Familienmythos, Adelsprävalierung und der Weg zu Johanna von Koczian
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Familienmythos, Adelsprävalierung und der Weg zu Johanna von Koczian
4 Wochen 1 Tag her - 4 Wochen 1 Tag her
Koczian von Kornenfeld: Familienmythos, Adelsprävalierung und der Weg zu Johanna von Koczian
Liebe Mitforscher,
Michael Eisenriegler hat auf seiner genealogischen Seite zur Familie Koczian aus Hohenmauth eine außerordentlich lesenswerte und quellengesättigte Darstellung veröffentlicht. Besonders spannend ist dabei nicht nur die Abstammungslinie zur Schauspielerin Johanna von Koczian, sondern vor allem die Frage, wie aus einem lange gepflegten Familienanspruch auf „Koczian von Kronenfeld“ schließlich 1912 eine österreichische Prävalierung des einfachen Adels wurde.
Der Fall ist ein schönes Beispiel dafür, wie Familienüberlieferung, gesellschaftlicher Ehrgeiz, Aktenlage, ministerielle Skepsis und allerhöchste Gnade ineinandergreifen konnten.
1. Ausgangspunkt: Die Koczian aus Hohenmauth
Die Familie Koczian erscheint in den Quellen in zahlreichen Schreibweisen: Koczian, Kotzian, Kocyan, Kocián, Kosian, Kocijan sowie mit und ohne Prädikat „von Kronenfeld“, „von Kronfeld“, „z Kronfeldu“ oder „z Kronenfeldu“. Der genealogische Ausgangspunkt der Darstellung liegt bei Wenzel und Katharina Koczian aus Hohenmauth, dem heutigen Vysoké Mýto in Ostböhmen.
Schon früh taucht das Thema Adel in der Familiengeschichte auf. Besonders wichtig ist Karl Franz Koczian, geboren 1636, der sich bei seiner Eheschließung 1656 als „Kocyan z Kronfeldu“ eintragen ließ und später Bürgermeister von Hohenmauth wurde. Eine eigentliche Nobilitierungsurkunde, auf die sich dieser Gebrauch stützen könnte, ist jedoch bisher nicht nachgewiesen. In der Familienüberlieferung wurde behauptet, eine solche Urkunde sei beim Stadtbrand von Hohenmauth 1774 vernichtet worden. Belegt ist diese Behauptung bislang nicht.
Der mögliche Zusammenhang mit Georg Hanuš von Kronenfeld, dem Stiefvater eines früheren Koczian, bleibt genealogisch reizvoll, aber adelsrechtlich problematisch. Eine Adoption oder Namensübernahme wäre denkbar, ist aber nicht belegt.
2. Das Köpl-Gutachten: Viel Material, aber kein sicherer Adelsnachweis
Besonders wichtig ist das Gutachten des Direktors des k. k. Statthalterei-Archivs in Prag, Karl Köpl, aus den Jahren 1908/09. Es entstand zur Prüfung der Eingaben eines Karl Kocian/Koczian aus Humpoletz, wurde aber auch im späteren Prävalierungsverfahren des Hugo Koczian herangezogen.
Köpl stellte im Kern zwei Fragen:
1. Stammt der Bittsteller tatsächlich von einer Person namens Koczian ab, die den Adelstand mit dem Prädikat „von Kronfeld“ geführt hat?
2. Mit welchem Recht wurde dieses Prädikat beziehungsweise der Adelstand geführt?
Das Ergebnis war ernüchternd. Zwar konnte nachgewiesen werden, dass einzelne Familienmitglieder das Prädikat „von Kronenfeld“ tatsächlich verwendet hatten. Daraus folgte aber noch kein rechtmäßiger Adel. Köpl betonte, dass Ehrenbezeichnungen, adelige Taufpaten, wohlklingende Titulaturen oder städtische Bestätigungen keinen eigentlichen Adelsnachweis ersetzen können. Auch der Geburtsbrief des Johann Christoph Koczian bestätigte im Kern eher Ehelichkeit und Freiheit von Untertänigkeit, nicht aber eine rechtsgültige Adelsqualität.
Damit ist der Kern des Problems benannt: Die Familie konnte eine lange Tradition der Prädikatsverwendung vorweisen, aber keinen lückenlosen urkundlichen Nachweis für die rechtmäßige Verleihung oder Anerkennung des behaupteten Adels „von Kronenfeld“.
3. Karl Koczian und die Renobilitierungsversuche
Ein anderer Karl Koczian, Fabrikant aus Humpoletz, versuchte zwischen 1902 und 1911 mit großem Nachdruck, seinen angeblich ererbten Adel behördlich anerkennen zu lassen. Die Aktenlage wirkt nach Eisenrieglers Darstellung fast kriminalistisch: Genealogische Kombinationen, wackelige Ableitungen, abenteuerliche Namensetymologien und der Versuch, aus verstreuten Hinweisen eine standesrechtlich tragfähige Linie zu bauen.
Daneben gab es noch Karl Koczián „von Blasócz“, der über den berüchtigten „Genealogen“ Alois Müller von Mildenberg in den Sog der Renobilitierungs- und Adelsfälschungsaffären geriet. Nach Eisenriegler wurden hierbei gefälschte oder manipulierte Unterlagen verwendet, um eine ungarische Adelsanerkennung beziehungsweise eine Adelsführung zu erreichen. Nach Auffliegen des Skandals wurden solche vermittelten Adelserhebungen widerrufen.
Dieser Teil zeigt sehr deutlich, wie attraktiv ein alter oder rekonstruierter Adel um 1900 sozial noch war – und wie aufmerksam die Behörden nach den einschlägigen Skandalen geworden waren.
4. Rudolph Edler von Koczian: Der „normale“ Weg über den Militäradel
Neben den problematischen Anerkennungs- und Prävalierungsversuchen gab es in der Familie auch einen klareren Fall: Rudolph Johann Koczian, geboren 1843 und gestorben 1912, war k. u. k. Major und wurde am 9. November 1892 als „von Koczian“ mit dem Ehrenwort „Edler“ nobilitiert.
Das ist ein anderer Vorgang als bei Hugo Koczian. Rudolphs Erhebung gehört in den Kontext des systemmäßigen Militäradels: Offiziere konnten nach langer, einwandfreier Dienstzeit einen Anspruch auf Standeserhebung erwerben. Wichtig ist: Diese Nobilitierung erklärt nicht den späteren Namen Johanna von Koczian, sondern betrifft einen anderen Familienzweig.
5. Hugo August Koczian und der Weg zur Prävalierung 1912
Hugo August Koczian, geboren am 23. Juli 1845 und gestorben am 13. April 1931, war leitender Angestellter der Drahanowitzer Zuckerfabrik und ehrenamtlich im Mährischen Pferdezuchteverein tätig. Er bewegte sich in der Brünner Gesellschaft und verwendete – ebenso wie seine Söhne – wiederholt Varianten wie „Koczian“, „von Koczian“, „Koczian von Kronenfeld“ oder „Koczian Edler von Kronenfeld“.
Das Innenministerium wurde spätestens um 1909/1910 auf die Familie aufmerksam. Eine Rolle spielte dabei offenbar auch, dass Hugos Sohn Gustav in Deutschland den adeligen Namen verwendete und mit Amelie Prinzessin von Fürstenberg verheiratet war. Das Ministerium forderte Nachweise. Hugos Bruder Moritz distanzierte sich in einer Stellungnahme ausdrücklich von der behaupteten Adelsberechtigung und erklärte, ihm seien keine Urkunden bekannt, die zur Führung des Prädikates „von Kronenfeld“ berechtigen würden.
Im Frühjahr 1910 stellte das Innenministerium Hugo vor die Wahl: Entweder er bringe binnen sechs Monaten den urkundlichen Nachweis seiner Adelsberechtigung oder er erkläre, künftig keine Adelsvorzüge mehr zu verwenden. Hugo konnte den Nachweis nicht erbringen und wandte sich am letzten Tag der Frist, am 29. Oktober 1910, mit Hilfe des Advokaten und Genealogen Dr. Johann Baptist Witting an den Kaiser.
Adelsrechtlich interessant ist hier der Verfahrensweg: Das Gesuch wurde von Hugos Schwiegertochter Amelie persönlich im Innenministerium abgegeben, wohl um die Unterstützung der Familie Fürstenberg sichtbar zu machen. Nach der im Forum bereits geäußerten Einschätzung war das taktisch unglücklich, weil Gnadengesuche eigentlich an die Kabinettskanzlei des Kaisers zu richten waren, um eine Allerhöchste Befassung zu erzwingen. Wurde ein Gesuch direkt im Innenministerium eingebracht, blieb es eher im „eigenen Wirkungsbereich“ des Ministeriums beziehungsweise des Adelsdepartements – und dieses galt in solchen Fragen nicht gerade als großzügig.
Tatsächlich lag das Gesuch mehr als eineinhalb Jahre unerledigt im Innenministerium. Die Beamten bereiteten offenbar zunächst eine Ablehnung vor. Erst die Intervention aus dem Hause Fürstenberg änderte den Verlauf. Fürst Fürstenberg wandte sich persönlich an den Innenminister Heinold von Udynski. Kurz darauf wurde ein alleruntertänigster Vortrag mit Antrag auf Gesuchswillfahrung ausgearbeitet.
Am 6. Juli 1912 erfolgte schließlich die entscheidende kaiserliche Verfügung:
„Aus besonderer Gnade gestatte ich dem kaiserlichen Rate Hugo Koczian in Brünn die Prävalierung des einfachen Adels in der Eigenschaft eines österreichischen Adels.“
Damit war Hugo am Ziel, aber nicht ganz so, wie er es wohl erhofft hatte.
6. Was bedeutete diese Prävalierung?
Es handelte sich nicht um eine einfache, klassische Nobilitierung „Hugo Edler von Koczian von Kronenfeld“. Vielmehr wurde der einfache Adel prävaliert, also für den österreichischen Bereich wirksam gemacht beziehungsweise anerkannt.
Bemerkenswert ist die Formulierung „in der Eigenschaft eines österreichischen Adels“. Diese geht über eine bloße Führungserlaubnis eines fremden Adels hinaus und ist gerade deshalb adelsrechtlich interessant. Die Familie konnte daraus nach dieser Deutung die Vorrechte des inländischen österreichischen Adels ableiten. Das erklärt auch, warum Eisenriegler den Vorgang als typisch österreichischen Kompromiss beschreibt: Die behauptete alte böhmische Adelsgrundlage wurde nicht vollständig geklärt, aber durch allerhöchste Gnade praktisch brauchbar gemacht.
Nicht bewilligt wurden offenbar das Prädikat „von Kronenfeld“ und das Ehrenwort „Edler“. Nach Eisenriegler wurde dies in der Akte damit erklärt, dass diese Adelskorollarien nicht ausdrücklich beantragt worden seien. Möglich ist auch, dass wegen der Kosten auf Ehrenwort und Prädikat verzichtet wurde. Diese Punkte wären anhand der Diplomsausfertigung oder der einschlägigen Gebührenakten noch genauer zu prüfen.
Das Ergebnis war also nicht „Hugo Edler von Koczian von Kronenfeld“, sondern schlicht „Hugo von Koczian“.
7. Gustav von Koczian: Der schillernde Sohn
Hugos Sohn Gustav Koczian, geboren am 15. Mai 1877 und gestorben am 12. Juli 1958, ist der wohl schillerndste Vertreter dieser Linie. Er war zunächst Offizier, später in der Automobilbranche tätig und wurde durch seine Verbindung mit Amelie Prinzessin von Fürstenberg europaweit ein Thema der Boulevardpresse.
Gustav und Amelie heirateten 1908 auf der Kammerburg. Die Familie Fürstenberg war über diese Verbindung offenbar wenig begeistert. Gerade in diesem Zusammenhang bekam die Frage des Titels und der gesellschaftlichen Standesstellung zusätzliche Brisanz.
1915 wurde Gustav im Krieg verwendet, erhielt Auszeichnungen und wurde zum Rittmeister befördert. 1916 ließ er sich von Stefan Miskolci aus Vác adoptieren und führte danach den Namen „Baron Gustav von Koczian-Miskolczy“. Ob der Baronstitel berechtigt war, bleibt nach Eisenrieglers Darstellung unklar. Auch die Schreibweise „Miskolczy“ mit y ist erklärungsbedürftig, da die Unterlagen offenbar eher „Miskolci“ nennen.
Die Ehe mit Amelie wurde 1917 in Budapest geschieden. Danach heiratete Gustav 1919 die Stummfilmschauspielerin Ossi Oswalda, später 1927 in Los Angeles Else Dornonville de la Cour und 1935 Lydia Grosspietsch, die Mutter der Schauspielerin Johanna von Koczian.
8. Johanna von Koczian
Johanna von Koczian wurde 1933 in Berlin als Tochter Gustav von Koczians und Lydia Grosspietschs geboren. Damit führt die bekannte Schauspielerin genealogisch auf jene Linie zurück, die über Hugo August Koczian 1912 die Prävalierung des einfachen Adels erlangte.
Unabhängig von der adelsrechtlichen Bewertung bleibt Johanna von Koczian natürlich auch kulturgeschichtlich ein eigener Name. Viele kennen sie aus Film, Fernsehen und Bühne; für manche bleibt sie unvergessen aus „Single Bells“. Dass hinter diesem Namen eine so vielschichtige Familien- und Adelsgeschichte steht, macht den Fall zusätzlich reizvoll.
9. Bewertung
Der Fall Koczian ist besonders interessant, weil mehrere Ebenen zusammentreffen:
* eine alte Familienüberlieferung um „Kronenfeld“;
* tatsächliche, aber nicht ausreichend beweiskräftige Prädikatsverwendung seit dem 17. Jahrhundert;
* problematische Renobilitierungsversuche einzelner Familienmitglieder;
* ein ordentlich nobilitierter militärischer Familienzweig mit Rudolph Edler von Koczian;
* ein gesellschaftlich aufgeladener Prävalierungsfall um Hugo Koczian;
* die Rolle der Familie Fürstenberg als offenbar entscheidendes „Vitamin B“;
* der spätere Namenskomplex „Koczian-Miskolczy“ bei Gustav;
* und schließlich die bekannte Schauspielerin Johanna von Koczian als prominente Nachfahrin.
Gerade diese Mischung macht die Geschichte so spannend: Sie zeigt nicht nur, wie Adel geführt wurde, sondern auch, wie sehr um 1900 noch darum gekämpft wurde, eine behauptete Standesqualität behördlich verwertbar zu machen.
10. Offene Fragen an die Runde
1. Ist die Diplomsausfertigung beziehungsweise der vollständige Akt zur Prävalierung Hugo Koczians von 1912 bekannt oder bereits eingesehen worden?
2. Wurde ausdrücklich festgelegt, ob die Prävalierung nur Hugo und seine eheliche Nachkommenschaft oder einen weiteren Familienkreis betraf?
3. Gibt es Hinweise, ob Taxen bezahlt wurden beziehungsweise ob bewusst auf das Ehrenwort „Edler“ und das Prädikat „von Kronenfeld“ verzichtet wurde?
4. Lässt sich die behauptete ältere böhmische Adelsgrundlage „Koczian von Kronenfeld“ irgendwo außerhalb der Familienüberlieferung und der späteren Eingaben belegen?
5. Gibt es im ungarischen Bereich einen belastbaren Nachweis für Stefan Miskolci/Miskolczy und einen etwaigen Baronstitel, der Gustavs spätere Namensführung erklären könnte?
6. Ist die Linie von Gustav über Johanna von Koczian in gedruckten genealogischen Werken vollständig und korrekt dargestellt, oder beruht das meiste auf Presse, Personenlexika und privaten Forschungen?
7. Welche Rolle spielte Dr. Johann Baptist Witting im Hugo-Verfahren tatsächlich: nur als Advokat/Genealoge oder auch als eigentlicher Architekt der Argumentation?
Quellen und weiterführende Links
Michael Eisenriegler, „Die Geschichte der Familie Koczian aus Hohenmauth“:
michael.eisenriegler...ohenmauth/
Michael Eisenriegler, „Hugo und der Titel“:
michael.eisenriegler...der-titel/
Michael Eisenriegler, „Gustav von Koczian“, Teil 1:
michael.eisenriegler...n-koczian/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 2: 1908–1917“:
michael.eisenriegler...1908-1917/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 3: 1918–1932“:
michael.eisenriegler...1918-1932/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 4: 1933–1958“:
michael.eisenriegler...1933-1958/
Michael Eisenriegler, „Karl Koczian, der Phantasiebegabte“:
michael.eisenriegler...iebegabte/
Michael Eisenriegler, „Karl Koczián (von Blasócz)“:
michael.eisenriegler...n-blasocz/
Michael Eisenriegler, „Rudolph Edler von Koczian“:
michael.eisenriegler...n-koczian/
Transkript des Köpl-Gutachtens zur Familie Koczian, 1908/09:
michael.eisenriegler...skript.pdf
Zum Begriff Prävalierung:
de.wikipedia.org/wik...4valierung
Zum Adelsaufhebungsgesetz:
www.ris.bka.gv.at/No...Paragraf=1
Liebe Mitforscher,
Michael Eisenriegler hat auf seiner genealogischen Seite zur Familie Koczian aus Hohenmauth eine außerordentlich lesenswerte und quellengesättigte Darstellung veröffentlicht. Besonders spannend ist dabei nicht nur die Abstammungslinie zur Schauspielerin Johanna von Koczian, sondern vor allem die Frage, wie aus einem lange gepflegten Familienanspruch auf „Koczian von Kronenfeld“ schließlich 1912 eine österreichische Prävalierung des einfachen Adels wurde.
Der Fall ist ein schönes Beispiel dafür, wie Familienüberlieferung, gesellschaftlicher Ehrgeiz, Aktenlage, ministerielle Skepsis und allerhöchste Gnade ineinandergreifen konnten.
1. Ausgangspunkt: Die Koczian aus Hohenmauth
Die Familie Koczian erscheint in den Quellen in zahlreichen Schreibweisen: Koczian, Kotzian, Kocyan, Kocián, Kosian, Kocijan sowie mit und ohne Prädikat „von Kronenfeld“, „von Kronfeld“, „z Kronfeldu“ oder „z Kronenfeldu“. Der genealogische Ausgangspunkt der Darstellung liegt bei Wenzel und Katharina Koczian aus Hohenmauth, dem heutigen Vysoké Mýto in Ostböhmen.
Schon früh taucht das Thema Adel in der Familiengeschichte auf. Besonders wichtig ist Karl Franz Koczian, geboren 1636, der sich bei seiner Eheschließung 1656 als „Kocyan z Kronfeldu“ eintragen ließ und später Bürgermeister von Hohenmauth wurde. Eine eigentliche Nobilitierungsurkunde, auf die sich dieser Gebrauch stützen könnte, ist jedoch bisher nicht nachgewiesen. In der Familienüberlieferung wurde behauptet, eine solche Urkunde sei beim Stadtbrand von Hohenmauth 1774 vernichtet worden. Belegt ist diese Behauptung bislang nicht.
Der mögliche Zusammenhang mit Georg Hanuš von Kronenfeld, dem Stiefvater eines früheren Koczian, bleibt genealogisch reizvoll, aber adelsrechtlich problematisch. Eine Adoption oder Namensübernahme wäre denkbar, ist aber nicht belegt.
2. Das Köpl-Gutachten: Viel Material, aber kein sicherer Adelsnachweis
Besonders wichtig ist das Gutachten des Direktors des k. k. Statthalterei-Archivs in Prag, Karl Köpl, aus den Jahren 1908/09. Es entstand zur Prüfung der Eingaben eines Karl Kocian/Koczian aus Humpoletz, wurde aber auch im späteren Prävalierungsverfahren des Hugo Koczian herangezogen.
Köpl stellte im Kern zwei Fragen:
1. Stammt der Bittsteller tatsächlich von einer Person namens Koczian ab, die den Adelstand mit dem Prädikat „von Kronfeld“ geführt hat?
2. Mit welchem Recht wurde dieses Prädikat beziehungsweise der Adelstand geführt?
Das Ergebnis war ernüchternd. Zwar konnte nachgewiesen werden, dass einzelne Familienmitglieder das Prädikat „von Kronenfeld“ tatsächlich verwendet hatten. Daraus folgte aber noch kein rechtmäßiger Adel. Köpl betonte, dass Ehrenbezeichnungen, adelige Taufpaten, wohlklingende Titulaturen oder städtische Bestätigungen keinen eigentlichen Adelsnachweis ersetzen können. Auch der Geburtsbrief des Johann Christoph Koczian bestätigte im Kern eher Ehelichkeit und Freiheit von Untertänigkeit, nicht aber eine rechtsgültige Adelsqualität.
Damit ist der Kern des Problems benannt: Die Familie konnte eine lange Tradition der Prädikatsverwendung vorweisen, aber keinen lückenlosen urkundlichen Nachweis für die rechtmäßige Verleihung oder Anerkennung des behaupteten Adels „von Kronenfeld“.
3. Karl Koczian und die Renobilitierungsversuche
Ein anderer Karl Koczian, Fabrikant aus Humpoletz, versuchte zwischen 1902 und 1911 mit großem Nachdruck, seinen angeblich ererbten Adel behördlich anerkennen zu lassen. Die Aktenlage wirkt nach Eisenrieglers Darstellung fast kriminalistisch: Genealogische Kombinationen, wackelige Ableitungen, abenteuerliche Namensetymologien und der Versuch, aus verstreuten Hinweisen eine standesrechtlich tragfähige Linie zu bauen.
Daneben gab es noch Karl Koczián „von Blasócz“, der über den berüchtigten „Genealogen“ Alois Müller von Mildenberg in den Sog der Renobilitierungs- und Adelsfälschungsaffären geriet. Nach Eisenriegler wurden hierbei gefälschte oder manipulierte Unterlagen verwendet, um eine ungarische Adelsanerkennung beziehungsweise eine Adelsführung zu erreichen. Nach Auffliegen des Skandals wurden solche vermittelten Adelserhebungen widerrufen.
Dieser Teil zeigt sehr deutlich, wie attraktiv ein alter oder rekonstruierter Adel um 1900 sozial noch war – und wie aufmerksam die Behörden nach den einschlägigen Skandalen geworden waren.
4. Rudolph Edler von Koczian: Der „normale“ Weg über den Militäradel
Neben den problematischen Anerkennungs- und Prävalierungsversuchen gab es in der Familie auch einen klareren Fall: Rudolph Johann Koczian, geboren 1843 und gestorben 1912, war k. u. k. Major und wurde am 9. November 1892 als „von Koczian“ mit dem Ehrenwort „Edler“ nobilitiert.
Das ist ein anderer Vorgang als bei Hugo Koczian. Rudolphs Erhebung gehört in den Kontext des systemmäßigen Militäradels: Offiziere konnten nach langer, einwandfreier Dienstzeit einen Anspruch auf Standeserhebung erwerben. Wichtig ist: Diese Nobilitierung erklärt nicht den späteren Namen Johanna von Koczian, sondern betrifft einen anderen Familienzweig.
5. Hugo August Koczian und der Weg zur Prävalierung 1912
Hugo August Koczian, geboren am 23. Juli 1845 und gestorben am 13. April 1931, war leitender Angestellter der Drahanowitzer Zuckerfabrik und ehrenamtlich im Mährischen Pferdezuchteverein tätig. Er bewegte sich in der Brünner Gesellschaft und verwendete – ebenso wie seine Söhne – wiederholt Varianten wie „Koczian“, „von Koczian“, „Koczian von Kronenfeld“ oder „Koczian Edler von Kronenfeld“.
Das Innenministerium wurde spätestens um 1909/1910 auf die Familie aufmerksam. Eine Rolle spielte dabei offenbar auch, dass Hugos Sohn Gustav in Deutschland den adeligen Namen verwendete und mit Amelie Prinzessin von Fürstenberg verheiratet war. Das Ministerium forderte Nachweise. Hugos Bruder Moritz distanzierte sich in einer Stellungnahme ausdrücklich von der behaupteten Adelsberechtigung und erklärte, ihm seien keine Urkunden bekannt, die zur Führung des Prädikates „von Kronenfeld“ berechtigen würden.
Im Frühjahr 1910 stellte das Innenministerium Hugo vor die Wahl: Entweder er bringe binnen sechs Monaten den urkundlichen Nachweis seiner Adelsberechtigung oder er erkläre, künftig keine Adelsvorzüge mehr zu verwenden. Hugo konnte den Nachweis nicht erbringen und wandte sich am letzten Tag der Frist, am 29. Oktober 1910, mit Hilfe des Advokaten und Genealogen Dr. Johann Baptist Witting an den Kaiser.
Adelsrechtlich interessant ist hier der Verfahrensweg: Das Gesuch wurde von Hugos Schwiegertochter Amelie persönlich im Innenministerium abgegeben, wohl um die Unterstützung der Familie Fürstenberg sichtbar zu machen. Nach der im Forum bereits geäußerten Einschätzung war das taktisch unglücklich, weil Gnadengesuche eigentlich an die Kabinettskanzlei des Kaisers zu richten waren, um eine Allerhöchste Befassung zu erzwingen. Wurde ein Gesuch direkt im Innenministerium eingebracht, blieb es eher im „eigenen Wirkungsbereich“ des Ministeriums beziehungsweise des Adelsdepartements – und dieses galt in solchen Fragen nicht gerade als großzügig.
Tatsächlich lag das Gesuch mehr als eineinhalb Jahre unerledigt im Innenministerium. Die Beamten bereiteten offenbar zunächst eine Ablehnung vor. Erst die Intervention aus dem Hause Fürstenberg änderte den Verlauf. Fürst Fürstenberg wandte sich persönlich an den Innenminister Heinold von Udynski. Kurz darauf wurde ein alleruntertänigster Vortrag mit Antrag auf Gesuchswillfahrung ausgearbeitet.
Am 6. Juli 1912 erfolgte schließlich die entscheidende kaiserliche Verfügung:
„Aus besonderer Gnade gestatte ich dem kaiserlichen Rate Hugo Koczian in Brünn die Prävalierung des einfachen Adels in der Eigenschaft eines österreichischen Adels.“
Damit war Hugo am Ziel, aber nicht ganz so, wie er es wohl erhofft hatte.
6. Was bedeutete diese Prävalierung?
Es handelte sich nicht um eine einfache, klassische Nobilitierung „Hugo Edler von Koczian von Kronenfeld“. Vielmehr wurde der einfache Adel prävaliert, also für den österreichischen Bereich wirksam gemacht beziehungsweise anerkannt.
Bemerkenswert ist die Formulierung „in der Eigenschaft eines österreichischen Adels“. Diese geht über eine bloße Führungserlaubnis eines fremden Adels hinaus und ist gerade deshalb adelsrechtlich interessant. Die Familie konnte daraus nach dieser Deutung die Vorrechte des inländischen österreichischen Adels ableiten. Das erklärt auch, warum Eisenriegler den Vorgang als typisch österreichischen Kompromiss beschreibt: Die behauptete alte böhmische Adelsgrundlage wurde nicht vollständig geklärt, aber durch allerhöchste Gnade praktisch brauchbar gemacht.
Nicht bewilligt wurden offenbar das Prädikat „von Kronenfeld“ und das Ehrenwort „Edler“. Nach Eisenriegler wurde dies in der Akte damit erklärt, dass diese Adelskorollarien nicht ausdrücklich beantragt worden seien. Möglich ist auch, dass wegen der Kosten auf Ehrenwort und Prädikat verzichtet wurde. Diese Punkte wären anhand der Diplomsausfertigung oder der einschlägigen Gebührenakten noch genauer zu prüfen.
Das Ergebnis war also nicht „Hugo Edler von Koczian von Kronenfeld“, sondern schlicht „Hugo von Koczian“.
7. Gustav von Koczian: Der schillernde Sohn
Hugos Sohn Gustav Koczian, geboren am 15. Mai 1877 und gestorben am 12. Juli 1958, ist der wohl schillerndste Vertreter dieser Linie. Er war zunächst Offizier, später in der Automobilbranche tätig und wurde durch seine Verbindung mit Amelie Prinzessin von Fürstenberg europaweit ein Thema der Boulevardpresse.
Gustav und Amelie heirateten 1908 auf der Kammerburg. Die Familie Fürstenberg war über diese Verbindung offenbar wenig begeistert. Gerade in diesem Zusammenhang bekam die Frage des Titels und der gesellschaftlichen Standesstellung zusätzliche Brisanz.
1915 wurde Gustav im Krieg verwendet, erhielt Auszeichnungen und wurde zum Rittmeister befördert. 1916 ließ er sich von Stefan Miskolci aus Vác adoptieren und führte danach den Namen „Baron Gustav von Koczian-Miskolczy“. Ob der Baronstitel berechtigt war, bleibt nach Eisenrieglers Darstellung unklar. Auch die Schreibweise „Miskolczy“ mit y ist erklärungsbedürftig, da die Unterlagen offenbar eher „Miskolci“ nennen.
Die Ehe mit Amelie wurde 1917 in Budapest geschieden. Danach heiratete Gustav 1919 die Stummfilmschauspielerin Ossi Oswalda, später 1927 in Los Angeles Else Dornonville de la Cour und 1935 Lydia Grosspietsch, die Mutter der Schauspielerin Johanna von Koczian.
8. Johanna von Koczian
Johanna von Koczian wurde 1933 in Berlin als Tochter Gustav von Koczians und Lydia Grosspietschs geboren. Damit führt die bekannte Schauspielerin genealogisch auf jene Linie zurück, die über Hugo August Koczian 1912 die Prävalierung des einfachen Adels erlangte.
Unabhängig von der adelsrechtlichen Bewertung bleibt Johanna von Koczian natürlich auch kulturgeschichtlich ein eigener Name. Viele kennen sie aus Film, Fernsehen und Bühne; für manche bleibt sie unvergessen aus „Single Bells“. Dass hinter diesem Namen eine so vielschichtige Familien- und Adelsgeschichte steht, macht den Fall zusätzlich reizvoll.
9. Bewertung
Der Fall Koczian ist besonders interessant, weil mehrere Ebenen zusammentreffen:
* eine alte Familienüberlieferung um „Kronenfeld“;
* tatsächliche, aber nicht ausreichend beweiskräftige Prädikatsverwendung seit dem 17. Jahrhundert;
* problematische Renobilitierungsversuche einzelner Familienmitglieder;
* ein ordentlich nobilitierter militärischer Familienzweig mit Rudolph Edler von Koczian;
* ein gesellschaftlich aufgeladener Prävalierungsfall um Hugo Koczian;
* die Rolle der Familie Fürstenberg als offenbar entscheidendes „Vitamin B“;
* der spätere Namenskomplex „Koczian-Miskolczy“ bei Gustav;
* und schließlich die bekannte Schauspielerin Johanna von Koczian als prominente Nachfahrin.
Gerade diese Mischung macht die Geschichte so spannend: Sie zeigt nicht nur, wie Adel geführt wurde, sondern auch, wie sehr um 1900 noch darum gekämpft wurde, eine behauptete Standesqualität behördlich verwertbar zu machen.
10. Offene Fragen an die Runde
1. Ist die Diplomsausfertigung beziehungsweise der vollständige Akt zur Prävalierung Hugo Koczians von 1912 bekannt oder bereits eingesehen worden?
2. Wurde ausdrücklich festgelegt, ob die Prävalierung nur Hugo und seine eheliche Nachkommenschaft oder einen weiteren Familienkreis betraf?
3. Gibt es Hinweise, ob Taxen bezahlt wurden beziehungsweise ob bewusst auf das Ehrenwort „Edler“ und das Prädikat „von Kronenfeld“ verzichtet wurde?
4. Lässt sich die behauptete ältere böhmische Adelsgrundlage „Koczian von Kronenfeld“ irgendwo außerhalb der Familienüberlieferung und der späteren Eingaben belegen?
5. Gibt es im ungarischen Bereich einen belastbaren Nachweis für Stefan Miskolci/Miskolczy und einen etwaigen Baronstitel, der Gustavs spätere Namensführung erklären könnte?
6. Ist die Linie von Gustav über Johanna von Koczian in gedruckten genealogischen Werken vollständig und korrekt dargestellt, oder beruht das meiste auf Presse, Personenlexika und privaten Forschungen?
7. Welche Rolle spielte Dr. Johann Baptist Witting im Hugo-Verfahren tatsächlich: nur als Advokat/Genealoge oder auch als eigentlicher Architekt der Argumentation?
Quellen und weiterführende Links
Michael Eisenriegler, „Die Geschichte der Familie Koczian aus Hohenmauth“:
michael.eisenriegler...ohenmauth/
Michael Eisenriegler, „Hugo und der Titel“:
michael.eisenriegler...der-titel/
Michael Eisenriegler, „Gustav von Koczian“, Teil 1:
michael.eisenriegler...n-koczian/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 2: 1908–1917“:
michael.eisenriegler...1908-1917/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 3: 1918–1932“:
michael.eisenriegler...1918-1932/
Michael Eisenriegler, „Gustav, Teil 4: 1933–1958“:
michael.eisenriegler...1933-1958/
Michael Eisenriegler, „Karl Koczian, der Phantasiebegabte“:
michael.eisenriegler...iebegabte/
Michael Eisenriegler, „Karl Koczián (von Blasócz)“:
michael.eisenriegler...n-blasocz/
Michael Eisenriegler, „Rudolph Edler von Koczian“:
michael.eisenriegler...n-koczian/
Transkript des Köpl-Gutachtens zur Familie Koczian, 1908/09:
michael.eisenriegler...skript.pdf
Zum Begriff Prävalierung:
de.wikipedia.org/wik...4valierung
Zum Adelsaufhebungsgesetz:
www.ris.bka.gv.at/No...Paragraf=1
"IN OMNIBUS ORDO"
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