Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit

Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit

1 Woche 4 Tage her
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Abseits von Flucht und Widerstand – Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit

Eine ausführliche Zusammenfassung der Diplomarbeit von Marian Wimmer, Universität Wien 2012

Die Geschichte des ehemaligen österreichischen Adels während der nationalsozialistischen Zeit wird häufig aus zwei entgegengesetzten Perspektiven erzählt: auf der einen Seite stehen Verfolgung, Emigration und adeliger Widerstand gegen Hitler, auf der anderen einzelne prominente Adelige, die sich dem Nationalsozialismus anschlossen oder von ihm profitierten.

Marian Wimmer versucht in seiner 2012 an der Universität Wien eingereichten Diplomarbeit „Abseits von Flucht und Widerstand. Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit“, dieses Bild zu differenzieren. Seine zentrale Frage lautet nicht, wie viele Adelige Widerstand leisteten, sondern:

Gab es Angehörige des ehemaligen österreichischen Adels, die das NS-Regime und insbesondere die NSDAP aktiv oder passiv unterstützten – und wenn ja, in welchem Ausmaß?

Damit richtet sich die Arbeit bewusst auf jene Seite der Adelsgeschichte, die in älteren Darstellungen häufig hinter Widerstand, Verfolgung und Habsburg-Legitimismus zurücktrat.


Der „österreichische Adel“ nach 1919

Eine wichtige begriffliche Voraussetzung der Arbeit ist das österreichische Adelsaufhebungsgesetz von 1919. Mit dem Gesetz über die Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden und gewisser Titel und Würden war der Adel in Österreich rechtlich abgeschafft worden.

Wimmer spricht deshalb für die Zeit nach 1919 grundsätzlich vom ehemaligen österreichischen Adel.

Damit verschwand der Adel jedoch nicht als gesellschaftliche Gruppe. Familienbindungen, Heiratskreise, Besitzverhältnisse, gesellschaftliche Netzwerke, Traditionen, katholische Orientierung und teilweise auch ein ausgeprägtes Standesbewusstsein blieben bestehen.

Gerade diese Diskrepanz zwischen dem Verlust des rechtlichen Standes und dem Weiterleben einer gesellschaftlichen Gruppe bildet einen wichtigen Hintergrund für die weitere Entwicklung.


1918/1919 als tiefer gesellschaftlicher Bruch

Das Ende der Habsburgermonarchie bedeutete für viele Angehörige des Adels einen erheblichen Verlust an politischem, sozialem und symbolischem Kapital.

Mit der Republik verschwanden:
  • Monarchie und Kaiserhof als gesellschaftlicher Bezugspunkt,
  • adelige Titel und Rangbezeichnungen,
  • zahlreiche traditionelle politische Einflussmöglichkeiten,
  • Teile des bisherigen gesellschaftlichen Prestige- und Ordnungssystems.

Hinzu kamen das Habsburgergesetz und die Enteignung des Familienfonds des Hauses Habsburg-Lothringen.

Wimmer beschreibt für einen Teil des Adels eine deutliche Distanz zur jungen Republik. Viele zogen sich zunächst aus dem politischen Leben zurück, pflegten ihre bisherigen gesellschaftlichen Kontakte weiter und versuchten, Besitz, Lebensform und soziales Ansehen zu bewahren.

Die Aussöhnung mit der parlamentarischen Demokratie erfolgte nach Wimmers Darstellung jedenfalls nicht in der Ersten Republik.


Neuorganisation in den 1920er Jahren

Der gesellschaftliche Rückzug bedeutete jedoch keineswegs das Verschwinden adeliger Netzwerke.

1922 wurde die bereits vor dem Ersten Weltkrieg bestehende „Vereinigung katholischer Edelleute“ als „Vereinigung katholischer Edelleute in Österreich“ reaktiviert.

Sie verband mehrere wesentliche Identitätselemente:

– katholischen Glauben,
– Treue zur Kirche,
– monarchische beziehungsweise legitimistische Traditionen,
– österreichischen Patriotismus,
– Pflege adeliger gesellschaftlicher Kontakte.

Diese Organisation ist auch deshalb für Wimmers Untersuchung bedeutend, weil einige spätere Nationalsozialisten zuvor Mitglieder dieser ausdrücklich katholisch und antinationalsozialistisch orientierten Vereinigung gewesen waren.

Die politischen Biographien verliefen daher keineswegs immer geradlinig.


Eine kurze „Renaissance“ unter Dollfuß und Schuschnigg

Unter den Regierungen Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg änderte sich die gesellschaftliche Situation des Adels deutlich.

Zwischen dem autoritären Staat und Teilen des ehemaligen Adels bestanden mehrere ideologische Berührungspunkte:

– Katholizismus,
– Ablehnung des Marxismus,
– Skepsis gegenüber der parlamentarischen Massendemokratie,
– ständische Gesellschaftsvorstellungen,
– österreichischer Patriotismus,
– teilweise legitimistische beziehungsweise habsburgische Orientierung.

Wimmer spricht in diesem Zusammenhang sinngemäß von einer kurzen politischen und gesellschaftlichen Renaissance des Adels.

Bemerkenswert ist der von ihm angeführte Anteil ehemaliger Adeliger in österreichischen Regierungen zwischen 1933 und 1938: durchschnittlich etwa 33 Prozent, zeitweise sogar bis zu 53 Prozent.

Unter Schuschnigg verbesserten sich außerdem die Beziehungen zum Haus Habsburg. Das Habsburgergesetz wurde 1935 aufgehoben, und legitimistische Vorstellungen gewannen deutlich an gesellschaftlicher Bedeutung.

Diese Nähe zum autoritären österreichischen Staat bedeutet allerdings nicht, dass der Adel als Gruppe als Verteidiger der parlamentarischen Demokratie verstanden werden könnte. Gerade hierin liegt eine wichtige Differenzierung der Arbeit.


Adel und Nationalsozialismus – das bisherige Forschungsbild

Wimmer setzt sich ausführlich mit der bestehenden Literatur auseinander.

In zahlreichen älteren Darstellungen wurde der österreichische Adel überwiegend als Gegner des Nationalsozialismus beschrieben. Dafür gibt es zahlreiche bekannte Beispiele: Otto Habsburg-Lothringen, die Brüder Max und Ernst Hohenberg oder Angehörige adeliger Widerstandsgruppen.

Auch Gudula Walterskirchen vertrat die Auffassung, dass NS-Sympathisanten innerhalb des österreichischen Adels lediglich eine Minderheit beziehungsweise Ausnahme dargestellt hätten.

Wimmer kritisiert dabei weniger die Existenz eines adeligen Widerstandes als die mangelnde empirische Grundlage mancher pauschaler Aussagen über „den Adel“.

Die zentrale Schwierigkeit besteht darin, dass der österreichische Adel des 20. Jahrhunderts bislang nur punktuell untersucht wurde. Wimmer bezeichnet die Forschungslage sinngemäß als eine „Insellandschaft“.

Einzelne Familien oder Personen sind gut dokumentiert, während für andere kaum verwertbare Quellen vorhanden sind.


Quellen und Forschungsmethode

Die wichtigste Grundlage der eigenen Untersuchung bilden die sogenannten Gauakten des Archivs der Republik im Österreichischen Staatsarchiv.

Dazu gehören unter anderem:

– Personalfragebögen von NSDAP-Mitgliedern und Parteianwärtern,
– politische Beurteilungen,
– Unterlagen über Parteimitgliedschaften,
– Akten von Funktionären,
– Unterlagen zur sogenannten „illegalen“ Tätigkeit vor 1938.

Wimmer weist ausdrücklich auf ein quellenkritisches Problem hin:

Gerade nach dem „Anschluss“ versuchten viele Personen, sich gegenüber der NSDAP als besonders frühe oder verdienstvolle Nationalsozialisten darzustellen. Tätigkeiten während der österreichischen NSDAP-Verbotszeit von 1933 bis 1938 wurden deshalb teilweise übertrieben, ausgeschmückt oder möglicherweise sogar erfunden.

Umgekehrt mussten nach 1945 manche derselben Personen Interesse daran haben, ihre frühere NS-Nähe möglichst gering erscheinen zu lassen.

Parteipersonalakten müssen daher mit besonderer Vorsicht interpretiert werden.

Nicht herangezogen wurden grundsätzlich nicht öffentlich zugängliche private Familienarchive. Dies gewährleistete eine einheitlichere Quellenbasis, schränkt die Untersuchung aber gleichzeitig erheblich ein.


Die untersuchten Familien

Im empirischen Teil untersucht Wimmer Angehörige von fünf hochadeligen Familien:

Abensperg-Traun
Auersperg
Harrach
Kinsky
Rohan

Insgesamt wurden nach den von Wimmer festgelegten Alters-, Wohn- und Quellenkriterien 36 Personen ausgewertet.

Davon konnten neun Personen als NSDAP-Mitglieder nachgewiesen werden.

Die Verteilung lautet:

Abensperg-Traun: 7 untersucht – 2 NSDAP-Mitglieder – 28,57 %

Auersperg: 16 untersucht – 3 NSDAP-Mitglieder – 18,75 %

Harrach: 2 untersucht – kein NSDAP-Mitglied – 0 %

Kinsky: 7 untersucht – 2 NSDAP-Mitglieder – 28,57 %

Rohan: 4 untersucht – 2 NSDAP-Mitglieder – 50 %

Gesamt: 36 untersucht – 9 NSDAP-Mitglieder – 25 Prozent.

Diese Zahl ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Diplomarbeit.

Sie darf allerdings nicht als Aussage verstanden werden, dass 25 Prozent des gesamten österreichischen Adels Nationalsozialisten gewesen seien. Die Untersuchung betrifft eine begrenzte, nach bestimmten Kriterien ausgewählte Personengruppe und konzentriert sich stark auf den österreichischen Hochadel und Ostösterreich.


Abensperg-Traun – Karriere durch die neuen Machtverhältnisse

Besonders ausführlich behandelt Wimmer Hans Abensperg-Traun.

Dieser gab in seinem NSDAP-Aufnahmeantrag vom Mai 1938 an, bereits seit 1. Jänner 1937 Parteimitglied und während der Verbotszeit Angehöriger der illegalen Gruppe Schenker-Demar gewesen zu sein.

Nach dem „Anschluss“ erlebte seine Karriere einen auffälligen Sprung.

Bis dahin war der ausgebildete Forstwirt vor allem in der Verwaltung der väterlichen Güter tätig gewesen. Bereits am 18. März 1938 wurde er Präsident beziehungsweise kommissarischer Leiter der Österreichischen Land- und Forstwirtschaftsgesellschaft.

Wimmer interpretiert diesen Aufstieg als Ergebnis seiner Parteizugehörigkeit und seiner Verbindungen zu nationalsozialistischen Netzwerken, insbesondere zu Angehörigen der Familie Hardegg.

Interessant ist zugleich der familiäre Konflikt: Hans' politische beziehungsweise militärische Orientierung führte zu erheblichen Spannungen mit seinem Vater.

Auch seine Ehefrau Margarete wird behandelt. Sie gab an, bereits seit 1932 für nationalsozialistische Wohlfahrtsorganisationen tätig gewesen zu sein und diese mit Geld- und Sachspenden unterstützt zu haben.

Bemerkenswert ist der Widerspruch, dass beide bis zum „Anschluss“ zugleich der katholischen Adelsvereinigung angehörten.

Das Beispiel zeigt sehr deutlich, dass gesellschaftliche Zugehörigkeit, katholisches Milieu und politische Orientierung nicht automatisch identisch waren.


Auersperg – politische Überzeugung und Karriere

Bei Alfred Auersperg sieht Wimmer eine länger zurückreichende nationalsozialistische Orientierung.

Bereits während seines Medizinstudiums soll Auersperg Ende der 1920er beziehungsweise Anfang der 1930er Jahre dem nationalsozialistischen Studentenbund angehört haben.

1934 trat er aus der Vereinigung katholischer Edelleute aus. Als Grund wird seine Ablehnung der politischen Richtung der österreichischen Regierung genannt.

Wimmer geht deshalb davon aus, dass Auerspergs spätere NS-Nähe nicht lediglich aus opportunistischer Anpassung nach März 1938 erklärt werden kann.

Nach dem „Anschluss“ wurde er SS-Rottenführer und machte Karriere im medizinisch-universitären Bereich.

Auch andere Mitglieder der Familie Auersperg bemühten sich um Mitgliedschaften und Anerkennung innerhalb nationalsozialistischer Institutionen.

Wimmer unterscheidet daher zwischen Personen, die bereits länger ideologisch mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, und solchen, die nach dem Machtwechsel vor allem berufliche oder wirtschaftliche Vorteile suchten.


Harrach – keine nachgewiesene Parteimitgliedschaft in der untersuchten österreichischen Gruppe

Bei den in Österreich untersuchten Angehörigen der Familie Harrach konnte Wimmer keine NSDAP-Mitgliedschaft feststellen.

Das bedeutet jedoch ausdrücklich nicht, dass damit automatisch eine oppositionelle Haltung nachgewiesen wäre.

So wurde Johann Harrach von NS-Stellen zwar als gegenüber der NSDAP eher zurückhaltend beschrieben, gleichzeitig bestanden letztlich keine politischen Bedenken gegen ihn.

Wimmer warnt generell davor, das Fehlen eines Gauaktes oder einer NSDAP-Mitgliedschaft mit Widerstand gleichzusetzen.

Zwischen überzeugtem Nationalsozialismus und aktivem Widerstand bestand ein breites Feld aus Anpassung, politischer Passivität, Opportunismus und pragmatischer Zusammenarbeit.


Kinsky – Netzwerke und politische Nähe

Bei der Familie Kinsky wurden sieben Personen untersucht, zwei davon erscheinen in Wimmers Auswertung als NSDAP-Mitglieder.

Besonderes Augenmerk gilt Ulrich Kinsky, einem ehemaligen k. u. k. Fliegeroffizier, Sportler und prominenten Vertreter des Rennsports.

Nach 1938 konnte Kinsky bedeutende gesellschaftliche Funktionen weiter ausüben. Wimmer hält es für kaum denkbar, dass dies ohne zumindest NS-freundliche Haltung beziehungsweise entsprechende Verbindungen zu einflussreichen Personen des Regimes möglich gewesen wäre.

Die Überlieferung zu seinem Tod und zu politischen Hintergründen ist allerdings widersprüchlich. Wimmer kennzeichnet solche Punkte ausdrücklich als nicht abschließend geklärt.


Karl Anton Rohan – ein besonders aussagekräftiger Fall

Besondere Aufmerksamkeit erhält Karl Anton Rohan.

Rohan war Schriftsteller, Publizist und ein bedeutender Vertreter konservativer beziehungsweise deutschnationaler intellektueller Netzwerke.

Er stand im Umfeld des „Deutschen Klubs“ und wurde von NS-Stellen als langjähriger Sympathisant der Bewegung beurteilt.

Nach den von Wimmer ausgewerteten Unterlagen trat Rohan am 1. Mai 1938 der NSDAP bei. In parteiinternen Berichten wurde sein Verhalten während der Verbotszeit positiv hervorgehoben. Erwähnt wurden unter anderem finanzielle Unterstützungen und seine Haltung gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung.

Nach dem „Anschluss“ beteiligte sich Rohan auch am „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“, einer Publikation, in der zahlreiche österreichische Schriftsteller das nationalsozialistische Deutschland und Hitler begrüßten.

1946 wurde Rohan aufgrund des Verbotsgesetzes verhaftet und später gegen Gelöbnis enthaftet.

Gerade sein Beispiel zeigt, wie schwierig eindeutige politische Etikettierungen sein können: Rohan hatte zuvor auch Positionen vertreten, die mit österreichischer Eigenständigkeit verbunden waren, näherte sich aber zugleich dem Nationalsozialismus an und wurde von diesem als wertvolles Mitglied beurteilt.


Netzwerke innerhalb des ehemaligen Adels

Ein wichtiger Ansatz der Arbeit ist die Beobachtung, dass nationalsozialistisch orientierte Adelige nicht ausschließlich als isolierte Einzelpersonen auftraten.

Wimmer erkennt insbesondere im Wiener und niederösterreichischen Umfeld Netzwerke rund um Familien wie:

Hardegg – Gudenus – Abensperg-Traun.

Immer wieder erscheinen dieselben Organisationen und gesellschaftlichen Institutionen:

– Deutscher Klub,
– Wiener Rennverein,
– Jockey-Club,
– land- und forstwirtschaftliche Vereinigungen,
– nationalsozialistische SA- beziehungsweise Unterstützergruppen.

Gerade diese personellen Überschneidungen wären nach Wimmer ein besonders lohnendes Feld weiterer Forschung.


Der „Anschluss“ und die schnelle Anpassung

Der März 1938 war auch innerhalb des ehemaligen Adels eine entscheidende Zäsur.

Zahlreiche Angehörige der bisherigen österreichischen Führungsschichten wurden verhaftet, verfolgt, enteignet oder zur Flucht gezwungen.

Gleichzeitig gab es jedoch auch Adelige, die den Machtwechsel begrüßten oder versuchten, sich möglichst rasch mit den neuen Machthabern zu arrangieren.

Besonders aufschlussreich ist eine im März 1938 veröffentlichte „Erklärung von Vertretern des österreichischen Adels“.

Unterzeichner waren unter anderem:

Rudolf Abensperg-Traun, Max Coreth, Rudolf Hoyos, Ferdinand Piatti und Peter Revertera.

Darin wurde der „Anschluss“ begrüßt und der österreichische Adel zur Loyalität gegenüber Reich und Hitler aufgefordert.

Wimmer macht auf die teilweise erstaunlichen politischen Kehrtwendungen aufmerksam, die sich dabei beobachten lassen.


„Illegale“, Opportunisten und „Märzveilchen“

Nicht jeder, der nach März 1938 der NSDAP beitrat, war zuvor überzeugter Nationalsozialist gewesen.

Wimmer unterscheidet verschiedene Gruppen:

1. Früh überzeugte Nationalsozialisten

Personen, deren Sympathien oder Aktivitäten bereits deutlich vor 1938 nachweisbar sind.

2. Illegale Nationalsozialisten

Personen, die während des österreichischen Parteiverbots zwischen 1933 und 1938 für die NSDAP oder deren Organisationen tätig waren.

3. Opportunistische Anpassung nach dem „Anschluss“

Personen, die nach März 1938 möglichst schnell Parteimitglieder werden wollten oder ihre angeblichen früheren Verdienste hervorhoben, um gesellschaftlich, beruflich oder wirtschaftlich zu profitieren.

Für diese späten Anhänger wurde zeitgenössisch auch die Bezeichnung „Märzveilchen“ verwendet.

Gerade bei den Angaben über angebliche illegale Tätigkeit mahnt Wimmer zur Quellenkritik: Manche Antragsteller übertrieben nach 1938 ihre Rolle massiv, um als sogenannte „Alte Kämpfer“ zu gelten.


Eine Generationenfrage?

Ein besonders interessantes Ergebnis betrifft das Alter der NSDAP-Mitglieder.

Die späteren Parteimitglieder der untersuchten Familien waren zum Stichtag 1. Jänner 1938 durchschnittlich 38,27 Jahre alt.

Viele waren zwischen etwa 1890 und 1910 geboren.

Damit unterstützt Wimmer eine bereits von Lothar Höbelt formulierte Beobachtung: Jüngere Angehörige des Adels waren offenbar tendenziell anfälliger für den Nationalsozialismus als jene Generation, die die Habsburgermonarchie noch als erwachsene Menschen erlebt hatte.

Als mögliche Erklärung nennt Wimmer Perspektivlosigkeit, soziale Abstiegsängste, fehlende berufliche Positionen sowie eine gewisse Rebellion gegen die Elterngeneration.

Dies bleibt jedoch ausdrücklich ein Erklärungsmodell und kein für jeden Einzelfall bewiesenes Motiv.


„Obenbleiben“ als Schlüsselbegriff

Für Wimmers Interpretation ist schließlich ein sozialgeschichtlicher Begriff besonders wichtig: das „Obenbleiben“.

Der ehemalige Adel musste sich nach 1918 wiederholt vollkommen veränderten politischen Rahmenbedingungen anpassen:

1918/19 – Verlust von Monarchie, Stand und Privilegien,

1933/34 – autoritärer Umbau Österreichs,

1938 – nationalsozialistische Machtübernahme.

Bei jeder dieser Veränderungen gab es Gewinner und Verlierer.

Manche zogen sich zurück.

Andere suchten neue gesellschaftliche Rollen.

Einige engagierten sich im Ständestaat.

Andere wurden überzeugte Nationalsozialisten.

Wieder andere passten sich dem NS-System aus wirtschaftlichen oder beruflichen Gründen an.

Damit erscheint der Adel nicht als geschlossen handelnder Stand, sondern als gesellschaftliche Gruppe mit sehr unterschiedlichen individuellen Strategien.


Das wichtigste Ergebnis

Wimmers Untersuchung bestätigt, dass die Mehrheit der von ihm untersuchten Personen kein nachweisbares Naheverhältnis zur NSDAP hatte.

Gleichzeitig widerlegt sie jedoch die Vorstellung, nationalsozialistische Sympathisanten innerhalb des österreichischen Hochadels seien lediglich einige vollkommen isolierte Ausnahmeerscheinungen gewesen.

In der untersuchten Gruppe waren neun von 36 Personen – also 25 Prozent – NSDAP-Mitglieder.

Darüber hinaus konnten bei weiteren Personen NS-affine Handlungen, politische Sympathien oder opportunistische Anpassungsversuche festgestellt werden.

Wimmer weist zudem darauf hin, dass nationalsozialistische Sympathien und Unterstützung bis in höchste adelige Kreise und auch in das weitere Umfeld des Hauses Habsburg-Lothringen hinein nachweisbar sind.

Genauso deutlich bleibt aber festzuhalten:

Das Ergebnis der Stichprobe kann nicht einfach auf den gesamten ehemaligen österreichischen Adel hochgerechnet werden.

Das Fehlen einer NSDAP-Mitgliedschaft wiederum beweist ebenso wenig eine oppositionelle oder widerständige Haltung.


Fazit

Die besondere Stärke der Arbeit liegt weniger darin, eine endgültige Antwort auf die Frage „Wie nationalsozialistisch war der österreichische Adel?“ geben zu wollen.

Vielmehr zeigt Marian Wimmer, dass bereits die Fragestellung problematisch ist.

„Der Adel“ handelte nicht einheitlich.

Es gab:

Widerstandskämpfer und Verfolgte,
Legitimisten und österreichische Patrioten,
politisch Uninteressierte,
pragmatische Anpasser,
Karrieristen,
Profiteure,
NS-Sympathisanten,
illegale Nationalsozialisten und überzeugte Parteimitglieder.

Gerade innerhalb einzelner Familien konnten vollkommen gegensätzliche politische Biographien auftreten.

Die Arbeit verschiebt damit die Perspektive „abseits von Flucht und Widerstand“ auf die weniger bekannte Frage nach Anpassung, Unterstützung und persönlichem Nutzen.

Ihr vielleicht wichtigstes Ergebnis ist deshalb nicht die Zahl von 25 Prozent allein, sondern die Erkenntnis, dass die politische Geschichte des ehemaligen österreichischen Adels zwischen 1918 und 1945 nur durch systematische Untersuchungen einzelner Personen, Familien und Netzwerke verstanden werden kann.

Wimmer selbst sieht hier noch erheblichen Forschungsbedarf. Vor allem die Einbeziehung weiterer Gauakten, deutscher und österreichischer Archive sowie privater Familienarchive könnte das bislang fragmentarische Bild wesentlich erweitern.

Die Diplomarbeit ist damit weniger ein Schlusspunkt als eine Aufforderung zu weiterer Forschung.


Literaturhinweis:

Marian Wimmer: Abseits von Flucht und Widerstand. Der ehemalige österreichische Adel in der NS-Zeit. Diplomarbeit, Universität Wien, Studienrichtung Geschichte, Wien 2012. Betreuung: A.o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Marija Wakounig, M.A.S.
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