Hartmann – Aristokraten, Künstler und Wahrheitssucher im Untergang des Zarenreic

Hartmann – Aristokraten, Künstler und Wahrheitssucher im Untergang des Zarenreic

2 Wochen 2 Tage her
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Gurdjieff, Olga und Thomas de Hartmann – Aristokraten, Künstler und Wahrheitssucher im Untergang des Zarenreiches

Ein interessanter Buchhinweis führt in ein Milieu, das für unser Forum gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert ist: russische und baltisch-finnische Adels- bzw. Oberschichtkreise, die Kulturwelt des späten Zarenreiches, die Russische Revolution, Fluchtwege über Kaukasus und Konstantinopel – und mittendrin Georges Iwanowitsch Gurdjieff, eine der rätselhaftesten Gestalten der spirituellen Bewegungen des 20. Jahrhunderts.

Es handelt sich um:

Olga und Thomas de Hartmann: Expeditionen ins Wunderbare. Unser Leben mit Herrn Gurdjieff
Chalice Verlag, deutsche Erstausgabe, Broschur, 380 Seiten, 60 Abbildungen, ISBN 978-3-942914-39-0.

Das Buch schildert die Erinnerungen von Olga und Thomas de Hartmann an ihre Jahre mit Gurdjieff. Laut Verlagsangabe schließen sich die Sängerin Olga und der Komponist Thomas de Hartmann in den Wirren des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution in Sankt Petersburg Gurdjieff an. Die Gruppe flieht später – nach außen offenbar als wissenschaftliche Expedition getarnt – über den Kaukasus, die Türkei und Berlin nach Frankreich und schließlich in die USA. Neben der äußeren Fluchtgeschichte geht es auch um die Entstehung von Gurdjieffs „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“, um seine Bewegungsübungen, Musik und Schriften.

Warum ist das für ein genealogisch-heraldisches Forum interessant?

Der Stoff berührt nicht nur Esoterik- und Kulturgeschichte, sondern auch die Sozialgeschichte jener Kreise, aus denen sich Gurdjieffs frühe Anhänger rekrutierten. Mehrere Personen in seinem Umfeld stammten aus adeligen, aristokratischen oder zumindest hochgebildeten Elitenmilieus des Russischen Reiches bzw. Finnlands.

1. Thomas de Hartmann – Komponist, Offizier und Aristokrat

Thomas Alexandrowitsch de Hartmann wurde 1885 auf dem Familienanwesen bei Choruschiwka, östlich von Kiew, geboren. Nach biografischen Angaben stammte er aus einer russisch-aristokratischen Familie deutscher Herkunft. Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde er – der Familientradition entsprechend – an eine Militärschule in Sankt Petersburg geschickt. Zugleich zeigte sich früh sein musikalisches Talent.

Er studierte Komposition bei bedeutenden Lehrern wie Anton Arenski und Sergei Tanejew und erhielt 1903 sein Diplom am Sankt Petersburger Konservatorium. Sein Ballett La Fleurette Rouge wurde 1907 an der Kaiserlichen Oper in Sankt Petersburg aufgeführt; Zar Nikolaus II. soll die Aufführung besucht und de Hartmanns Talent anerkannt haben. In der Folge wurde de Hartmann vom aktiven Dienst freigestellt bzw. in die Reserve versetzt, sodass er seine musikalische Laufbahn weiterverfolgen konnte.

Besonders reizvoll für unsere Interessengebiete ist auch die Familienverbindung: Der Philosoph Eduard von Hartmann, Autor der Philosophie des Unbewussten, wird in der biografischen Literatur als deutscher Großonkel Thomas de Hartmanns genannt. Damit wäre Thomas de Hartmann dessen Großneffe. Ebenfalls interessant ist der Hinweis, dass de Hartmann während des Krieges ein Schützengraben-Periskop bzw. eine Vorrichtung zum Zielen aus dem Schützengraben erfunden haben soll, die vom Militär angenommen und in Produktion gebracht wurde.

2. Olga de Hartmann, geb. de Schumacher

Olga Arkadiewna de Hartmann, geborene de Schumacher, stammte ebenfalls aus einem gehobenen russisch-deutschen Milieu. Ihr Vater war ein hoher Regierungsbeamter in Sankt Petersburg. Sie war Sängerin, sprach mehrere Sprachen und bewegte sich in kultivierten Kreisen der Hauptstadt. Gemeinsam mit ihrem Mann schloss sie sich Gurdjieff an und wurde später eine wichtige Mitarbeiterin in dessen Umfeld.

3. Gurdjieff als „Fürst Ozay“ – reizvoll, aber quellenkritisch zu behandeln

Besonders vorsichtig sollte man mit der häufig kolportierten Angabe umgehen, Gurdjieff habe als „Fürst Osay/Ozay“ am russischen Zarenhof verkehrt.

In der Gurdjieff-Literatur gibt es tatsächlich die Episode eines „Prince Ozay“. Der junge Engländer Paul Dukes berichtete später, er sei 1913 in Sankt Petersburg einem geheimnisvollen „Prince Ozay“ vorgestellt worden. Einige Gurdjieff-Biografen hielten es für möglich oder wahrscheinlich, dass dieser „Prince Ozay“ Gurdjieff gewesen sei. Andere lassen die Frage offen. Selbst Gurdjieff-nahe Darstellungen formulieren vorsichtig, es gebe Hinweise, aber keinen abschließenden Beweis, dass Gurdjieff unter dieser Rolle Zugang zu Kreisen um den Winterpalast gesucht habe.

Daher wäre die sichere Formulierung nicht: „Gurdjieff war bis 1917 als Fürst Osay am Zarenhof“, sondern eher:

„Nach einer in der Gurdjieff-Literatur diskutierten, jedoch nicht abschließend gesicherten Überlieferung trat Gurdjieff in Sankt Petersburg zeitweise unter der Maske eines ‚Prince Ozay‘ auf. Ob und in welchem Umfang diese Rolle tatsächlich Zugang zu höfischen Kreisen eröffnete, bleibt quellenkritisch zu prüfen.“

4. Julia Ostrowska – Gurdjieffs Ehefrau

Gurdjieff war mit Julia Osipowna Ostrowska verheiratet. In manchen Darstellungen wird sie als polnische Gräfin oder Hofdame bezeichnet; andere Quellen sind vorsichtiger oder widersprechen dieser adeligen Einordnung. Eine Gurdjieff-nahe Archivseite nennt ausdrücklich, dass über ihre Herkunft wenig Sicheres bekannt sei: Manche hätten sie für eine Gräfin gehalten, andere für eine Frau einfacher Herkunft. Eine weitere Quelle gibt sie sogar als Tochter eines Bauern aus dem Gouvernement Witebsk wieder. Auch hier ist also Zurückhaltung angebracht.

Für unser Forum wäre gerade diese Frage genealogisch interessant: Lässt sich Julia Ostrowskas Herkunft in polnischen, russischen oder kirchlichen Quellen eindeutig nachweisen? Und gehört sie tatsächlich zu einer adligen Familie Ostrowski/Ostrowska – oder handelt es sich um eine spätere Zuschreibung?

5. P. D. Ouspensky – Schüler, Intellektueller, aber Adel?

Pjotr Demjanowitsch Ouspensky zählt zu den bekanntesten Schülern Gurdjieffs und wurde später selbst zu einem wichtigen Vermittler des sogenannten „Vierten Weges“. Er stammte aus Moskau, sein Vater war Offizier bzw. Beamter im Vermessungsdienst, seine Mutter künstlerisch gebildet. Die geprüften Kurzbiografien sprechen vor allem von russischer Intelligenzija bzw. gebildeter Elite. Ein gesicherter Adelsnachweis ließ sich aus den herangezogenen Quellen bislang nicht ableiten.

Daher sollte man die Aussage „Ouspensky war russischer Adel“ vorerst als Prüfpunkt behandeln.

6. Dr. Leonid de Stjernvall – finnisch-baltischer Adelsbezug

Besser greifbar erscheint der Fall des Arztes Leonid Stjoernval / Stjernvall / de Stjernvall. Er gehörte zu Gurdjieffs frühen Schülern in Sankt Petersburg und war später mit der Gruppe auf dem Weg durch Revolution und Bürgerkrieg verbunden. Eine Gurdjieff-nahe Archivseite verweist auf genealogische Angaben, wonach Stjernvall in Nachkommenlisten des finnischen Ritterhauses erscheint. Damit ergibt sich hier ein besonders interessanter Anschluss an die finnisch-schwedische Adelsgenealogie.

Zusammenfassung

Das Buch Expeditionen ins Wunderbare ist nicht nur für Leserinnen und Leser interessant, die sich mit Gurdjieff beschäftigen. Es öffnet auch ein Fenster in jene Welt, in der sich vor 1917 russische Aristokratie, baltisch-deutsche Familien, künstlerische Avantgarde, Offiziersmilieu, spirituelle Suchbewegungen und die Katastrophenerfahrung der Revolution berührten.

Gerade Thomas und Olga de Hartmann stehen exemplarisch für eine Generation, die aus kultivierten, wohlhabenden und gesellschaftlich angesehenen Verhältnissen kam und durch Krieg, Revolution und Emigration vollständig entwurzelt wurde. Aus genealogischer Sicht reizvoll sind dabei vor allem die offenen Fragen nach Herkunft, Stand, Heiratskreisen und Netzwerken.

Offene Fragen an das Forum
  • Lässt sich die Familie de Hartmann / Gartman / Hartmann im russischen Adel oder in deutsch-baltischen Zusammenhängen genauer genealogisch fassen?
  • Gibt es belastbare Nachweise zur Verbindung Thomas de Hartmanns mit dem Philosophen Eduard von Hartmann über die Familie?
  • Ist Julia Ostrowska genealogisch sicher identifizierbar? War sie tatsächlich eine Gräfin Ostrowska, eine Hofdame, oder handelt es sich um eine spätere Legende?
  • Welche Quellen gibt es zur Episode „Prince Ozay“? Ist sie ausschließlich über Paul Dukes und spätere Gurdjieff-Biografen greifbar?
  • Lässt sich bei P. D. Ouspensky ein adeliger Status nachweisen, oder ist hier eher von russischer Intelligenzija bzw. gehobenem Bildungsbürgertum zu sprechen?
  • Hat jemand Zugriff auf finnische Adelsmatrikel oder genealogische Literatur zur Familie Stjernvall / Stjoernval?
  • Sind im Buch selbst weitere adelige oder heraldisch interessante Personen genannt, die man systematisch erfassen sollte?

Quellen und weiterführende Hinweise
Hinweis: Ein beigefügtes PDF oder Text-Bild lag mir hier nicht sichtbar vor. Die obigen Angaben beruhen daher auf dem genannten Buchhinweis, dem Klappentext und öffentlich zugänglichen Online-Quellen. Besonders die adeligen Zuschreibungen zu Gurdjieff/Ozay, Julia Ostrowska und Ouspensky sollten noch durch Primärquellen oder genealogische Literatur überprüft werden.
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