6. August 2026 | Der Orden, der bis heute Internatsschulen unterhält
- Carlo
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6. August 2026 | Der Orden, der bis heute Internatsschulen unterhält
2 Wochen 5 Tage herSchülerinnen der Maison d’éducation de la Légion d’honneur durchqueren den historischen Kreuzgang der ehemaligen königlichen Abtei von Saint-Denis. In den alten Klostergebäuden befindet sich heute eines der beiden öffentlichen Internate, die der Großkanzlei der Ehrenlegion unterstehen.
Foto: Grande Chancellerie de la Légion d’honneur / Laurence von der Weid
Der Orden, der bis heute Internatsschulen unterhält
Es gibt Orden, deren Wirken sich heute vor allem in feierlichen Zeremonien, historischen Insignien und umfangreichen Archiven zeigt. Die französische Ehrenlegion besitzt darüber hinaus jedoch eine Einrichtung, die im europäischen Ordenswesen nahezu einzigartig ist: Sie unterhält bis heute eigene öffentliche Internatsschulen.
Ihre Geschichte begann am 15. Dezember 1805. Nur wenige Tage nach dem französischen Sieg bei Austerlitz unterzeichnete Napoleon im Schloss Schönbrunn ein Dekret zur Errichtung von Erziehungshäusern für die Töchter ziviler und militärischer Mitglieder der Légion d’honneur.
Das Ziel bestand darin, den jungen Frauen durch Erziehung, Bildung und Charakterbildung eine, wie es später in den Statuten formuliert wurde, „würdige und unabhängige Existenz“ zu ermöglichen.
Das damalige Bildungsideal war selbstverständlich noch stark von den gesellschaftlichen Vorstellungen des frühen 19. Jahrhunderts geprägt. Dennoch war die staatlich organisierte Ausbildung von Mädchen keineswegs selbstverständlich. Die Gründung verband die Auszeichnung verdienter Männer mit einer dauerhaften sozialen Fürsorge für deren Familien.
Die erste Schule im Schloss Écouen
Die erste Maison d’éducation wurde 1807 im Renaissance-Schloss Écouen nördlich von Paris eröffnet. Ihre Leitung übernahm Henriette Campan, meist Madame Campan genannt.
Sie war vor der Revolution unter anderem Kammerfrau der französischen Königin Marie-Antoinette gewesen und hatte sich später als Erzieherin und Leiterin einer angesehenen Mädchenschule einen Namen gemacht.
In Écouen lebten zunächst mehrere hundert Schülerinnen. Neben Lesen, Schreiben, Geschichte und Mathematik wurden Musik, Zeichnen, Handarbeiten und Haushaltsführung unterrichtet. Das Bildungsprogramm sollte die Mädchen sowohl auf ihre gesellschaftliche Stellung als auch auf ein möglichst selbstständiges Leben vorbereiten.
Die Schule von Écouen bestand – mit Unterbrechungen – bis 1962. Das Schloss beherbergt heute das französische Nationalmuseum der Renaissance, befindet sich jedoch weiterhin im Eigentum der Ehrenlegion.
Saint-Denis: Schule in einer königlichen Abtei
Die zweite Maison d’éducation wurde in der ehemaligen königlichen Abtei von Saint-Denis eingerichtet. Napoleon ordnete ihre Errichtung 1809 an; der Unterricht begann 1812.
Die Gebäude liegen unmittelbar neben der berühmten Basilika von Saint-Denis, der traditionellen Grablege der französischen Könige. Der weitläufige Kreuzgang, die historischen Speisesäle, die ehemaligen Abteigebäude und der große Park bilden bis heute den außergewöhnlichen Rahmen des Schul- und Internatslebens.
Damit begegnen sich an diesem Ort mehrere Schichten französischer Geschichte: das mittelalterliche und frühneuzeitliche Königtum, die Französische Revolution, das napoleonische Kaiserreich und die moderne Republik.
Zwei Schulen bestehen bis heute
Von den ursprünglich geplanten beziehungsweise später eingerichteten Erziehungshäusern bestehen heute noch zwei:
- Les Loges in Saint-Germain-en-Laye: ein Collège für Schülerinnen der französischen Klassenstufen sechs bis neun;
- Saint-Denis:ein Lycée mit Oberstufe sowie literaturwissenschaftlichen Vorbereitungsklassen und einem Ausbildungsgang für internationalen Handel.
Beide Einrichtungen sind keine privaten Ordens- oder Eliteschulen, sondern öffentliche französische Bildungseinrichtungen. Sie stehen unter der Autorität des Großkanzlers der Ehrenlegion und werden durch die Grande Chancellerie verwaltet.
Die Lehrkräfte sind dem französischen Bildungsministerium zugeordnet beziehungsweise an die Schulen abgeordnet. Der Unterricht folgt den staatlichen Lehrplänen. Hinzu kommen das Leben im Internat, kleinere Klassen, betreute Lernzeiten, eine verpflichtende Schulkleidung und besondere Traditionen der Ehrenlegion.
Nach den gegenwärtigen Angaben besuchen die beiden Einrichtungen insgesamt annähernd tausend Schülerinnen und Studentinnen:
- 481 Schülerinnen im Collège,
- 441 Schülerinnen im Lycée,
- 67 Studentinnen in den weiterführenden Ausbildungsgängen.
Wer darf sich bewerben?
Die Aufnahme steht grundsätzlich den Töchtern, Enkelinnen und Urenkelinnen französischer oder ausländischer Träger folgender Auszeichnungen offen:
- der Légion d’honneur,
- der Médaille militaire,
- des Ordre national du Mérite.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die ausgezeichnete Person ein Mann oder eine Frau war. Auch die Nachfahrinnen ausländischer Ordensträgerinnen und Ordensträger können grundsätzlich zugelassen werden.
Die Abstammung von einer ausgezeichneten Person begründet allerdings keinen automatischen Anspruch auf einen Schulplatz. Sie eröffnet zunächst nur die Möglichkeit, eine Bewerbung einzureichen.
Bei der Auswahl werden unter anderem berücksichtigt:
- die bisherigen schulischen Leistungen,
- die Motivation der Bewerberin,
- ihre Bereitschaft zum Leben im Internat,
- die familiäre Situation,
- finanzielle oder soziale Schwierigkeiten,
- eine größere geografische Entfernung vom Elternhaus.
Die Schulen verbinden damit bis heute Leistungsanforderungen mit einem ausdrücklich sozialen Auftrag.
Wenn eine Auszeichnung über Generationen weiterwirkt
Eine Ehrenlegion am Revers einer Urgroßmutter oder eines Urgroßvaters entscheidet somit nicht darüber, welche Schule eine junge Frau besuchen wird. Sie kann aber noch mehrere Generationen später die Tür zu einer besonderen Bildungsmöglichkeit öffnen.
Darin liegt eine bemerkenswerte Besonderheit dieser Institution.
Die Légion d’honneur zeichnet nicht nur persönliche Verdienste um Frankreich aus. Durch ihre Erziehungshäuser wirkt sie mittelbar auch auf die Familien der Ausgezeichneten und auf deren Nachkommen ein.
Aus einer 1805 gestifteten Fürsorgeeinrichtung wurden moderne öffentliche Schulen. Uniformen, Zeremonien und historische Gebäude erinnern weiterhin an ihre napoleonischen Ursprünge. Unterricht, Bildungsabschlüsse und pädagogische Zielsetzungen gehören jedoch vollständig zur französischen Gegenwart.
So bewahrt die Ehrenlegion nicht nur Orden, Urkunden und Traditionen. Sie unterhält bis heute Schulen, in denen beinahe tausend junge Frauen lernen, leben und sich auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten.
Quellen und weiterführende Informationen
- Grande Chancellerie de la Légion d’honneur: Les maisons d’éducation de la Légion d’honneur.
- Grande Chancellerie de la Légion d’honneur: Les spécificités des maisons d’éducation.
- Archives de la Grande Chancellerie: La maison d’éducation d’Écouen.
- Grande Chancellerie de la Légion d’honneur: La maison d’éducation de Saint-Denis.
- Code de la Légion d’honneur, de la Médaille militaire et de l’Ordre national du Mérite, Artikel R121 bis R127.
- Fondation Napoléon: Les Maisons d’éducation de la Légion d’honneur.
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