Die Habsburgermonarchie 1848–1918 – zwei bedeutende Bände
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Die Habsburgermonarchie 1848–1918 – zwei bedeutende Bände
1 Woche 5 Tage her
Die Habsburgermonarchie 1848–1918 – zwei bedeutende Bände zur Sozialgeschichte und zur historischen Erinnerung
Das umfangreiche Reihenwerk Die Habsburgermonarchie 1848–1918 gehört zu den wichtigsten wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen über die österreichisch-ungarische Monarchie. Zwei besonders interessante Bände beschäftigen sich einerseits mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts und andererseits mit der späteren historischen Deutung des Untergangs der Monarchie.
Band IX: Soziale Strukturen – Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft
Der erste Teilband von Band IX trägt den Titel:
Soziale Strukturen. Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft
Er wurde von Helmut Rumpler und Peter Urbanitsch herausgegeben und erschien 2010. Die elektronische Ausgabe weist die ISBN 978-3-7001-7042-6, die Druckausgabe die ISBN 978-3-7001-6892-8 auf.
Der äußerst umfangreiche Band untersucht den Übergang von einer ständisch und landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer modernen Industrie-, Bildungs- und Wissensgesellschaft. Im Mittelpunkt steht nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern vor allem die Frage, wie sich Industrialisierung, Urbanisierung, Bevölkerungswachstum, Bildung, Kommunikation und neue Arbeitsformen auf die Menschen der Habsburgermonarchie auswirkten.
Aufbau und zentrale Themen
Der Band gliedert sich in mehrere große Themenbereiche:
1. Die Wende zur Industrie- und Wissensgesellschaft
Behandelt werden:
Damit wird deutlich, dass die industrielle Revolution nicht allein aus Fabriken, Maschinen und Eisenbahnen bestand. Sie veränderte auch Bildungswege, Informationsflüsse, Lebensentwürfe, Wanderungsbewegungen und die rechtliche Stellung großer Bevölkerungsteile.
2. Lebens- und Arbeitswelten
Ein besonders umfangreicher Abschnitt widmet sich dem konkreten Alltag der Bevölkerung. Untersucht werden unter anderem:
Für genealogische Forschungen sind diese Beiträge besonders wertvoll. Sie helfen dabei, Berufe, Wohnorte, soziale Aufstiege, Heiratsverbindungen, Binnenwanderungen und Veränderungen im Familienleben in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen.
Ein Vorfahr, der um 1850 noch als Bauer, Handwerker oder herrschaftlicher Bediensteter erscheint, konnte wenige Jahrzehnte später bereits als Fabrikarbeiter, Eisenbahner, Beamter, Lehrer, Kaufmann oder Angehöriger eines neuen technischen Berufes tätig sein. Der Band liefert das notwendige Hintergrundwissen, um solche Veränderungen besser zu verstehen.
3. Zwischen Stand und Klasse
Dieser Abschnitt behandelt die Entstehung und Veränderung gesellschaftlicher Großgruppen:
Gerade für Forschungen zur Geschichte des Adels ist dieser Abschnitt von besonderer Bedeutung. Der Adel erscheint hier nicht als abgeschlossene und unveränderliche Gruppe, sondern als gesellschaftlicher Stand, der auf wirtschaftlichen Wandel, Verfassungsentwicklung, neue Bildungsanforderungen und den Aufstieg des Bürgertums reagieren musste.
Der Beitrag über den erbländischen Adel stammt von Hannes Stekl. Der galizische Adel wird von Miloš Řezník behandelt, während Ulrike Harmat Magnaten und Gentry in Ungarn untersucht.
Damit ermöglicht der Band einen Vergleich verschiedener adeliger Lebenswelten innerhalb der Habsburgermonarchie. Besitzverhältnisse, regionale Traditionen, politische Funktionen und gesellschaftlicher Einfluss konnten sich in den österreichischen Erbländern, Galizien und Ungarn erheblich unterscheiden.
4. Soziale Gruppen jenseits der klassischen Klassen
Ein weiterer Themenblock beschäftigt sich mit Gruppen, die sich nicht ohne Weiteres den Kategorien Adel, Bürgertum, Bauern oder Arbeiterschaft zuordnen lassen:
Für die genealogische und biographische Forschung sind insbesondere die Beiträge über Beamtentum, diplomatischen Dienst, Militär, Hofgesellschaft und Hofstaat von Interesse.
Sie helfen, Dienststellungen und Karrieren richtig einzuordnen. Ein k. k. oder k. u. k. Beamter, Offizier, Diplomat beziehungsweise Hofbediensteter war stets Teil einer größeren sozialen und institutionellen Ordnung. Rang, Ausbildung, Herkunft, Beziehungen und Sprachkenntnisse konnten für eine Laufbahn ebenso entscheidend sein wie fachliche Qualifikation.
Der Beitrag über die Hofgesellschaft und den Hofstaat stammt von Karin Schneider. Die bewaffnete Macht wird von Peter Melichar und Alexander Mejstrik behandelt; William D. Godsey untersucht den diplomatischen Dienst zwischen ständischer Tradition und moderner Nationalgesellschaft.
5. Der soziale Wandel als gesellschaftspolitische Herausforderung
Der Band behandelt schließlich auch die Reaktionen auf die sozialen Umwälzungen:
Diese Beiträge zeigen, dass Modernisierung nicht nur Fortschritt bedeutete. Industrialisierung und Urbanisierung führten auch zu Armut, Wohnungsnot, gesellschaftlichen Konflikten, politischen Radikalisierungen und neuen Formen der Ausgrenzung.
Statistische und genealogische Hilfsmittel
Der Band enthält neben den wissenschaftlichen Beiträgen:
Das Personenregister beginnt auf Seite 1755, das Ortsregister auf Seite 1771 und das Sachregister auf Seite 1785. Gerade diese Register erleichtern die gezielte Suche nach Namen, Orten, Berufsgruppen und gesellschaftlichen Institutionen.
Ergänzung durch den Kartenband
Zum Textband gehört als zweiter Teil von Band IX der Kartenband:
Die Gesellschaft der Habsburgermonarchie im Kartenbild. Verwaltungs-, Sozial- und Infrastrukturen nach dem Zensus von 1910
Dieser von Helmut Rumpler und Martin Seger bearbeitete Teil enthält thematische Karten zu Bevölkerungsstruktur, Ethnien, Konfessionen, Erwerbstätigkeit, Berufsgruppen, Landwirtschaft, Siedlungen, Bildungswesen, Militär und Eisenbahnen.
Die statistischen Angaben werden für die österreichischen politischen Bezirke und die ungarischen Komitate dargestellt. Dadurch können regionale Unterschiede innerhalb der Monarchie unmittelbar miteinander verglichen werden.
Für Familienforscher bietet sich damit die Möglichkeit, den Lebensraum einer Familie nicht nur anhand einzelner Kirchenbuch- oder Standesamtsdaten, sondern auch hinsichtlich Bevölkerungsentwicklung, Konfession, Beruf, Verkehrsanbindung und sozialer Struktur zu untersuchen.
Band XII: Bewältigte Vergangenheit?
Der 2018 erschienene Band XII trägt den vollständigen Titel:
Bewältigte Vergangenheit? Die nationale und internationale Historiographie zum Untergang der Habsburgermonarchie als ideelle Grundlage für die Neuordnung Europas
Herausgegeben wurde der Band von Helmut Rumpler und Ulrike Harmat. Die Druckausgabe trägt die ISBN 978-3-7001-8139-2, die elektronische Ausgabe die ISBN 978-3-7001-8351-8.
Anders als Band IX behandelt Band XII nicht primär die gesellschaftlichen Strukturen der Monarchie. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie der Erste Weltkrieg, der Untergang Österreich-Ungarns und die Entstehung der Nachfolgestaaten später erinnert, interpretiert und politisch genutzt wurden.
Bereits das Fragezeichen im Titel Bewältigte Vergangenheit? weist darauf hin, dass es keine einheitliche und endgültige Deutung des Endes der Habsburgermonarchie gibt.
1. Der Erste Weltkrieg als Epochenwende
Der erste Abschnitt behandelt:
Dabei wird deutlich, dass selbst die verwendeten Begriffe unterschiedliche Sichtweisen ausdrücken.
„Untergang“ kann den Eindruck eines unausweichlichen Zusammenbruchs erwecken. „Auflösung“ verweist stärker auf innere politische und nationale Prozesse. „Zerstörung“ betont hingegen äußere Kriegseinwirkungen und politische Entscheidungen.
2. Die Geschichtsschreibung der Nachfolgestaaten
Ein großer Teil des Bandes untersucht die nationale Erinnerung und Historiographie in den Staaten, die aus dem ehemaligen Herrschaftsraum der Monarchie hervorgingen.
Behandelt werden unter anderem:
Der Band zeigt damit, dass dieselben Ereignisse in Wien, Budapest, Prag, Belgrad, Warschau, Bukarest, Kiew oder Rom sehr unterschiedlich erinnert wurden.
Was aus österreichischer Sicht als Zusammenbruch eines jahrhundertealten Reiches erscheinen konnte, wurde andernorts als nationale Befreiung, Staatsgründung, Gebietsverlust oder historische Katastrophe verstanden.
3. Das „Neue Europa“ nach 1918
Der dritte Abschnitt widmet sich der europäischen und internationalen Neuordnung:
Der Beitrag von Jana Osterkamp fragt unter dem Titel Ein Reich ohne Eigenschaften? nach dem Erbe föderaler Vorstellungen in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie.
Diese Fragestellung ist auch für die Gegenwart interessant: War Österreich-Ungarn lediglich ein überholtes dynastisches Reich oder verfügte die Monarchie über politische und administrative Erfahrungen im Umgang mit sprachlicher, ethnischer, konfessioneller und regionaler Vielfalt, die für das heutige Europa weiterhin von Bedeutung sein könnten?
Bedeutung für Genealogie und Familiengeschichte
Band XII ist für Familienforscher besonders hilfreich, wenn Familiengeschichten über das Jahr 1918 hinausreichen.
Durch den Zerfall der Monarchie konnten Familien innerhalb weniger Jahre:
Auch die Schreibweise von Namen, Ortsbezeichnungen, Adelstiteln und Amtsbezeichnungen konnte sich verändern. Ein und dieselbe Person kann daher in österreichischen, ungarischen, tschechoslowakischen, polnischen, rumänischen, jugoslawischen oder italienischen Unterlagen unterschiedlich bezeichnet werden.
Band XII hilft dabei, solche Unterschiede nicht nur als archivalisches Problem, sondern als Folge konkurrierender historischer Erinnerungen und neuer staatlicher Identitäten zu verstehen.
Bedeutung für Heraldik und Adelsgeschichte
Für die Heraldik und Adelsgeschichte liefern beide Bände wichtige Hintergrundinformationen.
Band IX zeigt, wie sich der Adel innerhalb einer sich modernisierenden Gesellschaft veränderte. Die Aufhebung feudaler Bindungen, die Industrialisierung, der Ausbau der staatlichen Verwaltung, neue Bildungswege und das Erstarken des Bürgertums veränderten die gesellschaftliche Stellung adeliger Familien.
Band XII macht deutlich, dass die Bewertung der Monarchie und ihres Adels nach 1918 stark von den politischen Vorstellungen der jeweiligen Nachfolgestaaten geprägt wurde. Wappen, Titel, Familienbesitz und Erinnerungsorte konnten je nach Staat als historisches Kulturerbe, als Zeichen einer überwundenen Herrschaftsordnung oder als Bestandteil regionaler Identität betrachtet werden.
Fazit
Die beiden Bände ergänzen einander in besonderer Weise:
Band IX beschreibt die gesellschaftliche Wirklichkeit der Habsburgermonarchie während des Übergangs von der ständisch-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft.
Band XII untersucht, wie der Untergang dieser Monarchie später in unterschiedlichen Staaten und politischen Traditionen gedeutet wurde.
Für genealogische und heraldische Forschungen ermöglichen die Werke damit zwei unterschiedliche Perspektiven:
Besonders erfreulich ist, dass die einzelnen Beiträge der beiden Bände über die elektronische Publikationsplattform Austriaca aufgerufen und vielfach als PDF eingesehen werden können.
Quellen und weiterführende Verweise
Band IX/1 – Verlagsseite:
Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Band IX/1 – Verlag der ÖAW
Offizielle elektronische Ausgabe mit Inhaltsverzeichnis und Einzelbeiträgen:
Band IX, Soziale Strukturen, 1. Teilband – Austriaca
Ergänzender Kartenband IX/2:
Band IX, Soziale Strukturen, 2. Teilband – Austriaca
Band XII – Verlagsseite:
Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Band XII – Verlag der ÖAW
Offizielle elektronische Ausgabe mit Inhaltsverzeichnis und Einzelbeiträgen:
Band XII, Bewältigte Vergangenheit? – Austriaca
Das umfangreiche Reihenwerk Die Habsburgermonarchie 1848–1918 gehört zu den wichtigsten wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen über die österreichisch-ungarische Monarchie. Zwei besonders interessante Bände beschäftigen sich einerseits mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts und andererseits mit der späteren historischen Deutung des Untergangs der Monarchie.
Band IX: Soziale Strukturen – Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft
Der erste Teilband von Band IX trägt den Titel:
Soziale Strukturen. Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft
Er wurde von Helmut Rumpler und Peter Urbanitsch herausgegeben und erschien 2010. Die elektronische Ausgabe weist die ISBN 978-3-7001-7042-6, die Druckausgabe die ISBN 978-3-7001-6892-8 auf.
Der äußerst umfangreiche Band untersucht den Übergang von einer ständisch und landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer modernen Industrie-, Bildungs- und Wissensgesellschaft. Im Mittelpunkt steht nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern vor allem die Frage, wie sich Industrialisierung, Urbanisierung, Bevölkerungswachstum, Bildung, Kommunikation und neue Arbeitsformen auf die Menschen der Habsburgermonarchie auswirkten.
Aufbau und zentrale Themen
Der Band gliedert sich in mehrere große Themenbereiche:
1. Die Wende zur Industrie- und Wissensgesellschaft
Behandelt werden:
- Technologie und sozialer Wandel,
- die sogenannte Bildungsrevolution,
- die Anfänge des modernen Kommunikations- und Medienwesens,
- die Bevölkerungsentwicklung zwischen 1850 und 1910,
- der Prozess der Urbanisierung,
- die politischen und rechtlichen Voraussetzungen der gesellschaftlichen Entwicklung.
Damit wird deutlich, dass die industrielle Revolution nicht allein aus Fabriken, Maschinen und Eisenbahnen bestand. Sie veränderte auch Bildungswege, Informationsflüsse, Lebensentwürfe, Wanderungsbewegungen und die rechtliche Stellung großer Bevölkerungsteile.
2. Lebens- und Arbeitswelten
Ein besonders umfangreicher Abschnitt widmet sich dem konkreten Alltag der Bevölkerung. Untersucht werden unter anderem:
- landwirtschaftliche Arbeitswelten und ländliche Sozialstrukturen,
- die gewerblich-industrielle Arbeitswelt in Cisleithanien,
- die gewerblich-industrielle Arbeitswelt in Ungarn,
- Arbeit im Dienstleistungssektor,
- urbane Lebenswelten in Metropolen und Großstädten,
- die Großstadterfahrung am Beispiel Budapests,
- klein- und mittelstädtische Lebenswelten,
- ländliches und städtisches Familienleben,
- Geschlechterbilder und Geschlechterrollen,
- Religion und konfessionelle Milieus als Faktoren sozialer Integration.
Für genealogische Forschungen sind diese Beiträge besonders wertvoll. Sie helfen dabei, Berufe, Wohnorte, soziale Aufstiege, Heiratsverbindungen, Binnenwanderungen und Veränderungen im Familienleben in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen.
Ein Vorfahr, der um 1850 noch als Bauer, Handwerker oder herrschaftlicher Bediensteter erscheint, konnte wenige Jahrzehnte später bereits als Fabrikarbeiter, Eisenbahner, Beamter, Lehrer, Kaufmann oder Angehöriger eines neuen technischen Berufes tätig sein. Der Band liefert das notwendige Hintergrundwissen, um solche Veränderungen besser zu verstehen.
3. Zwischen Stand und Klasse
Dieser Abschnitt behandelt die Entstehung und Veränderung gesellschaftlicher Großgruppen:
- den Bauernstand,
- die Entstehung der Arbeiterklasse,
- das Bürgertum in Cisleithanien,
- das Besitz- und Bildungsbürgertum in Ungarn,
- den erbländischen Adel,
- den galizischen Adel,
- Magnaten und Gentry in Ungarn.
Gerade für Forschungen zur Geschichte des Adels ist dieser Abschnitt von besonderer Bedeutung. Der Adel erscheint hier nicht als abgeschlossene und unveränderliche Gruppe, sondern als gesellschaftlicher Stand, der auf wirtschaftlichen Wandel, Verfassungsentwicklung, neue Bildungsanforderungen und den Aufstieg des Bürgertums reagieren musste.
Der Beitrag über den erbländischen Adel stammt von Hannes Stekl. Der galizische Adel wird von Miloš Řezník behandelt, während Ulrike Harmat Magnaten und Gentry in Ungarn untersucht.
Damit ermöglicht der Band einen Vergleich verschiedener adeliger Lebenswelten innerhalb der Habsburgermonarchie. Besitzverhältnisse, regionale Traditionen, politische Funktionen und gesellschaftlicher Einfluss konnten sich in den österreichischen Erbländern, Galizien und Ungarn erheblich unterscheiden.
4. Soziale Gruppen jenseits der klassischen Klassen
Ein weiterer Themenblock beschäftigt sich mit Gruppen, die sich nicht ohne Weiteres den Kategorien Adel, Bürgertum, Bauern oder Arbeiterschaft zuordnen lassen:
- die Intelligenz in Ungarn,
- die Intellektuellen in Cisleithanien,
- das cisleithanische Beamtentum,
- die Beamten in Ungarn,
- der österreichisch-ungarische diplomatische Dienst,
- die bewaffnete Macht,
- Hofgesellschaft und Hofstaat.
Für die genealogische und biographische Forschung sind insbesondere die Beiträge über Beamtentum, diplomatischen Dienst, Militär, Hofgesellschaft und Hofstaat von Interesse.
Sie helfen, Dienststellungen und Karrieren richtig einzuordnen. Ein k. k. oder k. u. k. Beamter, Offizier, Diplomat beziehungsweise Hofbediensteter war stets Teil einer größeren sozialen und institutionellen Ordnung. Rang, Ausbildung, Herkunft, Beziehungen und Sprachkenntnisse konnten für eine Laufbahn ebenso entscheidend sein wie fachliche Qualifikation.
Der Beitrag über die Hofgesellschaft und den Hofstaat stammt von Karin Schneider. Die bewaffnete Macht wird von Peter Melichar und Alexander Mejstrik behandelt; William D. Godsey untersucht den diplomatischen Dienst zwischen ständischer Tradition und moderner Nationalgesellschaft.
5. Der soziale Wandel als gesellschaftspolitische Herausforderung
Der Band behandelt schließlich auch die Reaktionen auf die sozialen Umwälzungen:
- Lebensreformbewegungen,
- die sozialen Grundlagen des Antisemitismus,
- ideologische Konzepte zur Lösung der „sozialen Frage“,
- Armen- und Sozialpolitik in Ungarn und Österreich,
- den sozialen Wandel im Zusammenhang mit einer habsburgisch-mitteleuropäischen Zivilisation.
Diese Beiträge zeigen, dass Modernisierung nicht nur Fortschritt bedeutete. Industrialisierung und Urbanisierung führten auch zu Armut, Wohnungsnot, gesellschaftlichen Konflikten, politischen Radikalisierungen und neuen Formen der Ausgrenzung.
Statistische und genealogische Hilfsmittel
Der Band enthält neben den wissenschaftlichen Beiträgen:
- statistische Grundlagen zur Sozialstruktur,
- Tabellen und Graphiken,
- ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis,
- ein Personenregister,
- ein Ortsregister,
- ein Sachregister.
Das Personenregister beginnt auf Seite 1755, das Ortsregister auf Seite 1771 und das Sachregister auf Seite 1785. Gerade diese Register erleichtern die gezielte Suche nach Namen, Orten, Berufsgruppen und gesellschaftlichen Institutionen.
Ergänzung durch den Kartenband
Zum Textband gehört als zweiter Teil von Band IX der Kartenband:
Die Gesellschaft der Habsburgermonarchie im Kartenbild. Verwaltungs-, Sozial- und Infrastrukturen nach dem Zensus von 1910
Dieser von Helmut Rumpler und Martin Seger bearbeitete Teil enthält thematische Karten zu Bevölkerungsstruktur, Ethnien, Konfessionen, Erwerbstätigkeit, Berufsgruppen, Landwirtschaft, Siedlungen, Bildungswesen, Militär und Eisenbahnen.
Die statistischen Angaben werden für die österreichischen politischen Bezirke und die ungarischen Komitate dargestellt. Dadurch können regionale Unterschiede innerhalb der Monarchie unmittelbar miteinander verglichen werden.
Für Familienforscher bietet sich damit die Möglichkeit, den Lebensraum einer Familie nicht nur anhand einzelner Kirchenbuch- oder Standesamtsdaten, sondern auch hinsichtlich Bevölkerungsentwicklung, Konfession, Beruf, Verkehrsanbindung und sozialer Struktur zu untersuchen.
Band XII: Bewältigte Vergangenheit?
Der 2018 erschienene Band XII trägt den vollständigen Titel:
Bewältigte Vergangenheit? Die nationale und internationale Historiographie zum Untergang der Habsburgermonarchie als ideelle Grundlage für die Neuordnung Europas
Herausgegeben wurde der Band von Helmut Rumpler und Ulrike Harmat. Die Druckausgabe trägt die ISBN 978-3-7001-8139-2, die elektronische Ausgabe die ISBN 978-3-7001-8351-8.
Anders als Band IX behandelt Band XII nicht primär die gesellschaftlichen Strukturen der Monarchie. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie der Erste Weltkrieg, der Untergang Österreich-Ungarns und die Entstehung der Nachfolgestaaten später erinnert, interpretiert und politisch genutzt wurden.
Bereits das Fragezeichen im Titel Bewältigte Vergangenheit? weist darauf hin, dass es keine einheitliche und endgültige Deutung des Endes der Habsburgermonarchie gibt.
1. Der Erste Weltkrieg als Epochenwende
Der erste Abschnitt behandelt:
- die historische Bedeutung des Ersten Weltkriegs,
- die Begriffe Untergang, Auflösung und Zerstörung der Habsburgermonarchie,
- den Weltkrieg als Krieg der Staaten und der Völker,
- die „deutsche Frage“ als Schlüsselproblem der europäischen Ordnung.
Dabei wird deutlich, dass selbst die verwendeten Begriffe unterschiedliche Sichtweisen ausdrücken.
„Untergang“ kann den Eindruck eines unausweichlichen Zusammenbruchs erwecken. „Auflösung“ verweist stärker auf innere politische und nationale Prozesse. „Zerstörung“ betont hingegen äußere Kriegseinwirkungen und politische Entscheidungen.
2. Die Geschichtsschreibung der Nachfolgestaaten
Ein großer Teil des Bandes untersucht die nationale Erinnerung und Historiographie in den Staaten, die aus dem ehemaligen Herrschaftsraum der Monarchie hervorgingen.
Behandelt werden unter anderem:
- die Suche nach einer österreichischen Identität,
- ungarische Erzählungen über den Verlust des Vielvölkerreiches und den Vertrag von Trianon,
- tschechische Deutungen der Monarchie und der Gründung der Tschechoslowakei,
- die tschechische Historiographie zum Ersten Weltkrieg,
- das Attentat von Sarajevo und Österreich-Ungarn in der serbischen Erinnerungskultur,
- der Erste Weltkrieg in der polnischen Erinnerungskultur,
- die Entstehung Großrumäniens,
- die Ostfront und die Bildung eines ukrainischen Staates,
- italienische Deutungen von Sieg und Niederlage.
Der Band zeigt damit, dass dieselben Ereignisse in Wien, Budapest, Prag, Belgrad, Warschau, Bukarest, Kiew oder Rom sehr unterschiedlich erinnert wurden.
Was aus österreichischer Sicht als Zusammenbruch eines jahrhundertealten Reiches erscheinen konnte, wurde andernorts als nationale Befreiung, Staatsgründung, Gebietsverlust oder historische Katastrophe verstanden.
3. Das „Neue Europa“ nach 1918
Der dritte Abschnitt widmet sich der europäischen und internationalen Neuordnung:
- der Demokratisierung Mittel- und Osteuropas als britischem strategischem Ziel,
- dem von Frankreich unterstützten neuen Gleichgewicht in Mitteleuropa,
- dem Gegensatz zwischen den politischen Konzepten Woodrow Wilsons und Lenins,
- der russischen Historiographie über den Untergang der Monarchie,
- dem Nahen Osten als Krisenerbe des Osmanischen Reiches,
- dem Fortleben föderaler Ideen in den Nachfolgestaaten.
Der Beitrag von Jana Osterkamp fragt unter dem Titel Ein Reich ohne Eigenschaften? nach dem Erbe föderaler Vorstellungen in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie.
Diese Fragestellung ist auch für die Gegenwart interessant: War Österreich-Ungarn lediglich ein überholtes dynastisches Reich oder verfügte die Monarchie über politische und administrative Erfahrungen im Umgang mit sprachlicher, ethnischer, konfessioneller und regionaler Vielfalt, die für das heutige Europa weiterhin von Bedeutung sein könnten?
Bedeutung für Genealogie und Familiengeschichte
Band XII ist für Familienforscher besonders hilfreich, wenn Familiengeschichten über das Jahr 1918 hinausreichen.
Durch den Zerfall der Monarchie konnten Familien innerhalb weniger Jahre:
- eine neue Staatsangehörigkeit erhalten,
- durch neue Grenzen voneinander getrennt werden,
- ihre Dienstverhältnisse und militärischen Zugehörigkeiten verlieren,
- Grundbesitz in einem anderen Staat besitzen,
- von Flucht, Vertreibung oder Umsiedlung betroffen sein,
- Familienerinnerungen entwickeln, die von den offiziellen nationalen Geschichtsbildern abwichen.
Auch die Schreibweise von Namen, Ortsbezeichnungen, Adelstiteln und Amtsbezeichnungen konnte sich verändern. Ein und dieselbe Person kann daher in österreichischen, ungarischen, tschechoslowakischen, polnischen, rumänischen, jugoslawischen oder italienischen Unterlagen unterschiedlich bezeichnet werden.
Band XII hilft dabei, solche Unterschiede nicht nur als archivalisches Problem, sondern als Folge konkurrierender historischer Erinnerungen und neuer staatlicher Identitäten zu verstehen.
Bedeutung für Heraldik und Adelsgeschichte
Für die Heraldik und Adelsgeschichte liefern beide Bände wichtige Hintergrundinformationen.
Band IX zeigt, wie sich der Adel innerhalb einer sich modernisierenden Gesellschaft veränderte. Die Aufhebung feudaler Bindungen, die Industrialisierung, der Ausbau der staatlichen Verwaltung, neue Bildungswege und das Erstarken des Bürgertums veränderten die gesellschaftliche Stellung adeliger Familien.
Band XII macht deutlich, dass die Bewertung der Monarchie und ihres Adels nach 1918 stark von den politischen Vorstellungen der jeweiligen Nachfolgestaaten geprägt wurde. Wappen, Titel, Familienbesitz und Erinnerungsorte konnten je nach Staat als historisches Kulturerbe, als Zeichen einer überwundenen Herrschaftsordnung oder als Bestandteil regionaler Identität betrachtet werden.
Fazit
Die beiden Bände ergänzen einander in besonderer Weise:
Band IX beschreibt die gesellschaftliche Wirklichkeit der Habsburgermonarchie während des Übergangs von der ständisch-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft.
Band XII untersucht, wie der Untergang dieser Monarchie später in unterschiedlichen Staaten und politischen Traditionen gedeutet wurde.
Für genealogische und heraldische Forschungen ermöglichen die Werke damit zwei unterschiedliche Perspektiven:
- Wie lebten, arbeiteten und organisierten sich unsere Vorfahren innerhalb der Monarchie?
- Wie wurden ihre Lebenswelten und historischen Erfahrungen nach 1918 erinnert, umgedeutet oder vergessen?
Besonders erfreulich ist, dass die einzelnen Beiträge der beiden Bände über die elektronische Publikationsplattform Austriaca aufgerufen und vielfach als PDF eingesehen werden können.
Quellen und weiterführende Verweise
Band IX/1 – Verlagsseite:
Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Band IX/1 – Verlag der ÖAW
Offizielle elektronische Ausgabe mit Inhaltsverzeichnis und Einzelbeiträgen:
Band IX, Soziale Strukturen, 1. Teilband – Austriaca
Ergänzender Kartenband IX/2:
Band IX, Soziale Strukturen, 2. Teilband – Austriaca
Band XII – Verlagsseite:
Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Band XII – Verlag der ÖAW
Offizielle elektronische Ausgabe mit Inhaltsverzeichnis und Einzelbeiträgen:
Band XII, Bewältigte Vergangenheit? – Austriaca
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