Der Skandal um das Adelsdepartement im k. k. Innenministerium

Der Skandal um das Adelsdepartement im k. k. Innenministerium

4 Wochen 1 Tag her
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Der Skandal um das Adelsdepartement im k. k. Innenministerium – Renobilitierungen, genealogische Agenten und der Fall Koczian/Kocian de Blasócz DUPPAUER 

Beim Durchsehen der einschlägigen Literatur bin ich auf den sehr lesenswerten Aufsatz von Jan Županič gestoßen:
 Jan Županič: Renobilitierungsprozesse und genealogische Agenten. Der Skandal um das Adelsdepartement im Innenministerium am Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. 117, Heft 3–4, 2009, S. 334–357.

 Der Beitrag ist online greifbar, unter anderem hier:
www.academia.edu/110...view-paper

 Auch die übrigen Arbeiten von Jan Županič sind für Fragen des österreichischen, böhmischen und habsburgischen Adelsrechts des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgesprochen interessant:  cuni.academia.edu/janzupanic

 Der Aufsatz behandelt einen besonders heiklen Bereich der spätmonarchischen Adelsverwaltung: die sogenannten Renobilitierungen. Darunter verstand man die behördliche Bestätigung oder Wiedererneuerung eines älteren Adelstandes für Personen oder Familien, die behaupteten, von einem einst nobilitierten Geschlecht abzustammen, diesen Adel aber aus Armut, Unkenntnis, sozialem Abstieg oder anderen Gründen längere Zeit nicht geführt zu haben.

 In der Theorie war dafür eine saubere genealogische Beweisführung erforderlich: lückenlose Abstammung, belastbare Matriken, Urkunden, alte Einträge, gegebenenfalls Landtafel- oder Archivnachweise. In der Praxis entstand daraus am Ende des 19. Jahrhunderts offenbar ein fruchtbarer Boden für eine Art genealogische Schattenwirtschaft. Findige „genealogische Agenten“ boten ihren Klienten die Beschaffung oder Herstellung solcher Nachweise an. Im harmloseren Fall bedeutete dies intensive Archivarbeit, im schlimmeren Fall die Konstruktion ganzer Abstammungslinien, gefälschte Matrikeneinträge, falsche Abschriften, fingierte Urkunden oder nachträglich manipulierte Belege.

 Županič schildert, dass der Skandal im k. k. Innenministerium zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhebliche Folgen hatte. Das Adelsdepartement war jene Stelle, die in Cisleithanien unter anderem mit Nobilitierungen, Wappenangelegenheiten, Adelsbestätigungen und Renobilitierungen befasst war. Gerade weil es über die Anerkennung alter und neuer Adelsansprüche mitentschied, war es für ehrgeizige Antragsteller, genealogische Vermittler und auch für zweifelhafte „Beweismittel“ ein besonders sensibler Ort.

 Im Zentrum des Skandals stehen Namen wie Anton Peter Schlechta, Jan/Anton Vašák, Christian Bruckner, Alois Ritter Müller von Mildenberg, Antonín Ritter Růžek von Rowné und Adolf Řídký. Einige dieser Personen waren nicht bloß Forscher, sondern agierten als gewerbsmäßige genealogische Unternehmer. Sie halfen Antragstellern beim Aufbau angeblicher Abstammungslinien und sollen dabei in mehreren Fällen systematisch gefälschte Unterlagen verwendet haben.

 Besonders bemerkenswert ist die Rolle des Alois Ritter Müller von Mildenberg. Auch sein eigener Adel war nach Županič bereits durch fragwürdige bzw. gefälschte Nachweise begründet worden. Später wirkte Müller selbst als genealogischer Agent für andere Antragsteller. Ihm wurde schließlich die Fälschung zahlreicher öffentlicher Urkunden nachgewiesen. Die Verfahren gegen ihn und andere Beteiligte zeigen, wie lukrativ solche Renobilitierungen sein konnten. Für wohlhabende Klienten bedeutete ein erfolgreich anerkannter Adelstitel gesellschaftliches Kapital; für die genealogischen Vermittler war es ein Geschäft.

 In diesem Zusammenhang ist auch der Name Koczian/Kocian de Blasócz bzw. de Blasoncz interessant. Im Forum war die Form „Koczian de Blas’cz“ genannt worden. Bei Županič findet sich die Schreibweise „Kocian de Blasoncz“. Diese Stelle erscheint in einer Fußnote zu einem Disziplinarverfahren gegen mit Müller verbundene ungarische Archivbeamte. Dort werden die Renobilitierungen der Familien Burián, Szalatnay, Kocian de Blasoncz und Mettal genannt. Das spricht dafür, dass die betreffende Koczian-/Kocian-Angelegenheit tatsächlich in den größeren Komplex des Müller-von-Mildenberg-Skandals gehört.

 Wichtig ist dabei eine begriffliche und genealogische Trennung: Der Name „Koczián von/de Blasócz“ scheint nicht an sich erfunden zu sein. Im ungarischen Adel ist eine Familie Koczián v. Blasócz nachweisbar; auch im Siebmacher wird ein Wappen zu „Koczián v. Blasócz“ angeführt. Fraglich ist daher nicht unbedingt die Existenz einer alten ungarischen Familie dieses Namens, sondern die behauptete genealogische Verbindung eines bestimmten Koczian-Zweiges zu dieser Familie.

 Eine private genealogische Zusammenstellung zu Karl Koczián von Blasócz bringt hierzu weitere, allerdings noch zu überprüfende Hinweise. Danach war Karl Koczian, geboren 14. Dezember 1841 in Forst bei Hohenelbe/Vrchlabí, Hausbesitzer und Kaufmann in Prag und Wien. Er soll in den späten 1880er- oder frühen 1890er-Jahren Alois Müller von Mildenberg beauftragt haben, eine Renobilitierung aufgrund eines behaupteten alten Adels zu betreiben. Ab 1894 habe die Familie zeitweise die Formen „Kocian de Blasocz“ bzw. „Koczián von Blasócz“ verwendet. Gerade diese zeitliche Einordnung passt auffällig zum von Županič geschilderten Umfeld der Renobilitierungsaffären.

 Vorläufig lässt sich daher sagen
Bei Koczian/Kocian de Blasócz handelt es sich wohl nicht um einen völlig frei erfundenen Namen, sondern um eine problematische Anknüpfung an eine tatsächlich existierende ungarische Adelsfamilie. Die konkrete Renobilitierung des betroffenen Koczian-Zweiges dürfte nach dem derzeitigen Hinweisstand in den Kreis der von Alois Müller von Mildenberg vermittelten und später skandalbelasteten Verfahren gehören. Ob die betreffende Anerkennung formell widerrufen wurde, wann dies geschah und welche österreichischen oder ungarischen Behördenakten dazu erhalten sind, müsste noch am Originalmaterial überprüft werden.

Besonders zu prüfen wären
  1. Die genaue Schreibweise in den Originalakten: Kocian de Blasoncz, Koczián de Blasócz, Koczian von Blasócz oder eine weitere Variante.
  2. Der Bericht des k. k. Innenministeriums vom 12. Mai 1908, den Županič in Verbindung mit dem Disziplinarverfahren gegen ungarische Archivbeamte nennt.
  3. Der einschlägige Akt im Nationalarchiv Prag: NA, ŠA, Kart. 36 – Müller von Mildenberg.
  4. Allfällige ungarische Akten zur Anerkennung durch die General-Congregation des Trentschiner Komitats, angeblich Sitzung vom 24. Oktober 1894.
  5. Zeitungsmeldungen, insbesondere die in einer genealogischen Zusammenstellung genannte Notiz aus der Neuen Freien Presse vom 29. November 1894.
  6. Die Frage, ob im Österreichischen Staatsarchiv/AVA, Adelsarchiv, unter „Kochanowski–Koczian“ oder einem benachbarten Faszikel eine einschlägige Korrespondenz, ein Verweisblatt oder ein späterer Aberkennungsvermerk liegt.
  7. Der Siebmacher-Eintrag „Koczián v. Blasócz“ als Nachweis der älteren ungarischen Familie und als Vergleichspunkt für die behauptete Anknüpfung Karl Koczians.
Quellen und Hinweise Meine Bitte an die Mitforscher
Hat jemand Zugriff auf die einschlägigen Akten im Nationalarchiv Prag oder im Österreichischen Staatsarchiv und kann die genaue Aktenlage zu Kocian/Koczián/Koczian de Blasócz überprüfen? Besonders interessieren würden mich die Originalschreibweise, das genaue Datum der Anerkennung, ein allfälliger Widerruf sowie der Nachweis, ob Karl Koczian tatsächlich genealogisch mit der alten ungarischen Familie Koczián v. Blasócz verbunden war oder ob diese Verbindung lediglich im Zuge der Müller’schen Renobilitierungsaffären konstruiert wurde.
"IN OMNIBUS ORDO"

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