Die Familie Dreffling – schwedischer Adel mit angeblichen Tiroler Wurzeln?

Die Familie Dreffling – schwedischer Adel mit angeblichen Tiroler Wurzeln?

1 Monat 19 Stunden her - 1 Monat 19 Stunden her
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Die schwedische Familie Dreffling führt ihre Herkunft nach älteren genealogischen Angaben teilweise auf ein Tiroler Adelsgeschlecht zurück. Ausgangspunkt dieser Überlieferung ist insbesondere ein im Jahr 1700 ausgestellter, gesiegelter Herkunfts- und Adelsnachweis des G. von Edelstein auf Hoburgk.

Darin werden unter anderem folgende Behauptungen aufgestellt:
  • Das Familienwappen der Dreffling habe in einer „großen Kirche“ zu Innsbruck gehangen.
  • Im Rathaus von Trient habe sich ein angeblich aus dem Jahr 1212 stammendes Wappen eines Franciscus Dreffling befunden.
  • Ein Eugenius Dreffling soll 1445 bei der Eroberung einer Stadt namens „Werna“ besonders tapfer gekämpft haben.
  • Die Familie sei zumindest teilweise aus Tiroler Adelsgeschlechtern hervorgegangen.
Der vollständige deutschsprachige Nachweis ist über die schwedische Datenbank Alvin einsehbar:
urn.kb.se/resolve?ur...ord-435823

Die schwedischen Familienzweige sind dagegen vergleichsweise gut dokumentiert. Eine genealogische Übersicht findet sich unter:  www.adelsvapen.com/g...lt_nr_1105

Darüber hinaus ist ein Canut Dreffling nachweisbar, der später in Wien geadelt wurde und nach schwedischen Quellen 1709 in Wolfenbüttel verstorben sein soll:
www.archivinformatio...ID=1634983

Bisherige Überprüfung der Tiroler Herkunft
Die bisherigen Nachforschungen ergeben allerdings keine Bestätigung für ein Tiroler Adelsgeschlecht namens Dreffling. Der Name beziehungsweise ein entsprechendes Wappen fehlt insbesondere in folgenden Standardwerken:
  • Josef Tarneller: Tiroler Familiennamen beziehungsweise Zur Namenkunde
  • Karl Finsterwalder: Tiroler Familiennamenkunde
  • Konrad Fischnaler: Wappenschlüssel für Tirol und Vorarlberg sowie die Fischnaler-Wappenkartei
  • Joseph Sebastian Kögl: Genealogisch-Heraldisches Adelslexikon von Tirol und Vorarlberg
Gerade das Fehlen bei Fischnaler ist auffällig. Hätte sich ein Wappen der Familie in einer bedeutenden Innsbrucker Kirche oder in einem öffentlich zugänglichen Saal befunden, wäre zumindest mit einer heraldischen Notiz oder Beschreibung zu rechnen.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Familiennamen in älteren Quellen stark schwanken können. Denkbare Schreibweisen wären beispielsweise:Dreffling, Drefling, Trefling, Treffling, Treflingg, Treflink, Dreyfling oder Dreyling.

Auch sprachgeschichtlich wurden Zweifel an einer Tiroler Herkunft geäußert. Familiennamen auf -ing sind besonders für den norddeutschen und niederdeutschen Raum charakteristisch und können auf Hof-, Siedlungs- oder Abstammungsnamen zurückgehen. Ein solches Namensbildungsmuster schließt eine Tiroler Herkunft zwar nicht völlig aus, macht sie aber zumindest erklärungsbedürftig.

Mögliche Verbindung zur Familie Dreyling
Als ähnlich klingende Familie wurde Dreyling zu Wagrain genannt. Das dort geführte Wappen stimmt jedoch nicht mit dem im Dreffling-Nachweis von 1700 dargestellten Wappen überein.

Von besonderem Interesse ist außerdem eine Familie Dreyling in Riga, die zweimal in den schwedischen Adel aufgenommen wurde, nämlich 1652 und 1690. Diese Familie führte einen schwarzen Bock auf grünem Boden sowie drei goldene Lilien und beanspruchte ebenfalls eine Herkunft aus Tirol.

Eine Wappendarstellung und Beschreibung findet sich hier:  www.welt-der-wappen....ie2860.htm

Es wäre daher zu prüfen, ob die Namen Dreffling und Dreyling in schwedischen, baltischen oder norddeutschen Quellen gelegentlich verwechselt wurden oder ob die ähnliche Tiroler Herkunftserzählung unabhängig voneinander entstanden ist.

Vorläufiges Ergebnis

Nach dem derzeitigen Stand ist die Existenz eines alten Tiroler Adelsgeschlechts Dreffling nicht belegt. Die im Jahr 1700 vorgelegte Herkunftserzählung dürfte daher zunächst als genealogische Familientradition oder als nachträglich konstruierter Herkunftsnachweis zu behandeln sein.

Ein Siegel bestätigt lediglich, dass eine bestimmte Erklärung abgegeben beziehungsweise beglaubigt wurde. Es beweist noch nicht, dass die darin enthaltenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Angaben historisch richtig sind.

Die gut belegbaren Spuren der Familie führen vielmehr nach Schweden sowie in den norddeutschen beziehungsweise baltischen Raum. Ob dahinter dennoch eine ältere, bisher übersehene Verbindung nach Tirol oder Trient steht, müsste anhand zeitgenössischer Originalquellen geklärt werden.

Weiterführende Fragen
  1. Wer war der 1700 genannte G. von Edelstein auf Hoburgk? War er als Genealoge, Notar, Amtsträger oder lediglich als privater Aussteller tätig?
  2. Auf welche Originalurkunden, Kircheninschriften oder archivalischen Quellen stützte er seine Behauptungen?
  3. Was ist mit der „großen Kirche in Innsbruck“ gemeint: der Dom zu St. Jakob, die Hofkirche, die damalige Pfarrkirche oder ein anderes Gotteshaus?
  4. Existieren ältere Beschreibungen, Wappenbücher, Epitaphienverzeichnisse oder Restaurierungsberichte zu den in Innsbrucker Kirchen angebrachten Wappen?
  5. Ist im Stadtarchiv Trient oder in älteren Beschreibungen des Rathauses tatsächlich ein Wappen eines Franciscus Dreffling für das Jahr 1212 nachweisbar?
  6. Ist „1212“ möglicherweise eine Fehlablesung oder spätere Verschreibung, etwa für 1512, 1612 oder 1712?
  7. Welche Stadt ist mit dem im Nachweis genannten „Werna“ gemeint? Könnte es sich um Verona, Warna, Bern, Werne oder einen anders geschriebenen Ort handeln?
  8. Lässt sich das erwähnte Werk „Marci Calvieri Historia de Aato di Milano“ bibliografisch identifizieren? Wurden Autor und Titel möglicherweise fehlerhaft abgeschrieben?
  9. Gibt es in dem genannten Werk tatsächlich eine Nachricht über einen Eugenius Dreffling und ein Kriegsereignis des Jahres 1445?
  10. Kann das im Nachweis von 1700 abgebildete Wappen heraldisch eindeutig beschrieben werden? Finden sich vergleichbare Wappen in Tirol, im Trentino, in Niedersachsen, im Baltikum oder in Schweden?
  11. Besteht eine genealogische oder lediglich namensmäßige Verbindung zwischen Dreffling, Dreyling zu Wagrain und der in Riga beziehungsweise Schweden geadelten Familie Dreyling?
  12. Enthält der Wiener Adelsakt des Canut Dreffling Angaben zu dessen Geburtsort, Eltern, Großeltern oder angeblicher Tiroler Herkunft?
  13. Wurde bei seiner Nobilitierung ein älteres Wappen anerkannt oder ein vollständig neues Wappen verliehen?
  14. Sind in Wolfenbütteler Kirchenbüchern, Bürgerregistern, Militärakten oder Nachlassunterlagen nähere Angaben zu Canut Dreffling und seiner Familie erhalten?
  15. Wann erscheint der Name Dreffling erstmals sicher in zeitgenössischen schwedischen oder norddeutschen Quellen?
  16. Gibt es vor dem Nachweis von 1700 überhaupt eine unabhängig davon entstandene Quelle, die eine Herkunft aus Tirol behauptet?
Bis eine solche unabhängige Quelle gefunden wird, sollte die Tiroler Herkunft der Familie Dreffling wohl nur mit einem deutlichen Vorbehalt wiedergegeben werden.
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