2026 August | Erinnerungen eines österreichischen Patrioten

2026 August | Erinnerungen eines österreichischen Patrioten

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Johann Baptist Ritter von Finetti mit 23 Jahren - aus einem Stammbuch in der ÖNB.

Johann Baptist Ritter von Finetti – Erinnerungen eines österreichischen Patrioten aus dem Zeitalter des Risorgimento

Die hier erstmals im Forum veröffentlichten Lebenserinnerungen des Johann Baptist Ritter von Finetti führen uns in eine politische und geistige Welt, die heute nur noch schwer nachzuvollziehen ist. Sie berichten von einem Mann italienischer Muttersprache und friaulischer Herkunft, der sich dennoch mit tiefer Überzeugung als Österreicher verstand. Finetti empfand zwischen seiner regionalen und kulturellen Zugehörigkeit einerseits und seiner Treue zum österreichischen Kaiserhaus andererseits keinen Widerspruch. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung seines Selbstzeugnisses.

 Johann Baptist von Finetti wurde am 5. Oktober 1802 in Corona bei Gradisca als viertes von achtzehn Kindern des Josef Alexander von Finetti und der Cäcilie Comelli von Stuckenfeldt geboren. Seine Jugend fiel in jene unruhige Epoche, in der das österreichische Küstenland, Friaul und die Lombardei wiederholt von Krieg, französischer Herrschaft und politischer Neuordnung betroffen waren. Im Mai 1816 brachte ihn sein Vater zur weiteren Erziehung nach Wien an die damalige Ritterakademie des Theresianums. Dort absolvierte er während zwölf Jahren die gymnasialen, philosophischen und juridischen Studien.

 Finetti schildert diese Jahre keineswegs als unbeschwerte Jugendzeit. Er erinnert sich an ein strenges, steifes und von „spanischer Grandezza“ geprägtes Regiment, das dem freien Aufschwung des Geistes nur wenig Raum gelassen habe. Dennoch wurde gerade diese Ausbildung für seinen weiteren Lebensweg bestimmend. Das Theresianum vermittelte nicht allein Kenntnisse und gesellschaftliche Umgangsformen. Es sollte junge Männer unterschiedlicher Herkunft zu verlässlichen Dienern des Staates erziehen.

 Kaiser Franz betrachtete, wie Finetti ausdrücklich hervorhebt, die Zöglinge dieser Anstalt als künftige Staatsbeamte, auf deren Loyalität besonders in den italienischen Provinzen Verlass sein sollte. Finetti wurde nach Abschluss seiner Studien zunächst dem Gubernium in Mailand zugeteilt. Nach praktischen Prüfungen über die politischen und finanziellen Vorschriften kam er zur Delegation nach Brescia und stieg 1836 zum Präsidial-Vizesekretär beim Gubernium in Mailand auf. Später wirkte er in Brescia als adeliger Deputierter und als kaiserlich ernannter Schulinspektor.

 An seinem Lebensweg lässt sich erkennen, welche Bedeutung Erziehung und Bildung für den Zusammenhalt des vielsprachigen österreichischen Staates besaßen. Die Monarchie konnte nicht allein durch militärische Gewalt oder obrigkeitliche Vorschriften bestehen. Sie war darauf angewiesen, dass Menschen aus allen Kronländern bereit waren, in ihrer Verwaltung, ihrem Heer, ihren Bildungsanstalten und ihren öffentlichen Einrichtungen Verantwortung zu übernehmen.

 Seinerzeit hatten Angehörige aller Nationen des österreichischen Völkerstaates am gemeinsamen Vaterlande mitgebaut. Aus den Namen seiner Staatsmänner, Feldherren, Beamten, Gelehrten und Künstler sprach das fruchtbare Zusammenspiel verschiedenartiger kultureller Kräfte. Italiener, Deutsche, Tschechen, Slowenen, Polen, Ruthenen, Rumänen, Kroaten und viele andere brachten ihre Begabungen und Überlieferungen in ein Gemeinwesen ein, das ihnen neben ihrer engeren Heimat eine übergeordnete staatliche Zugehörigkeit bot.

 Viele Menschen können sich heute kaum mehr vorstellen, wie ein Italiener, Tscheche, Slowene oder Pole der Habsburgermonarchie aufrichtig die Treue halten konnte. Eine solche Haltung wird aus der Rückschau mitunter vorschnell als bloße Unterordnung oder als Verleugnung der eigenen Nationalität gedeutet. Das Beispiel Finettis zeigt jedoch ein wesentlich vielschichtigeres Bild.

 Altösterreichischer Patriotismus bedeutete nicht notwendigerweise den Verzicht auf die eigene Sprache, Herkunft oder regionale Kultur. Er konnte vielmehr auf mehreren, nebeneinander bestehenden Bindungen beruhen: auf der Anhänglichkeit an die Person des über den Völkern und Parteien stehenden Monarchen, auf religiösen und familiären Überlieferungen, auf wirtschaftlicher Vernunft und nicht zuletzt auf der Erfahrung, dass eine geordnete staatliche Gemeinschaft Schutz, Ausbildung und beruflichen Aufstieg gewährte.

 Die Habsburger bemühten sich über Generationen hinweg, der Beamtenschaft und dem Offizierskorps einen verlässlichen Nachwuchs heranzubilden. Jungen Leuten aus allen Teilen des Reiches wurden Freiplätze und Ausbildungsstellen in staatlich geleiteten Instituten eröffnet. Die dort empfangene Erziehung prägte häufig das gesamte weitere Leben. Zugleich ermöglichte sie auch Angehörigen weniger vermögender Familien den Eintritt in ehrenvolle Laufbahnen.

 Ähnliches galt für das Heer. Männer, die erst während ihres Militärdienstes die deutsche Dienst- und Kommandosprache erlernten, konnten aufgrund ihrer Leistungen aufsteigen und nach ihrer Dienstzeit verantwortungsvolle Stellungen übernehmen. Dadurch entstand eine Schicht von Beamten und Offizieren, deren Loyalität nicht ausschließlich an eine ethnische oder sprachliche Gemeinschaft, sondern an den Gesamtstaat gebunden war.

 Johann Baptist von Finetti war ein charakteristischer Vertreter dieser altösterreichischen Dienst- und Bildungselite. Er war in Gradisca verwurzelt, hatte seine Ausbildung in Wien erhalten, diente in Mailand und Brescia und lebte später in Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck. Sein Lebensweg führte durch mehrere Länder der Monarchie. Gerade diese Beweglichkeit machte aus ihm keinen heimatlosen Kosmopoliten, sondern festigte vielmehr sein Bewusstsein, einem größeren gemeinsamen Vaterland anzugehören.

 Die Revolutionen des Jahres 1848 stellten dieses Verständnis auf eine schwere Probe. Finetti erlebte den Ausbruch der Mailänder Erhebung aus unmittelbarer Nähe. Noch am Morgen des 18. März verließ er mit seinen beiden Töchtern die Stadt, ohne zu ahnen, dass wenige Stunden später die Revolution beginnen würde. Seine Reise über Brescia und Verona nach Gradisca wurde zur Flucht durch ein Land, in dem sich die staatliche Ordnung scheinbar innerhalb kürzester Zeit auflöste.

 In Gradisca schloss er sich einer aus fünf Bürgern bestehenden provisorischen „Giunta“ an. Diese sollte in einer Zeit weitgehender behördlicher Handlungsunfähigkeit die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Finetti nahm an Beratungen und nächtlichen Streifen teil und wirkte an der Festnahme politischer Sendboten mit. Nachdem wieder reguläres Militär eingetroffen war, legte die Giunta ihre selbstübernommene Gewalt nieder und unterwarf ihr Handeln der Prüfung des Gouverneurs in Triest. Dieser sprach den Mitgliedern seinen Dank für ihre Treue und ihren Patriotismus aus.
 Finettis Darstellung der Revolution ist diejenige eines überzeugten Anhängers der bestehenden Ordnung. Die Aufständischen erscheinen bei ihm als Sendlinge, Verbrecher oder von verderblichen Lehren Verführte. Seine Sprache ist emotional und parteilich. Sie darf daher nicht mit einer neutralen Chronik der Ereignisse verwechselt werden.

 Gerade diese Einseitigkeit macht den Text jedoch zu einer wertvollen historischen Quelle. Memoiren berichten nicht nur, was geschehen ist. Sie zeigen ebenso, wie ein Mensch die Ereignisse wahrnahm, welche Begriffe ihm zur Verfügung standen, wovor er sich fürchtete und worin er seine moralische Pflicht erkannte. Finetti wollte keine Geschichte des Risorgimento verfassen. Er legte Zeugnis davon ab, was Revolution, nationale Agitation und der Zusammenbruch staatlicher Autorität für einen kaisertreuen österreichischen Italiener bedeuteten.

 Dabei darf auch die Tragik der Gegenseite nicht übersehen werden. Die italienische Nationalbewegung entsprang politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen, die sich nicht allein durch das Wirken einzelner Agitatoren erklären lassen. Ebenso wenig waren alle Anhänger Österreichs selbstlos und alle Anhänger der nationalen Einigung von niedrigen Beweggründen geleitet. Die Geschichte verlief nicht entlang einer einfachen Trennlinie zwischen Treue und Verrat.

 Dennoch erinnert Finettis Lebensbericht an eine Gruppe, die in späteren nationalen Erzählungen häufig übergangen wurde: an die italienischsprachigen Bewohner der habsburgischen Länder, die sich nicht dem entstehenden italienischen Nationalstaat, sondern dem österreichischen Kaiserreich verbunden fühlten. Manche von ihnen hielten an dieser Überzeugung fest, obwohl sie dadurch gesellschaftliche Nachteile, Anfeindungen und persönliche Gefahren auf sich nahmen.

 Finetti selbst berichtet, dass er wegen seiner österreichischen Gesinnung in Teilen der lombardischen Gesellschaft auf Ablehnung stieß. Er zog seine Töchter aus einem Mailänder Institut zurück, nachdem sie dort von einer Lehrerin revolutionäre Lieder gelernt hatten. Er lehnte es ab, seine Kinder einer politischen Erziehung auszusetzen, die seinem eigenen Verständnis von Pflicht und Loyalität widersprach. Auch hierin zeigt sich, welch zentrale Rolle Erziehung bei der Ausbildung politischer Identität spielte.

 Was das Theresianum in Finetti begründet hatte, sollte nach seinem Willen auch in der nächsten Generation fortbestehen: Bildung, Verantwortungsgefühl, religiös fundierte Sittlichkeit und Treue zu einer übergeordneten staatlichen Ordnung. Seine Erinnerungen lassen erkennen, dass politische Überzeugungen nicht erst in den revolutionären Auseinandersetzungen entstanden. Sie wurden lange zuvor in Familien, Schulen, Instituten, Regimentern und beruflichen Gemeinschaften vermittelt.

 Noch während des Ersten Weltkriegs gab es in allen Ländern der Monarchie überzeugte Anhänger des Kaiserstaates, die sich den Lockungen nationaler Propaganda verschlossen und bereit waren, große Opfer auf sich zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war die gegenseitige Verbitterung allerdings bereits weit fortgeschritten. Ganze Bevölkerungsgruppen gerieten unter einen allgemeinen Verdacht. Loyalität wurde nicht mehr als individuelle Haltung geprüft, sondern häufig nach Sprache und Herkunft beurteilt.

 Gerade das Schicksal der italienischsprachigen österreichischen Soldaten und Beamten verdeutlicht diese tragische Entwicklung. Wer Italienisch sprach, konnte auf österreichischer Seite als unsicher gelten; wer sich zu Österreich bekannte, wurde von italienischen Nationalisten als Verräter an der eigenen Nation angesehen. Zwischen den sich verhärtenden Lagern ging jene mehrfache Zugehörigkeit verloren, die das Leben eines Johann Baptist von Finetti noch geprägt hatte.

 Seine Erinnerungen sind daher mehr als die Schilderung einiger dramatischer Episoden der Jahre 1848 und 1853. Sie sind „Bilder aus Altösterreich“ – Bilder einer Ordnung, die ihren Angehörigen über sprachliche und regionale Grenzen hinweg eine gemeinsame politische Heimat anbieten wollte, die aber schließlich nicht mehr imstande war, die gegeneinander wirkenden nationalen Kräfte auszugleichen.

 Der Text endet nicht mit einem politischen Triumph. Finetti erlebte persönliche Enttäuschungen, familiäre Trennungen, wirtschaftliche Verluste und wiederholte Ortswechsel. Der Börsenkrach von 1873 vernichtete sein Vermögen. Dennoch bewahrte er seine religiöse Zuversicht und sein Vertrauen in menschliche Güte. In hohem Alter schrieb er seine Erinnerungen, Gedichte und Betrachtungen nieder und übergab sie der Familie als Vermächtnis.

 Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen deshalb nicht als letzte Entscheidung über die Ereignisse des Risorgimento gelesen werden. Sie sind die Stimme eines Beteiligten, dessen Weltbild deutlich erkennbar und dessen Urteil von seinen Erfahrungen geprägt ist. Als Selbstzeugnis eines italienischsprachigen, in Wien erzogenen und dem Kaiserhaus treu ergebenen österreichischen Beamten besitzen sie jedoch einen besonderen Wert.

 Sie führen uns vor Augen, dass die Geschichte der Habsburgermonarchie nicht ausschließlich als Geschichte gegeneinander kämpfender Nationalitäten verstanden werden kann. Sie war ebenso eine Geschichte gemeinsamer Einrichtungen, persönlicher Loyalitäten, überregionaler Bildungswege und vielfach miteinander verflochtener Lebenswelten.

 Johann Baptist Ritter von Finetti gehörte zu jenen Menschen, die lieber persönliche Nachteile und Gefahren auf sich nahmen, als ihre österreichische Gesinnung zu verleugnen. Ob man seine politischen Urteile teilt oder nicht: Die Aufrichtigkeit seiner Haltung, seine Sorge um seine Kinder, sein Verantwortungsbewusstsein und sein Bemühen, auch in Zeiten des Zusammenbruchs der Ordnung nach seinen Überzeugungen zu handeln, verdienen eine unvoreingenommene Betrachtung.

 Seine Erinnerungen geben einem heute beinahe vergessenen altösterreichischen Menschentypus wieder eine Stimme.



Johann von Finetti - Text der Selbstbiographie

Meine Erlebnisse  

Auf geäußertem Wunsch skizziere ich hiemit meine Erlebnisse. Wenn hierin mitunter auch manches vorkommt, was minder interessieren kann, war (es) doch Bedürfnis meines Herzens es nicht zu verschweigen, sondern besonders zu erwähnen. 

Hauptmomente meines Lebens

Am 5. Oktober 1802 zu Corona, Bezirk Gradisca, erblickte ich das Licht der Welt. Mein Vater war Joseph von Finetti, meine Mutter Cäcilie von Comelli. Ich wurde nicht auf weiche Kissen gebettet, noch mit Wiegenliedern eingeschläfert; behandelt ward ich wie jedes gewöhnliche Erdenkind, der lieben Natur überlassen, welche übrigens bestens für das physische Gedeihen sorgt, wie sie es auch für mich tat, denn ich wuchs heran gesund und kräftig und wurde auch recht alt. Meine Kindheit mußte ich größtenteils in Kinderstuben und Schulen zubringen. Für jedes Vergehen wurde ich bestraft, wobei Hausarrest, Entzug von Obst und auch die böse, aber wirksame Rute in Anwendung kam.

 Die Jugend, der holde Lenz des Lebens, die Zeit der ersten Freuden und der schönsten Blüten des Geistes, die, gehörig gepflegt sich mitentwickeln und reifen sollten zur erwünschten Frucht für Mann und Greis, erschien wohl auch für mich, aber ohne ihren Zauber. Denn in meinem vierzehnten Lebensalter führte mich mein Vater im Mai 1816, wohl verspätet wegen der kriegerischen Ereignisse jener Jahre, zu meiner Erziehung und Ausbildung nach Wien ins Theresianum, damals noch Ritterakademie. Bei spanischer Grandezza herrschte dort ein steifes und strenges Regiment, das einen freien Aufschwung des Geistes nicht recht aufkommen ließ.

 Dort vollbrachte ich die Gymnasial-, philosophischen und juridischen Studien. Nach zwölf Jahren endigte ich den akademischen Curs und trat am 15. August 1828 aus der Anstalt, nicht ohne Wehmut bei aller dort verlebten traurigen Zeit; solch ist die Macht der Gewohnheit, daß sie über das Übel selbst obsiegt!

 Gemäß dem gnädigen Ausspruche Seiner Majestät des Kaisers Franz, unter dessen besonderen Auspizien das Theresianum stand, daß er jene Zöglinge unter die verläßlichsten künftigen Staatsbeamten zähle, die er besonders in Italien brauche, wurde ich für das Gubernium zu Mailand als Concepts-Praktikant mit dem systemisierten Adjutum von 300 Gulden bestimmt. Von dort, nach abgelegten praktischen Prüfungen über die politischen und finanziellen Verordnungen kam ich in derselben Eigenschaft zu der Delegation in Brescia. Im Jahre 1836 wurde ich befördert zum Präsidial-Vicesecretär beim Gubernium in Mailand.

 Als gut österreichisch Gesinnter war ich in Italien bei einer gewissen Partei nicht besonders gern gesehen, obwohl ich nie und in keiner Weise Grund zum Verdachte gab und andererseits auch viele einflußreiche Freunde hatte. Infolge jener Abneigung wurde mir die angesuchte Hand eines edlen Fräuleins (mit Bleistift später beigesetzt: Maddalena Sancini) in Brescia verweigert. Die Arme starb bald darauf aus Gram, obgleich unsere Bekanntschaft und wechselseitige Neigung nur von der Straße war und wir miteinander nie ein Wort sprechen konnten, denn ich sah sie niemals allein.

  Als ich in späterer Zeit von einer hochadeligen Familie in Brescia bei der Wahl für ihre Enkelin - ohne mein Zutun, das ich auch wegen des großen Abstandes der Verhältnisse nicht gewagt hätte - den vielen Bewerbern vorgezogen wurde und ich dieselbe im Jänner 1837 auch heiratete, entstand in der Stadt eine allgemeine Verwunderung und Mißgunst und Neid. Zu der Zeit als meine Gegenwart und Verbleiben in Brescia nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig waren, legte ich meine Stelle in Mailand ab, erklärte aber zugleich meine Bereitwilligkeit dem Staate durch Ehrenämter in Brescia noch ferner zu dienen. Ich wurde demnach bald darauf zum adeligen Deputierten und zum Schulinspektor für die Provinz Brescia von Sr. Majestät ernannt.

 Glücklich in der Ehe und zufrieden auch mit meinen amtlichen Beschäftigungen lebte ich, solange die Großmutter meiner Frau, die Gräfin UGGERI-CALINI, bei der wir nach ihrem Wunsche wohnten, den bösen Einfluß der respektiven Mutter und Schwiegermutter durch ihre Klugheit und Energie paralisierte. Als aber die hochherzige Dame ihre Augen der Welt für immer zuschloß, gewann jener Einfluß die Oberhand auf meine, noch unerfahrene, arglose Frau. Durch Mittel allerhand wußte die böse Person zu eigennützigen, verruchten Zwecken ihre Tochter, die indeß Mutter wurde von Pauline (geb. 1840) und Mathilde (geb. 1842), mir ganz zu entfremden, mit mir zu entzweien, so daß es im Jänner 1845 gegen meinen Willen und mit meiner tiefsten Bedauerung zu einer gerichtlichen Scheidung kam, wobei ich die mir unerläßliche Bedingung machte, und sie auch durchsetzte, die zwei Töchterchen bei mir zu haben, an denen mein Herz hing. Ich verließ darauf mit meinen Töchtern Brescia und begab mich nach Gradisca, meiner Heimat.


 
Mathilde von Finetti, jüngere Tochter, 1864 vermählte von Wiesenhof, 1867 vermählte Guretzky von Kornitz


 Mein inniger Wunsch, mein eifriges Streben war und blieb immer eine Annäherung zwischen uns herbeizuführen. Es erbarmte mich insbesondere die Frau dem Verderbnis preisgegeben und die lieben Kinder ohne Mutter zu wissen. Doch alle bezüglichen Versuche scheiterten.

 Im Jahre 1847 begab ich mich mit meinen Töchtern wieder nach Italien, wohin mich die eigenen Interessen und jene der Töchter riefen, und nach kurzem Aufenthalt in Brescia brachte ich meine Töchter zu Erziehung in ein Institut zu Mailand und bezog dort eine kleine Wohnung bei einer ansehnlichen Familie und lebte als Privat in aller Stille, fern von dem Getriebe der Stadt. Meine Freude war es nur meine lieben Kinder sooft es mir erlaubt war zu besuchen und an den Festtagen sie bei mir zu Mittag zu haben.

 Gegen Ende jenes Jahres machte sich in Mailand eine gewisse aufständische Bewegung bemerkbar, die zum baldigen Sturm befürchten ließ. Als ich später eines Sonntags meine Töchter zu Mittag abholte und sie ungewöhnlich heiter wurden, fingen sie revolutionäre Lieder zu singen an; äußerst unangenehm davon berührt, fragte ich sie, wo und von wem sie dieselben gelernt haben. Sie antworteten mir ganz arglos: „In der Schule von der Lehrerin." Ich erwiderte bloß: „So", um die noch unwissenden Mädchen nicht auf die Bedeutung der Sache selbst aufmerksam zu machen. Aber am nächsten Tage wußte ich nichts Eiligeres zu tun, als die Mädchen aus dem Institut zu nehmen, wobei die Vorsteherin wohl ihr Bedauern ausdrückte, aber den Grund meines Entschlusses nicht zu kennen verlangte, den sie ohnehin gekannt haben wird, denn sie mochte schon wissen wie politisch ich gesinnt sei. Ich behielt hernach die Mädchen bei mir und suchte gleich eine passende Gouvernante für sie. Als ich dieselbe gefunden hatte, eine Deutsche - nur eine solche wollte ich auch haben - und als meine Hausfrau zur Feier ihres Namenstages (mich) am 19. März zu Mittag einlud, ich aber wußte, daß ihr Gemahl der revolutionären Partei angehöre und daß mehrere solcher Parteigänger bei dem Mahle sein würden, entschuldigte ich mich bei der Hausfrau, dankend für ihre Aufmerksamkeit damit, daß ich aufs Land bei Brescia gehen wollte. Ich reiste auch am 18. März 1848 mit dem ersten Morgen-Bahnzuge von Mailand ab, ohne Ahnung zu haben, daß an demselben Tage, etwas später die förmliche Revolution dort ausbrechen würde. Dies erfuhr ich erst in Chiari, am halben Wege zwischen Mailand und Brescia, wo, da die Eisenbahn nicht weiter ging, mein eigener Wagen mit Postpferden zu weiterer Reise auf mich wartete. Es war für mich ein wahres Glück, eine Fügung Gottes, daß ich noch zur rechten Zeit Mailand verlassen hatte, denn etwas später hätte mich gleich den anderen österreichisch Gesinnten in Mailand das Los getroffen von den Aufständischen in Haft genommen zu werden, was in Hinblick auf meine Töchter für mich äußerst peinlich gewesen wäre. Ich bestieg also gleich mit meinen Kindern und mit ihrer Gouvernante meinen bereits bespannten Wagen, nicht ohne banges Gefühl über das, was noch kommen würde. Fort ging es rasch und nach wenigen Stunden langte ich vor Brescias Stadttor an. Dies war zu und von Leuten besetzt, gleichsam bewacht. Der Aufstand hatte sich schon in dieser Stadt ausgedehnt. Ich wurde dort angehalten und befragt, wer ich sei. Auf meine Antwort und auf das Zureden eines meiner ehemaligen Freunde, der unter jenen Leuten sich befand, wurde das Tor geöffnet und ich in die Stadt eingelassen.

 Ich ließ vorfahren zum Hause meiner dort verheirateten Schwester (Caterina, 1798 bis 1884, vermählt mit dem Patrizier von Brescia Ottavio Almici) und stieg dortselbst auch ab. Allein, kaum waren meine von der Reise ermüdeten Töchter nach einem kleinen Imbiß zu Bett gebracht, als mein Schwager mich auf die Gefahr meiner Lage aufmerksam zu machen gemäss(ig)t glaubte und zu meinem Bedauern mir riet die Stadt, je bälder, desto besser, zu verlassen. Ich ließ daher die Mädchen wieder ankleiden und Postpferde bestellen und dann ohne Zeit zu haben mit einem Reisepaß noch mit Geld über die wenigen Goldstücke, die mein Schwager für den Augenblick verfügbar hatte, (hinaus) mich versehen zu können, fuhr ich fort. Am Ausgangstore der Stadt hatte ich einem kurzen Verhöre zu bestehen wie an dem Eingange. Unaufgehalten setzte ich meine Reise weiter fort und in vorgerückter Nachtstunde kam ich vor das Tor von Verona an. Dort wurde ich angehalten und nach meinem Passe befragt. Verneinend antwortend sagte ich, daß ich mich über den Abgang desselben an competenter Stelle schon zu rechtfertigen wissen werde, worauf der Polizeimann in höflicher Art mich ersuchte anzugeben, wo ich in der Stadt übernachten werde, damit er morgens gegen 9 Uhr mich zum Polizei-Direktor führen könne, was auch geschah. Der Herr Direktor empfing mich mit aller Zuvorkommenheit, er war ein Deutscher, und wohl erkennend, daß es bei den besonderen Umständen mir unmöglich war mich mit einer Legitimation zu versehen, stellte er mir einen Schein aus, mittels dessen ich ungehindert meine Reise bis Gradisca fortsetzen könne.

 Nun, bevor ich an die Fortsetzung meiner Reise denken konnte, mußte ich bedacht sein einen Wechsler zu finden, um meine wenigen Goldstücke zum Behufe der Bezahlung der Postrittgelder in Silbermünzen umzuwandeln . . . (er schildert, wie er diese Absicht in einem unheimlichen Gäßchen bei einem alten Wucherer durchführen konnte). Auf einen wurmstichigen Tisch legte ich meine Goldstücke und bekam dafür ein Häuflein Silbermünzen, die ich ohne sie zu zählen hastig einsteckte, um baldigst von dannen zu kommen. Froh war ich wieder im Freien zu sein. Wohlgemut schritt ich nun dem Gasthause zu, wo meine Töchter und Gouvernante besorgt auf meine Rückkehr harrten. Aber kaum hatte ich ein Stücklein Wegs gemacht, als ich, o böses Geschick! in eine Rotte wilder, bewaffneter Gesellen stieß, in deren kranken Gehirn auch schon der Geist der Empörung mächtig spukte. Ich ward von denselben umringt und aufgefordert mit ihnen gemeinschaftlich zu handeln, und man wollte bereits auch einen Dolch in meine Faust stecken. Zum bösen Spiel hieß Klugheit eine gute Miene zu machen. Mit angenommener Freundlichkeit beschwichtigte ich ihrem Ungestüm, indem ich sagte, daß ich ein dringendes, unaufschiebbares Geschäft habe und daß ich hernach schon kommen werde, und zum größerem Nachdruck gab ich ihnen einige Silberstücke, auf daß sie auch auf mein Wohl trinken mögen. Ich trennte mich von ihnen und mit verdoppelten Schritten erreichte ich frohen Herzens das ersehnte Gasthaus, wo alles schon zu meiner Abreise bereitstand.

  Nach Berichtigung meiner Schuldrechnung mit dem Wirte rollte mein Wagen mit Töchtern und Gouvernante flugs von Verona hinweg. Unaufhaltsam ging es nun fort, nur mit den kurzen Unterbrechungen an den einzelnen Poststationen zum Behufe des Pferdewechsels. In den Städten und Flecken, überall wo ich durchreiste, konnte ich wahrnehmen Volksversammlungen, geheimnisvolles Flüstern und ein fieberhaftes Interesse von mir auch, wenn ich anhalten mußte, etwas zu erfahren über die Ereignisse in Mailand, dem Sitze und Centrum der aufständischen Bewegung in dem damaligen österreichischen Italien. Ich wurde förmlich bestürmt mit Fragen von den Leuten, die meinen Reisewagen belagerten, welche Fragen mich auch wegen der Beantwortung in nicht geringe Verlegenheit setzten, um mir nicht irgendeinen Verdacht und damit auch nicht eine Unannehmlichkeit zuzuziehen.

 In vielen Örtern loderten mächtige Feuersäulen auf als Symbol des Jubels und gleichsam der Bruderhand zum Zusammenhalten und gemeinschaftlichen Handeln. Diese Kundgebungen lasteten schwer auf meinem patriotisch-österreichisch gesinnten Gemüte und erhöhten meinen Wunsch je bälder, je lieber aus diesen unliebsamen Gegenden zu kommen. Nachdem wir auch die ganze Nacht vom 19ten auf den 20sten März gereist waren, kamen wir gegen Mittag in Palma Nova, die letzte Stadt, auch Festung im Venetianischen [1] an. Hier, wo ich uns gewissermaßen sicherer glaubte, wollte ich uns einige Stärkung durch Ruhe und Nahrung gönnen, da wir seit Verona keine Rast noch rechte Labung hatten. Allein auch hier, fast am Ziele unserer Fluchtreise wurde uns das Mißgeschick nicht erspart, denn kaum hatten wir uns zum Ausruhen und zu einem ganz frugalen Male niedergelassen, als es hieß: die Festungstore werden baldigst geschlossen und niemand könne dann aus der Stadt gehen. Ich ließ mir dies nicht wiederholen, sondern alle Anstalten zur sofortigen Abreise treffen und nach Bezahlung der Zeche, von der wir fast nichts hatten, rasselten wir durch die Festungstore hinaus. Nach einer Stunde erreichten wir glücklich und überschritten die Grenze des österreichischen Friauls und in einer weiteren Stunde trafen wir in Gradisca ein, meiner teueren Heimat.

 Hier bot sich mir gleich Gelegenheit, meinem Vaterlande und der Sache der Ordnung nützen zu können. Denn das Gespenst der Empörung klopfte schon auch an unsere Grenze und drohte, seine Gräuel auch hereinzubringen. Freche Apostel der Umsturzpartei traten im Lande schon hie und da auf und verkündeten, wohlweislich heimlich, ihre verderblichen und verbrecherischen Lehren. Unruhe und Besorgnisse bemächtigten sich der Gemüter der sonst friedlichen und arglosen Bevölkerung; die Ängstlichen wurden eingeschüchtert, und die Übelgesinnten, woran es nirgends Mangel ist, wurden durch Vorspiegelungen und Versprechungen gewonnen und ermutigt zu allen Gewalttätigkeiten. Die schwache Lokalbehörde ließ sich durch Drohungen von außen zur völligen Untätigkeit bringen. In dieser allgemein kritischen Lage der Verwirrung, der Unsicherheit und der förmlichen Anarchie rafften sich einige wohlgesinnte und von Vaterlandsliebe und treuer Ergebenheit an den angestammten Landesfürsten durchdrungene Bürger in Gradisca auf, einigten sich und bildeten, wenn auch eigenmächtig, doch immer zu dem edelsten Zwecke der Erhaltung der Ordnung und der Sicherheit eine Art Behörde an die Stelle der lahmgelegten, gleichsam aufgelösten eigentlichen Behörde.

 Weder die höhere Behörde in Görz noch jene von Triest machten irgendeine Einsprache gegen die neue, unter der Benennung „Giunta" entstandene Lokalbehörde, und stillschweigend ließen sie dieselbe auch gewähren. Diese Giunta bestand aus fünf Mitgliedern, gewählt von der Stadtbevölkerung, alle mit gleichen Pflichten und Rechten. In dieselbe als Mitglied einzutreten, wurde auch ich ersucht, und alle Bedenklichkeiten dagegen, insbesondere die aus dem Gesichtspunkte der Ungesetzlichkeit überwindend und nur der guten Sache Rechnung tragend, folgte ich bereitwillig der Aufforderung. Ich trat demnach in die Weg- und Beratungsstube der Giunta, nahm ein Gewehr und übte mich gleich den andern in der Handhabung der Waffe für den möglichen Fall des möglichen Gebrauches derselben und beriet mich mit ihnen über die zu ergreifenden Maßregeln zu dem uns vorgestreckten Ziele. Das Mißlichste dabei war, daß es uns an der nötigen Unterstützung gebrach. Bloß ein paar Ulanen und Croaten, die hier zurückbleiben mußten, weil sie zu ihrem Regiment im aufständigen Italien nicht stoßen konnten, standen zu unserer Verfügung. Mit diesen bewaffneten Leuten wurde auch fleißig herumgestreift Tag und Nacht, die ausweislosen Fremden wurden über die Grenze geschafft, die Verdächtigen bewacht und die Gefährlichen in Haft genommen.

 Es geschah eines Tages, als ich nachts ziemlich spät bereits zu Bette gegangen war, daß ich plötzlich aufgeweckt und ersucht wurde, die Festnahme eines der frechsten und gefährlichsten Sendlings der Aktionspartei in Udine zu bewerkstelligen. Ich stand sogleich auf, zog mich an, und mit Mitnahme zweier Ulanen begab ich mich an den bezeichneten Ort. Von dort schickte ich die zwei Leute in das Gasthaus, wo der Gesuchte sich befinden sollte. Nur nach Drohung der Gewalt und der Verantwortlichkeit des Wirtes für die Mitschuld wurde das Haustor geöffnet und das Wohnzimmer des Individuums angegeben. Auch dort wurde die gesperrte Tür erst nach Drohung des Einwerfens geöffnet, aber zugleich knallte ein Schuß, der glücklicherweise nicht traf und nur den Mantel des Ulanen streifte. Der Verbrecher wurde festgenommen und nach Gradisca gebracht, von wo er dann zur weiteren Verfügung nach Triest eingeliefert wurde. Nicht sosehr durch die Androhungen von Udine, unter denen die insbesondere war, daß von dort Bewaffnete kommen würden, um uns niederzumachen und dann mit unseren Köpfen Kegel zu scheiben, als vielmehr durch das Strafhaus daselbst, wo gegen dreihundert Sträfliche der schwersten Verbrechen sich befanden und immer auszubrechen drohten, um dann Raub, Brand und Mord über die Stadt zu bringen, wurde unsere Lage immer bedenklicher und gefährlicher.

 Die schwache halbe Kompanie Soldaten, die das Strafhaus bewachen sollte, war dazu kaum hinreichend, und daher konnten wir von ihr durchaus keine Unterstützung noch Hilfe erwarten. Zu wiederholten Malen wendeten wir uns an das Kreisamt in Görz und an das Gubernium in Triest mit der dringendsten Bitte um schleunige Zuschickung von Militär, aber umsonst, denn dortselbst fehlte es an Mannschaft; wir wurden vertröstet mit der Aussicht auf baldiges Einrücken von Regimentern aus dem Inneren des Reiches. Es blieb uns daher nichts übrig, als mit Geduld zu warten und indessen unsere Vorkehrungen zur Abwehr des Feindes zu verdoppeln.

 Zu dieser verhängnisvollen Zeit geschah es, daß, aus Görz kommend, Seine Exzellenz Graf Hartig, ehemaliger Gouverneur in Mailand, und mein einstiger Chef mich in Gradisca aufsuchten, um mir anzutragen, als Sekretär ihn zu begleiten in der ihm von Seiner Majestät übertragenen Mission der Pacificierung der aufständischen italienischen Provinzen. So ehrenhaft für mich und auch viel verheißend für meine Zukunft der Antrag war, konnte ich mich doch nicht entschließen zur Annahme desselben, um nicht meine zwei Töchter in jenen unruhigen und gefährlichen Zeiten zu verlassen, insbesondere, da ich kein rechtes Vertrauen hatte, daß meine Schwägerin in Gradisca sich ihrer annehmen oder doch deren Gouvernante nötigenfalls zur Seite stehen würde. Ich lehnte daher den Antrag dankend ab.

 Nach langem, bangem Warten rückte endlich ein Regiment in Gradisca ein, und wir fühlten uns nun weiterer Sorgen enthoben und übertrugen freudig an die neue Lokalbehörde unsere bisherige Amtstätigkeit. Wir hielten es aber für unsere Pflicht, gleichzeitig uns beim Gouverneur in Triest zu rechtfertigen über die eigenmächtige Amtsführung. Seine Exzellenz äußerte seine vollste Zufriedenheit und dankte uns für unseren bewährten Patriotismus und für unsere Treue und Ergebenheit an die geheiligte Person Seiner Majestät.
  Nach und nach bildete sich in und um Gradisca eine Armee von über zehntausend Mann, die bestimmt war, sich mit den in Verona blockierten Truppen des Marschalls Radetzky zu vereinigen zur weiteren Bekämpfung des den Aufstand unterstützenden Sardenkönigs. Alle Häuser wurden mit Militär belegt, so daß die Einwohner auf den engsten Raum gedrängt waren.
 Am Abend vor dem 21. April, an welchem Tage, es war Charmontag, als die Armee abmarschieren sollte, kam in Gradisca Seine Durchlaucht der Fürst Felix Schwarzenberg, Commandant des Belagerungskorps der (damals in Feindeshand befindlichen) Festung Palma Nova. Da der Podestà (Bürgermeister) in Gradisca keinen passenden Ort für das Übernachten Seiner Durchlaucht finden konnte, kam er zu mir und fragte, ob ich nicht dafür zu helfen wisse; ich antwortete ihm, daß, wie es ihm selbst bekannt sein könne, unser Haus bis auf den kleinsten Raum schon besetzt ist, daß ich aber Seiner Durchlaucht mein Zimmer mit Bett gern abtreten wolle, wenn Seine Durchlaucht damit zufrieden sei. Mein Antrag wurde auch freundlichst angenommen.

 Des Morgens darauf dankte Seine Durchlaucht mir verbindlichst für meine Gastfreundschaft, die ihn ermutige auch zu der Bitte um einige Wäsche, weil er vor Palma biwakieren müsse. Ich stellte zu seiner Verfügung, was ich entbehren konnte, aber Seine Durchlaucht wollte es nur unter der Bedingung der Bezahlung annehmen, wogegen ich protestierte, da es für mich eine Ehre sei, ihm einen solchen Dienst zu erweisen. Als Seine Durchlaucht auf die Bedingung beharrte, sagte ich: „Wohlan, so wollen Euere Durchlaucht für die Armee bestimmen, was Sie glauben", was auch geschah.

 Beim Abschied, der sehr herzlich war, verlangte Seine Durchlaucht meinen Namen zu wissen, den er sich auch aufzeichnete, und sagte mir, daß er stets meiner eingedenk sein werde und daß, wenn ich nach Wien käme, ihn auch besuchen solle. Nach einigen Jahren kam ich nach Wien, begab mich ins Ministerium, wo Seine Durchlaucht Präsident war, und ersuchte den Portier, mich bei Seiner Durchlaucht anzumelden. Jener entschuldigte sich aber, daß er es nicht tun könne, weil Seine Durchlaucht unwohl sei und niemanden empfange. Auf mein Verlangen, daß er nur meinen Namen Seiner Durchlaucht sagen möge, tat er es, und ich wurde eingelassen. Seine Durchlaucht empfing mich mit sichtlicher Freude, hieß mich neben ihm auf dem Diwan Platz zu nehmen, und dann plauderten wir über die ehemaligen traurigen Zeiten. Nach einer guten halben Stunde verabschiedeten wir uns auf die herzlichste Weise, Seine Durchlaucht mir noch nachrufend: „Auf Wiedersehen!"

 Am obenerwähnten Tage wurde der Vortrupp der Armee aus allen Waffengattungen auf dem Platz in Gradisca in langen und dichten Reihen aufgestellt, und nach feierlichem Gottesdienste hielt der Kommandierende vor der Front eine ergreifende Ansprache, die alt und jung erschütterte und zu Tränen rührte. Mit gleich beredten als tiefgefühlten Worten stellte er der Truppe vor die Heiligkeit der Unternehmung, die sie nun zu bestehen hat; erinnerte sie an ihre Ehre und Pflicht, an ihre auf den Schlachtfeldern schon bewährte Tapferkeit, an ihre Treue und Ergebenheit an ihren obersten Kriegsherrn und Kaiser. Begleitet von den besten Wünschen und den wärmsten Segnungen von allen Seiten trat dann die wohlgerüstete, herrliche Armee ihren Marsch an.

 Angelangt in Visco, ein Örtchen an der Grenze, hatte die Armee schon zu erfahren die Perfidie jener Einwohner. Denn kaum hatte sie sich, ermüdet von dem Marsche und ausgehungert, niedergelassen zum Ausruhen und Abkochen, als schon aus Kellern, Fenstern und Dächern auf die Soldaten geschossen wurde, was natürlich dieselben in Wut brachte. Sie zündeten das Dorf an, dessen Flammen weit und breit sichtbar waren bis spät in die Nacht. Der Marsch ging dann weiter ungehindert fort bis Udine, nachdem mit einem Teile der Mannschaft und der Kriegsmaterialien die Festung Palma eingeschlossen ward zur ordentlichen Belagerung. Vor Udine fand die Armee Widerstand. Die Stadt mußte beschossen werden, um sie zur Ergebung zu zwingen. Die leuchtenden Granaten und Raketen, die Feuerfunken der brennenden Objekte konnten nachts von den Wällen Gradiscas ganz deutlich gesehen werden. Das weitere entzieht sich meinen Wahrnehmungen.

 Die ausgezeichnete, unübertreffliche Feder des Feldzeugmeisters von Schönhals hat die Ereignisse des Krieges in Italien in den Jahren 1848-1849 auf das Anschaulichste und Interessanteste uns verzeichnet. Sein Werk wird allen guten Österreichern von unschätzbarem Werte sein [2].

 Jetzt konnte ich meinem Vaterlande nicht mehr nützlich sein. Daher, als eine mir kaum bekannte Person in Gradisca mir jeden beliebigen Betrag gegen ganz mäßigen Zins freundlichst antrug und ich von ihr auch das mir nötige Geld erhalten hatte, verließ ich mit Töchtern und Gouvernante wohl mit tiefer Wehmut meine mir immer teuere Heimatstadt und begab mich zuerst nach Villach und dann nach Klagenfurt, wo ich mich ganz gut befand. Dort und da fand ich überall vollen Kredit.

 Sobald, und das geschah schon im August 1848, der Feldmarschall Radetzky mit seinem siegreichen Heere in Mailand einzog, die freie Verbindung Italiens mit den anderen österreichischen Provinzen wieder hergestellt war, konnte ich, und das war auch mein Erstes, allen meinen Verbindlichkeiten nachkommen.

 Im Jahre 1850, nach dem Tode, im Mai, meiner unglücklichen Frau (Anm. Contessa Caterina  Calini), deren Befinden in Brescia bereits auf dem Sterbebette von ihrer Umgebung mir verheimlicht wurde, damit ich nicht ihre unsauberen Absichten hintertreiben könnte, verließ ich auch Klagenfurt und verfügte mich wieder nach Italien, wohin meine und meiner Töchter Interessen mich auch riefen. In Mailand alsdann, auf dem Sexta Platz, im Hause des Musikhändlers Ricordi im 2. Stocke, nahm ich Wohnung und lebte dort, da die Stimmung unverändert feindlich gegen Österreich sich zeigte, ganz zurückgezogen.

 Der Schein der Ruhe in der Stadt hielt bis zum 6. Februar 1853, als an jenem Tage, es war Sonntag gegen 3 Uhr nachmittags, ich von einem Fenster zu meinem Entsetzen sah, wie der Pöbel mit Dolchen, Messern und anderen Mordwerkzeugen die dahin arglos wandelnden Soldaten überfiel und niederstieß, die waffenlos sich nicht verteidigen konnten [3]. In einem Augenblick war alles im Aufruhr. Die Ängstlichen flüchteten und sperrten sich in ihren Häusern (ein), die Übelgesinnten rotteten sich zusammen und verfolgten das Militär, wo sie es immer zu Gesicht bekamen. Vom Castell dröhnte ein Kanonenschuß als Signal des Aufstandes und des Einschreitens der öffentlichen Macht. Im Nu Infanterie- und Cavallerieabteilungen besetzten und säuberten die Straßen und Gassen.

 Durch die Energie des Commandierenden Feldzeugmeister Gyulai wurde der Aufstand noch am selben Tage niedergedrückt. Es erschien sogleich eine Kundmachung, welche vorschrieb, daß die Einwohner sich auf acht Tage proviantieren, ihre Haustore verschlossen und die Fenster nachts beleuchtet halten sollen, am Tage höchstens drei Personen beisammen sein dürfen, nachts aber niemand ohne erwiesene dringende Not sich sehen lassen dürfe unter Androhung des Arrestes und sonstiger Strafe. Auch durfte niemand die Stadt verlassen, deren Tore streng bewacht waren.

 Die Verordnung in betreff des letzten Punktes blieb aufrecht bis zum September desselben Jahres 1853, während welcher Zeit die Rädelsführer und sonstige Schuldigen ausgeforscht und standrechtlich der verdienten Strafe unterzogen werden sollten.

 Nach dem unterdrückten Aufstande beliebte es einen Besucher des Casino im ersten Stocke unter meiner Wohnung sich gegen meine Köchin zu äußern: „Ihr Herr kann sich gratulieren, daß die Sache so geschwind abgetan ist, denn sonst wäre es ihm übel ergangen." Diese zynische Äußerung war gewiß nicht geeignet mich zum längeren Aufenthalt in Mailand zu ermutigen, als ich daselbst verbleiben mußte durch jene Verordnung. Daher, sobald dieselbe außer Kraft trat, nämlich im September, reiste ich den 8.ten mit Töchtern und Gouvernante von Mailand ab nach dem Ziele Salzburg, dessen Gebirgsluft der meine, damals kränkelnde Tochter Mathilde behandelnde Arzt für ihre Kräftigung als das beste gehalten hatte. Daselbst angekommen mietete ich auf dem Residenz-Platze eine Wohnung. Später kaufte ich in nächster Umgebung der Stadt eine Villa zum Sommeraufenthalte und zu meiner körperlichen Beschäftigung in dem dazu gehörigen Garten.

 
Marie von Ingram mit Sohn Johann (*1858)

 

Kinder Johann (*1858) und Anna (*1867)

 In Salzburg lernte ich kennen Frl. Marie von Ingram. Am 12.ten November 1856 ehelichte ich sie. In ihr fand ich eine ebenso liebe Gefährtin meines Lebens als sorgsame Mutter für meine zwei verwaisten Töchter aus meiner ersten Ehe. In der Folge verkaufte ich die Villa, die mir aus verschiedenen Gründen verleidet wurde (Anm. beim Bahnbau im Jahre 1857 wurde ein Teil des Gartens enteignet und der lärmende Verkehr unmittelbar neben dem Hause vorbeigeführt) und zog dann im Herbste 1864 mit Familie nach Innsbruck.

 Ich ward damals von meiner gegenwärtigen Frau schon erfreut mit einem Sohne Johann (Anm.: geboren am 21.12.1858 in Innsbruck, dort unverehelicht gestorben als frei resignierter Notar am 29.11.1920) und später auch mit einer Tochter Anna (Anm.: geboren am 1.2.1867 in Innsbruck, verehelicht am 10.11.1891 mit Universitätsprofessor Dr. Rudolf Hochenegg, gestorben auf ihrem Besitze in Mils bei Hall am 19. 10.1952). Der Sohn, ausgebildet in den Studien, befindet sich nun auf dem Wege der eigenen Tätigkeit und Selbständigkeit, die Tochter, ebenfalls ausgebildet in dem weiblichen Wesen ist der Gegenstand meines innigsten Wunsches sie mit Befriedigung auch ihrer guten Mutter glücklich verheiratet zu wissen, bevor meine müden Augen sich der Welt zuschließen und der ewige Geist sich emporschwinge in die Unendlichkeit der Schöpfung Gottes. 

 
Johann Ritter von Finetti mit 90 Jahren.
 
Nachwort eines Angehörigen der Familie

Mit der Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen tritt Johann Baptist Ritter von Finetti nicht nur als historische Persönlichkeit, sondern auch als Mensch aus dem Schatten der Vergangenheit hervor. Für mich als Angehörigen seiner Familie ist er kein bloßer Name in einer Ahnentafel. Aus seinen Erinnerungen spricht ein Mann, der sich bemühte, in einer Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen seinen Überzeugungen, seinen Pflichten und seiner Familie treu zu bleiben.

 Die vorstehenden Aufzeichnungen befassen sich hauptsächlich mit seinen Erlebnissen während der Revolutionen von 1848 und des Mailänder Aufstands von 1853. Sie stellen uns eindringlich vor Augen, wie schwer es ein kaisertreuer Österreicher in den zunehmend von der italienischen Nationalbewegung erfassten Gebieten der Lombardei und des Küstenlandes haben konnte.

 Finettis Sprache ist diejenige eines Mannes seiner Zeit. Sie ist von seinen persönlichen Erfahrungen, seinen Ängsten und seiner unerschütterlichen Loyalität zum Kaiserhaus geprägt. Wir müssen seine Urteile heute historisch einordnen und dürfen sie nicht ungeprüft zu unseren eigenen machen. Gerade deshalb sollten wir aber auch darauf verzichten, seine Haltung nachträglich zu vereinfachen oder herabzusetzen. Wer seine Erinnerungen aufmerksam liest, begegnet keinem blinden Parteigänger, sondern einem Menschen, für den staatliche Ordnung, persönliche Verantwortung und Treue sittliche Verpflichtungen darstellten.

 Eine ganz andere Erinnerung an das Revolutionsjahr 1848 hatte seine spätere Ehefrau Marie von Ingram bewahrt. Sie erzählte nicht von Straßenkämpfen und Todesgefahr, sondern von der erhebenden Aufnahme, die der aus Wien geflüchtete Kaiser Ferdinand in Tirol fand.

 Unter ihren hinterlassenen Briefschaften befand sich ein Zettel mit einem Bericht über den Einzug des Kaisers in Innsbruck:
„Am 19. May 1848 abends, es war Freitag, trug sich in Innsbruck Folgendes zu: Um halbzehn Uhr Abends erhob sich das Geschrei: Der Kaiser kommt! Und es wurde die ganze Stadt beleuchtet und die Nationalgarde wurde ausgerufen. Und die Bürger- und Nationalgarde mußte sich auf dem Rennplatze aufstellen. Dann gingen die Leute dem Kaiser entgegen, und bei der Mühlauer Anhöhe mußte der Postillon ausspannen und die Leute zogen den Kaiser und seine Familie. Da erhob sich ein Jubelgeschrei, es wollte das Vivatrufen kein Ende nehmen. Von da aus zogen sie ihn und seine Familie in die Vorstadt und auf den Stadtplatz und in die Hofgasse und in die Burg. Auf dem Wege begleiteten die Leute die Wägen mit Fackeln, und es war eine unbeschreibliche Freude unter dem Volke.“

Unter den Menschen, die damals den Wagen des Kaisers gezogen haben sollen, befanden sich auch Marie von Ingram und ihre jüngere Schwester Anna. Zeitlebens erzählte Marie mit Stolz von diesem Erlebnis. Besonders bewahrte sie die Worte, die ein alter Tiroler Bauer dem verunsicherten Monarchen zugerufen haben soll:
„Fürcht di nit, Ferdl, du bischt ja in Tirol!“

Diese wenigen Worte verdichten eine ganze Vorstellungswelt. Sie drücken keine abstrakte Staatstheorie aus, sondern eine fast familiär empfundene Verbindung zwischen dem Monarchen und seinen Untertanen. Der Kaiser erscheint darin nicht als ferner Machthaber, sondern als bedrängter Landesvater, dem das Volk Schutz und Treue verspricht.
In einem Stammbuch aus Familienbesitz fand sich außerdem ein „Morgengruß der Tiroler an ihren geliebten Kaiser am 20. Mai 1848“. Einige seiner Strophen mögen hier nochmals an jene Stimmung erinnern:
Willkommen, bester Kaiser,
Geliebter Ferdinand!
In unseren treuen Bergen,
In unsrem Alpenland!Daß ja die alte Treue
Noch herrschet in Tirol,
Hast gestern Du gesehen,
Geliebter Kaiser, wohl.Wir selbst mit unsern Armen
Den teuern Schatz nun ziehn,
Für den in alter Liebe
Hier alle Herzen glüh’n.Denn kaum erscholl die Kunde:
Der Kaiser kommt hieher,
Da bieten auch die Straßen
Im Nu ein Feuermeer.Europa, das soll staunen,
Was der Tiroler kann,
An seiner Treu erröten
Der Wiener Fieberwahn.So ruh’ in unsrer Mitte
Nun aus von Deinen Müh’n,
Vertraue den Tirolern,
Die ewig für Dich glüh’n!

Solche Verse entsprechen nicht mehr unserer heutigen politischen Sprache. Sie sind jedoch aufschlussreiche Zeugnisse einer Epoche, in der dynastische Treue, Landesbewusstsein und religiös begründete Pflichterfüllung eng miteinander verbunden waren.

Die Selbstbiographie Johann von Finettis klingt mit der Schilderung seines Familienlebens und seiner Ehe mit Marie von Ingram aus. Manche bedeutenden Ereignisse seiner späteren Jahre erwähnt er dagegen nicht mehr. Vielleicht war das Quartheft, in das er schrieb, beinahe gefüllt. Vielleicht wollte der alte Mann aber auch nicht neuerlich von Sorgen und Enttäuschungen erzählen, nachdem er die dramatischen Erfahrungen der Revolutionszeit festgehalten hatte.
Sein Lebensbild muss daher aus anderen familiengeschichtlichen Überlieferungen ergänzt werden.

Nach seiner Übersiedlung nach Innsbruck hatte sich Johann von Finetti dank seines freundlichen, gebildeten und vornehmen Wesens einen neuen Freundeskreis geschaffen. Er stand mit geistig interessierten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland in Verbindung und führte, wie zuvor in Salzburg, ein gastfreies Haus. Bedürftigen und insbesondere mittellosen Studenten soll er immer wieder geholfen haben.

Umso schwerer traf ihn der große Börsenkrach des Jahres 1873. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts hatten viele Angehörige des Adels vor neue Herausforderungen gestellt. Nach der Grundentlastung waren bisherige Natural- und Geldeinkünfte vielfach durch Kapitalzahlungen ersetzt worden. Menschen, die im Umgang mit modernen Finanzgeschäften wenig Erfahrung besaßen, vertrauten ihr Vermögen neu gegründeten Banken und Gesellschaften an, die mit hohen Erträgen warben.

Als zahlreiche dieser Unternehmen zusammenbrachen, verloren viele Familien einen erheblichen Teil ihres Besitzes. Auch Johann von Finetti büßte sein Vermögen ein. Er trug das Unglück, soweit es die Überlieferung erkennen lässt, mit großer Fassung. In einem erhaltenen Schriftstück bekannte er:
„Wegen meiner enormen Verluste im unglücklichen Krachjahr 1873 wäre ich außerstande gewesen, meine Familie zu erhalten, ohne Schulden zu machen, wenn mir nicht meine Frau Marie hätte helfen können.“

Marie von Ingram wurde in diesen schweren Jahren zu seiner wichtigsten Stütze. Sie hatte den Versprechungen hoher Zinsen widerstanden und ihr väterliches Erbe vorsichtig in Grundbesitz, Hypotheken und damals als sicher geltenden Staatspapieren bewahrt. Durch die Vermietung von Zimmern ergänzte sie das bescheidene Einkommen der Familie.

Ohne die Töchter aus Finettis erster Ehe, die Erbinnen der Calinischen Besitzungen, in Anspruch zu nehmen, ermöglichte sie der Familie aus eigener Kraft eine eingeschränkte, aber gesicherte Fortexistenz. Erst durch den auf sie entfallenden Anteil am Nachlass ihres unverheiratet gebliebenen Bruders Anton von Ingram kehrte nach dessen Tod im Jahre 1888 ein gewisser Wohlstand zurück.

Johann von Finetti konnte diese Verbesserung seiner Lebensverhältnisse noch einige Jahre genießen. Von den Wellen des Lebens emporgehoben, niedergestoßen und wieder getragen, blickte er auf Glück und Leid, auf gesellschaftliches Ansehen, familiäre Konflikte und wirtschaftlichen Verlust zurück.

In seinen letzten Lebensjahren schrieb er neben den hier veröffentlichten Erinnerungen auch Gedichte und Betrachtungen nieder. Diese Texte zeigen einen religiösen, nachdenklichen und dem Nächsten zugewandten Menschen. In schlichten Versen schrieb er über Freundschaft, Gemüt, Lebensglück und die Freuden eines stillen Daseins:
Mit allen friedlich, helfend leben,
Mit Ruh erwarten auch den Tod,
Dies sei stets unser eifrig Streben,
Dazu uns helfe gnädig Gott!

Im Oktober 1892, bereits neunzigjährig, übergab er seinem Schwiegersohn Rudolf Hochenegg seine Manuskripte mit folgenden Worten:
„Lieber Rudolf!
Dir vertraue ich an die beiliegenden Briefe, das eine: Klänge aus meiner Seele, das andere: meine Gedanken und Betrachtungen enthaltend, in der vollen Überzeugung, daß Du sie achten und aufbewahren wirst, auch als Erinnerung an Deinen Dir mit allem Wohlwollen ergebenen Schwiegervater
Johann von Finetti.
Im Oktober 1892.“

Diese Zeilen berühren mich besonders. Sie zeigen, dass Johann von Finetti seine Schriften nicht für ein großes Publikum oder zur eigenen Verherrlichung verfasste. Er vertraute sie seiner Familie an, damit seine Gedanken und Erfahrungen bewahrt würden. Dass wir sie heute lesen und zugänglich machen können, erfüllt somit einen Wunsch, den er selbst vor mehr als einem Jahrhundert ausgesprochen hat.


Am 15. Oktober 1892 hatte Johann von Finetti sein neunzigstes Lebensjahr vollendet. Trotz seines hohen Alters war er noch gesund und rüstig und unternahm täglich seinen Spaziergang in Richtung Weiherburg. Zahlreiche Glückwünsche und Zeichen der Hochschätzung begleiteten seinen Lebensabend. Auch die k. k. Theresianische Akademie gedachte seiner als eines ihrer ältesten damals noch lebenden ehemaligen Zöglinge.

Am 19. Juli 1893 starb Johann Baptist Ritter von Finetti, wenige Monate vor der Vollendung seines einundneunzigsten Lebensjahres, in Innsbruck.
Seine Witwe Marie überlebte ihn um mehr als ein Vierteljahrhundert. Sie starb, ebenfalls neunzigjährig, am 27. November 1918 – wenige Wochen nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und in der Nacht nach dem Einmarsch italienischer Besatzungstruppen in Innsbruck. In der Familie wurde überliefert, sie sei mit gebrochenem Herzen über den Untergang jenes Staates gestorben, dem sie und ihr Mann ihr Leben lang verbunden gewesen waren.

Wir können nicht mehr mit Sicherheit feststellen, was sie in ihren letzten Stunden empfand. Doch die zeitliche Nähe ihres Todes zum Ende Altösterreichs besitzt eine kaum zu übersehende Symbolkraft. Mit ihr schied eine Angehörige jener Generation dahin, für die der österreichische Kaiserstaat nicht lediglich eine politische Konstruktion, sondern Heimat, Ordnung und geschichtlicher Lebensraum gewesen war.

Als Nachfahre lese ich die Erinnerungen Johann von Finettis mit persönlicher Anteilnahme, aber auch mit dem notwendigen historischen Abstand. Nicht jede seiner Beurteilungen muss übernommen werden. Nicht jedes Ereignis wird sich heute noch in allen Einzelheiten überprüfen lassen. Seine Darstellung ist subjektiv, bisweilen leidenschaftlich und von den politischen Begriffen seiner Epoche bestimmt.

Doch gerade diese persönliche Stimme verdient es, gehört zu werden.

Die Geschichte besteht nicht allein aus den späteren Siegern und aus jenen Bewegungen, deren Ziele sich schließlich durchgesetzt haben. Sie umfasst ebenso jene Menschen, deren Staat unterging, deren politische Hoffnungen sich nicht erfüllten und deren Form von Vaterlandsliebe nach 1918 kaum noch verstanden wurde.
Johann Baptist Ritter von Finetti war Italiener nach Sprache und Herkunft, Österreicher nach Erziehung, Dienst und Überzeugung und Europäer durch seinen Lebensweg zwischen Gradisca, Wien, Mailand, Brescia, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck. Seine Biographie widersetzt sich den einfachen nationalen Zuordnungen, mit denen das 19. Jahrhundert später so häufig erklärt wurde.

Sein Leben erinnert daran, dass Heimat mehr als eine Sprache und politische Zugehörigkeit mehr als nationale Abstammung sein kann. Es erinnert ebenso daran, welchen Einfluss Familie, Erziehung und Bildung auf die Überzeugungen eines Menschen ausüben können.

Indem wir seine Aufzeichnungen veröffentlichen, wollen wir weder vergangene Konflikte neu entfachen noch eine untergegangene Ordnung verklären. Wir möchten einem Angehörigen unserer Familie seine Stimme zurückgeben und zugleich ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte Altösterreichs sichtbar machen.
Mögen seine Erinnerungen dazu beitragen, die Menschen jener Epoche nicht vorschnell nach heutigen Begriffen zu beurteilen, sondern sie aus ihren Erfahrungen, Bindungen und Hoffnungen heraus zu verstehen.
"IN OMNIBUS ORDO"
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