Anton Liensberger – „Ablegung der Officierscharge“

Anton Liensberger – „Ablegung der Officierscharge“

1 Woche 16 Stunden her - 1 Woche 11 Stunden her
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LUDWIG

 

Anton Liensberger – „Ablegung der Officierscharge“, Burenkämpfer und Alldeutscher

Bei der Beschäftigung mit der militärischen Laufbahn meines Urgroßvaters Anton Liensberger stieß ich auf eine Formulierung, die zunächst wie eine „Degradierung“ erscheint:
„… die angesuchte Ablegung der Officierscharge wurde dem Lieutenant in der Reserve Anton Liensberger des 59. Inf.-Reg. bewilligt …“

Die Meldung erschien in den Innsbrucker Nachrichten vom 30. April 1896.

Was bedeutete „Ablegung der Officierscharge“?

Nach den zeitgenössischen Militärvorschriften bedeutete „Ablegung“ tatsächlich das Niederlegen bzw. Aufgeben der Offizierscharge. Es handelt sich also nicht um das „Ablegen“ einer Prüfung.

Wichtig ist allerdings die genaue amtliche Formulierung: Liensberger wurde die „angesuchte“ Ablegung der Charge „bewilligt“. Er hatte sie demnach formal beantragt. Die einschlägigen Militärvorschriften behandelten die „Ablegung der Officiers-Charge“ als eigenen personalrechtlichen Vorgang und unterschieden sie von „Austritt“ und „Entlassung“. Ein Reserveoffizier konnte nach Ablegung der Offizierscharge gegebenenfalls weiterhin der Wehrpflicht unterliegen und in einer niedrigeren Charge geführt werden.

Deshalb würde ich heute nicht mehr ohne Einschränkung von einer „Degradierung“ sprechen. Die Folge war zwar der Verlust des Offiziersranges, die veröffentlichte Form war aber ein beantragtes und bewilligtes Niederlegen der Charge.

Dass dies ein wichtiger Unterschied ist, zeigt ein anderer dokumentierter Fall: Beim Offizier Karl Sylvester Krnka führte ein ehrenrätliches Verfahren wegen „standeswidrigen Verhaltens“ 1888 ausdrücklich dazu, dass ihm die Offizierscharge „aberkannt“ wurde. Das Österreichische Biographische Lexikon verwendet hier also eine ganz andere Terminologie.

Auch der von LUDWIG gefundene Parallelfall Albrecht Graf Meran ist interessant. Ihm wurde ebenfalls die „angesuchte Ablegung der Offizierscharge“ bewilligt. Meran schlug später eine geistliche Laufbahn ein und wurde als Grundlseer „Dorfpfarrer aus dem Hause Habsburg“ bekannt. Auch dies zeigt, dass die Formel an sich keine militärische Bestrafung bezeichnete.

 

Was geschah bei Anton Liensberger 1895/96?

Ganz geklärt ist die Sache damit allerdings noch nicht.

Erhalten ist ein Schreiben bzw. Umschlag des „Ehrenräthlichen Ausschusses“ des k. und k. Infanterie-Regiments Erzherzog Rainer Nr. 59, Salzburg, vom 5. März 1896, gerichtet an „Herrn k. und k. Lieutenant i. d. R. Anton Liensberger“ in Innsbruck.

Der Militärschematismus für 1896 führt Anton Liensberger tatsächlich noch unter den Reserveoffizieren des Salzburg-oberösterreichischen Infanterieregiments Nr. 59.

Allein der erhaltene Briefumschlag beweist allerdings noch nicht, warum sich der ehrenrätliche Ausschuss mit ihm beschäftigte oder ob er Beschuldigter, Auskunftsperson oder Beteiligter eines anderen Verfahrens war.

Hier ergibt sich nun eine ausgesprochen interessante neue Spur:

Im Österreichischen Staatsarchiv befindet sich der Akt AT-OeStA/HHStA MdÄ IB Akten 354/355-1497

mit dem Titel:
„Anton Liensberger, gibt sich in Hamburg als k.u.k. Lieutnant aus“

und der Datierung 1895. Der Akt gehört zum Informationsbüro des Ministeriums des Äußern und ist laut Archivinformationssystem öffentlich und uneingeschränkt benützbar.

Ob genau dieser Hamburger Vorgang zum ehrenrätlichen Verfahren von 1896 und schließlich zur beantragten Ablegung der Offizierscharge führte, ist derzeit nicht bewiesen. Die zeitliche Abfolge macht den Akt jedoch zu einer besonders wichtigen nächsten Quelle.

Für die in der Familie überlieferte Erklärung, Liensberger habe wegen seiner deutschnationalen Haltung eine Ehrenbeleidigung gegen das Herrscherhaus begangen, konnte bisher hingegen keinen zeitgenössischen Beleg gefunden werden. Diese Erklärung sollte deshalb vorerst als Familienüberlieferung und nicht als feststehende Tatsache behandelt werden.

 

Vom ehemaligen Leutnant zurück zum Leutnant – 1914 bis 1918

Die beigefügte Militärkarte nennt für Anton Liensberger das Geburtsjahr 1873 und das Assentjahr 1892.

Dabei ist eine kleine terminologische Vorsicht angebracht: „Assentierung“ bezeichnete grundsätzlich die militärische Einreihung; allein die Angabe „Assentjahr 1892“ beweist noch nicht ausdrücklich, dass er Einjährig-Freiwilliger war. Seine spätere Stellung als Reserveleutnant passt jedoch durchaus zum typischen Reserveoffiziersweg der Einjährig-Freiwilligen.

Besonders aufschlussreich ist die auf der Karte verzeichnete Laufbahn während des Ersten Weltkrieges. 1914 begann Liensberger wieder in Mannschafts- bzw. Unteroffizierschargen und stieg innerhalb weniger Wochen über mehrere Chargen auf. Am 4. Oktober 1915 wurde er Offiziersstellvertreter, am 13. April 1918 schließlich wieder zum Leutnant ernannt.

Die Familienüberlieferung, dass er nahezu den gesamten Krieg benötigte, um wieder die Offizierscharge zu erreichen, wird durch diese Karte somit im Kern bestätigt. Als Auszeichnung ist außerdem das Karl-Truppenkreuz eingetragen.

 

Ein bemerkenswerter Zwischenfall bereits 1894

Schon am 16. März 1894 begegnet uns Liensberger als Leutnant in einem außergewöhnlichen Zusammenhang. Als der junge Otto Würtenberger in Innsbruck durch einen gerissenen Telephondraht mit einer Hochspannungsleitung in Kontakt geriet, versuchte Liensberger, ihn mit einem Stock vom Draht zu lösen. Dabei erhielt er selbst einen schweren elektrischen Schlag, wurde bewusstlos und erlitt nach der überlieferten medizinischen Darstellung länger dauernde gesundheitliche Störungen.

Eine bibliographische Kleinigkeit zur beigefügten Abschrift: Das dort angeführte Buch Der Tod durch Elektricität stammt nicht von „Franz Denticke“. Autor war der Grazer Gerichtsmediziner Julius Kratter; erschienen ist das Werk 1896 in Leipzig und Wien im Verlag Franz Deuticke.

 

Anton Liensberger im Burenkrieg

Deutlich besser als manche Details der Familienüberlieferung lässt sich Liensbergers Teilnahme am Zweiten Burenkrieg belegen.

Unter den Familienunterlagen befindet sich eine Identitätskarte des Informationsbüros des Roten Kreuzes in Pretoria, Nr. 67048, eindeutig ausgestellt auf Anton Liensberger. Hinzu kommt eine zeitgenössisch beschriftete Aufnahme „Magistratsbeamter Anton Liensberger als Burenkämpfer“.

Auch eine Tiroler Zeitung liefert eine unabhängige Bestätigung: 1901 wird bei der Rückkehr eines Burenkämpfers ausdrücklich dessen „Mitkämpfer Liensberger“ erwähnt.

Damit ist die Teilnahme Liensbergers auf burischer Seite sehr gut abgesichert.

 

Noch nicht unabhängig belegen konnte ich dagegen die weitergehenden Familienangaben, er habe zuvor seinen Besitz verkauft, etwa zehn Monate gekämpft, sei von den Briten gefangengenommen und nach Abgabe eines Versprechens, nicht mehr gegen Großbritannien zu kämpfen, mit einem Erste-Klasse-Ticket nach Europa zurückgeschickt worden. Dafür wären insbesondere britische Gefangenen-, Parole- oder Repatriierungsunterlagen zu suchen.

Vom Deutschnationalen zum führenden Alldeutschen in Innsbruck

Die politische Einordnung Liensbergers lässt sich mittlerweile erstaunlich gut dokumentieren.

Im Innsbrucker Adressbuch von 1912 erscheint beim bereits 1896 gegründeten „Urda, deutschvölkischer Radfahrerverein“ als Anschrift:
„Liensberger Anton, Meinhardstr. 16.“

Damit ist seine Einbindung in ein ausdrücklich deutschvölkisches Vereinsmilieu bereits vor dem Ersten Weltkrieg belegt.

Noch eindeutiger ist der Befund für 1921. In der wissenschaftlich edierten Übersicht über die Leitungsgremien des Alldeutschen Verbandes wird für Innsbruck ausdrücklich genannt:
„Vorsitzender: Anton Liensberger“

Damit war er keineswegs nur ein privater Bismarckverehrer, sondern nahm in Innsbruck eine führende Funktion innerhalb der alldeutschen Bewegung ein.

Diese Einordnung wird durch das beigefügte Foto von der Bismarckfeier im Sachsenwald zusätzlich gestützt.

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Die genaue Bezeichnung der Veranstaltung lässt sich präzisieren: Am 1. April 1921, Bismarcks 106. Geburtstag, fand in Aumühle im Sachsenwald die Feier am von Schönerers Anhängern errichteten Bismarck-Gedenkstein statt. Georg von Schönerer selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Die Otto-von-Bismarck-Stiftung nennt aufgrund der archivalischen Überlieferung als Mitglieder der in seiner Vertretung erschienenen Delegation Franz Stein, Sepp Melchiar aus Linz, Franz Vogel aus Reichenberg und ausdrücklich „einen Herrn Liensberger aus Innsbruck“.

Die Familienüberlieferung identifiziert Anton Liensberger auf dem beigefügten Gruppenfoto als zweiten Herrn von rechts. Eine Identifizierung allein anhand des Gesichts wäre kein historischer Beweis; bemerkenswert ist aber, dass die unabhängige schriftliche Quelle die Anwesenheit eines Liensberger aus Innsbruck bei genau dieser Feier bestätigt.

Auch für 1928 erscheint Anton Liensberger weiterhin in der überlieferten Struktur der Leitungsgremien des Alldeutschen Verbandes.

Eine enge organisatorische Verbindung zum politischen Umfeld Georg von Schönerers ist damit zweifelsfrei nachweisbar. Die Aussage, Liensberger habe Schönerer auch persönlich gekannt, erscheint vor diesem Hintergrund sehr gut möglich; für einen strengen genealogisch-historischen Nachweis wäre aber noch eine Korrespondenz, ein Tagebucheintrag oder eine andere unmittelbare Quelle wünschenswert.

Schönerers politische Bewegung sollte dabei historisch klar eingeordnet werden: Sein radikaler Deutschnationalismus verband das Ziel einer Anbindung der deutschsprachigen Teile der Habsburgermonarchie an das Deutsche Reich mit der „Los-von-Rom“-Bewegung und einem ausgeprägten Rassenantisemitismus.

Der Übertritt zum Protestantismus 1904

In diesen politischen Kontext gehört möglicherweise auch eine weitere bemerkenswerte Nachricht.

Die Brixener Chronik meldete am 1. Jänner 1904, der städtische Gefälls-Inspektor Anton Liensberger sei zum Protestantismus übergetreten und sei angeblich der erste und damals einzige protestantische Beamte des Innsbrucker Magistrats.

Die Nachricht passt zeitlich in das Umfeld der von Schönerer propagierten „Los-von-Rom“-Bewegung. Ob Liensbergers persönliche Entscheidung tatsächlich unmittelbar politisch motiviert war, lässt sich aus der Zeitungsmeldung allein jedoch nicht beweisen.

Seine zivile Beamtenlaufbahn setzte sich jedenfalls fort: Das Innsbrucker Adressbuch von 1907 nennt ihn als Magistrats-Rechnungsassistenten und fungierenden Gefälls-Inspektor; 1924 erscheint er bereits als Ober-Rechnungsrat bei der Stadtkasse.

Zwischenstand

Nach dem derzeitigen Quellenstand würde ich die Geschichte des Urgroßvaters von LUDWIG deshalb etwas anders formulieren als bisher:

1896 wurde Anton Liensberger nicht nachweislich durch einen militärischen Strafakt degradiert. Belegt ist vielmehr, dass ihm auf eigenes Ansuchen die Ablegung seiner Offizierscharge bewilligt wurde. Unmittelbar davor stand er allerdings in Kontakt mit dem ehrenrätlichen Ausschuss seines Regiments. Welche Angelegenheit dahinterstand, ist noch offen.

Der neu aufgefundene Akt des Österreichischen Staatsarchivs über Anton Liensberger in Hamburg im Jahr 1895 könnte hier möglicherweise den entscheidenden Schlüssel liefern.

Seine spätere Biographie ist dagegen bereits erstaunlich dicht dokumentierbar: Burenkämpfer in Südafrika, städtischer Beamter in Innsbruck, Übertritt zum Protestantismus, deutschvölkisches Vereinsmilieu, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes in Innsbruck und 1921 Teilnehmer der Schönerer-Delegation zur Bismarckfeier im Sachsenwald.

Quellen und weiterführende Nachweise:
  • Vorschrift für die Behandlung besonderer Personal-Angelegenheiten der Officiere des Soldatenstandes des k. k. Heeres, 9. Auflage, Wien 1894.
  • Schematismus für das kaiserliche und königliche Heer und für die kaiserliche und königliche Kriegsmarine für 1896, amtliche Ausgabe, Wien 1895.
  • Österreichisches Staatsarchiv, HHStA, MdÄ IB Akten 354/355-1497: „Anton Liensberger, gibt sich in Hamburg als k.u.k. Lieutnant aus“, 1895.
  • Innsbrucker Nachrichten, 30. April 1896: Bewilligung der angesuchten Ablegung der Offizierscharge Anton Liensbergers.
  • Brixener Chronik, 1. Jänner 1904, S. 9: Übertritt Anton Liensbergers zum Protestantismus.
  • Historische Adressbücher der Stadt Innsbruck, insbesondere 1907, 1912 und 1924.
  • Tiroler Land-Zeitung, 1901: zeitgenössische Erwähnung eines „Mitkämpfers Liensberger“ im Zusammenhang mit dem Burenkrieg.
  • Björn Hofmeister, Politische Erinnerungen des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes 1915–1933/36, 2022, Anhänge zur Organisationsstruktur 1921 und 1928.
  • Ulrich Lappenküper, „Georg von Schönerer und Otto von Bismarck“, Otto-von-Bismarck-Stiftung, mit archivalischen Nachweisen zur Feier in Aumühle 1921.
  • Julius Kratter, Der Tod durch Elektricität. Eine forensisch-medicinische Studie auf experimenteller Grundlage, Leipzig/Wien: Franz Deuticke 1896.

Offene Forschungsfrage:

Hat jemand bereits mit den Akten der ehrenrätlichen Ausschüsse des k.u.k. Heeres gearbeitet oder kennt ergänzende Unterlagen zum Infanterie-Regiment Nr. 59 für 1895/96?

Besonders interessieren würde, ob sich der konkrete Anlass des ehrenrätlichen Vorgangs gegen bzw. um Anton Liensberger nachweisen lässt. Der Akt des Außenministeriums über seinen Aufenthalt in Hamburg 1895 scheint mir hierfür inzwischen die vielversprechendste Spur zu sein.
"IN OMNIBUS ORDO"
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