das Gesuch um das Adelsprädikat wurde genehmigt, die Wappenänderung jedoch abgelehnt. Die Begründung ist bemerkenswert: Man sah offenbar den Versuch, die Herkunft zu verschleiern; außerdem widerspreche das gewünschte Wappen dem guten heraldischen Geschmack. Zudem sei allgemein bekannt, dass sich die Familie noch vor nicht allzu langer Zeit zum israelitischen Glauben bekannt habe.
Dieser Fall zeigt besonders deutlich, wie eng Adel, Herkunft, Konfession, gesellschaftliche Wahrnehmung und Heraldik miteinander verbunden waren. Ein neues Prädikat konnte bewilligt werden; eine symbolische Neugestaltung des Wappens, die als Verschleierung der Herkunft verstanden wurde, stieß hingegen auf Widerstand.
Die Einkommensverhältnisse 1910
Die Tabelle „Adelige Spitzeneinkommen 1910“ unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung des Adels innerhalb der Spitzeneinkommen. Von 929 Millionären gehörten 285 dem Adel an. Das entsprach 30,7 Prozent der Personen, aber 48,0 Prozent des gesamten erfassten Einkommens.
Der alte Adel umfasste 91 Personen mit einem Einkommen von insgesamt 25.540.915 Kronen. Der nichtjüdische neue Adel umfasste 72 Personen mit 20.726.495 Kronen. Der jüdische neue Adel umfasste 122 Personen mit 80.158.140 Kronen und stellte damit den größten Einkommensblock innerhalb des neuen Adels.
Auffällig ist eine kleine Unstimmigkeit im Text: Im Fließtext ist von 194 Neuadeligen die Rede, später von 184 Neuadeligen. Die Tabelle spricht jedoch für 194, da sie 72 nichtjüdische und 122 jüdische Neuadelige ausweist.
Fazit
Der vorliegende Text zeigt, dass der österreichische Adel um 1910 keineswegs eine einheitliche Welt war. Neben dem alten Adel stand ein wirtschaftlich mächtiger neuer Adel, der oft erst im 19. Jahrhundert durch Leistung, Vermögen und staatliche Anerkennung aufgestiegen war. Doch Titel und Reichtum reichten nicht aus, um echte gesellschaftliche Ebenbürtigkeit zu erlangen.
Gleichzeitig zeigt der Text, dass nicht alle erfolgreichen Bürgerlichen nach dem Adel strebten. Manche lehnten den Titel bewusst ab und verstanden sich gerade als Bürgerliche. Andere lebten zwar aristokratisch, wollten aber formal nicht adelig sein. Wieder andere suchten über Nobilitierung, Prädikat oder Wappenänderung eine festere Verankerung in der Standesgesellschaft.
So entsteht das Bild einer „zweiten Gesellschaft“: reich, einflussreich, oft ausgezeichnet und teilweise nobilitiert, aber dennoch nicht selbstverständlich anerkannt. Gerade dieser Zwischenraum zwischen Bürgertum, Wirtschaft, Hof und Adel macht das Thema so spannend.
Weiterführende Fragen
Wie ist die im Text auftretende Differenz zwischen 194 und 184 Neuadeligen zu erklären?
Nach welchen Kriterien wurde zwischen „altem Adel“ und „neuem Adel“ unterschieden?
Welche praktische Bedeutung hatte Hoffähigkeit, wenn gesellschaftliche Akzeptanz dennoch verweigert werden konnte?
War der Industriellenball tatsächlich eine Brücke zwischen Hof und Bürgertum oder eher ein Ersatzraum für Ausgeschlossene?
Wie häufig lehnten Unternehmer und Großbürger eine Nobilitierung bewusst ab?
Welche Rolle spielten Konfession und jüdische Herkunft bei der gesellschaftlichen Aufnahme in adelige Kreise?
Wie ist die posthume Nobilitierung Josef Werndls zu bewerten, wenn er selbst den Adelstitel ausdrücklich abgelehnt hatte?
Welche heraldischen Maßstäbe lagen der Ablehnung der Wappenänderung im Fall Kubinzky zugrunde?
In welchem Verhältnis standen tatsächlicher Adelstitel, adelige Lebensform und gesellschaftliche Zuschreibung zueinander?
War der „neue“ Adel um 1910 bereits Teil der Elite — oder blieb er trotz Vermögen und Titel eine gesellschaftliche Zwischenklasse?
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