Jutta von Broesigke (1869–1930)
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Jutta von Broesigke (1869–1930)
2 Wochen 2 Tage her
Eine alte Wiener Atelierphotographie gibt Anlass, die etwas verworrene Geschichte des österreichischen Zweiges der Familie von Broesigke näher zu betrachten.
Auf der Rückseite des bei Dr. Szekely, Wien I., Elisabethstraße 2, aufgenommenen Porträts steht eigenhändig:
Das Datum ist bemerkenswert: Am 30. Jänner 1894 heiratete Juttas Bruder Egon von Broesigke in Wien Katharine Haupt von Hoechstatten, Tochter des k. u. k. Generalkonsuls in Athen Joseph Ritter Haupt von Hoechstatten. Das Bild dürfte daher sehr wahrscheinlich als Erinnerung an diese Hochzeit verschenkt worden sein.
Wer war Jutta?
Die genealogischen Daten ergeben:
Damit lässt sich auch eine bisherige Vermutung eindeutig ausräumen:
Sophie und Jutta waren nicht dieselbe Person.
Das beweist der beigefügte Bericht des Pester Lloyd vom 22. Jänner 1881. Darin wird über das Verschwinden der fünfzehnjährigen Sophie Brösigke berichtet und ausdrücklich mitgeteilt, ihre
habe Sophie in der Wiener Inneren Stadt gesehen.
Jutta war damals zwölf, Sophie fünfzehn Jahre alt – die Zeitungsnachricht stimmt somit ausgezeichnet mit den genealogischen Daten überein.
Der Wiener Skandal von 1881
Die Geschichte um Sophie beschäftigte Anfang 1881 offenbar über Wochen die Presse. Noch gravierender wurde die Sache im März und April.
Das Neuigkeits-Welt-Blatt berichtete am 13. April 1881 unter der Überschrift „Die freiherrliche Familie Brösigke“, Bruno von Broesigke sei beschuldigt worden, im Gasthaus „zum Sieb“ in der Paniglgasse Bestecke und Servietten entwendet sowie mehr Getränke und Gebäck konsumiert zu haben, als bezahlt worden waren.
Die Untersuchung wurde auch auf seine Ehefrau Natalie und Tochter Sophie ausgedehnt. Nach Überweisung der Sache an das Bezirksgericht Wieden fand am 11. April die Verhandlung statt.
Das Blatt nennt als Ergebnis:
Damit ist der vielfach erwähnte „Broesigke-Skandal“ von 1881 tatsächlich zeitgenössisch belegbar. Einen verlässlichen Nachweis darüber, wie eine allfällige Berufung ausging oder ob tatsächlich ein formelles adelsrechtliches Verfahren eingeleitet wurde, konnte ich bislang nicht feststellen.
Baron, Freiherr – oder nur „von Broesigke“?
Hier liegt der eigentlich interessante adelsrechtliche Punkt.
Die Familie von Broesigke ist ein altes altmärkisches Uradelsgeschlecht. Das Jahrbuch des Deutschen Adels von 1896 führt sie auf S. 352 ff. schlicht als von Broesigke. Auch für eine generelle förmliche Erhebung der Familie in den Freiherrenstand ist bislang kein entsprechender Rechtsakt nachgewiesen.
Andererseits lässt sich der tatsächliche Gebrauch des Baronstitels keineswegs leugnen.
Bereits die Wiener Zeitungen von 1881 sprechen ganz selbstverständlich von
Noch weiter geht Jutta selbst: Auf der vorliegenden Photographie bezeichnet sie sich 1894 ausdrücklich als
„Jutta Reichsfreiin v. Broesigke“.
Auch die österreichische Partezettelsammlung kennt später:
Das ist ein interessanter Unterschied zwischen tatsächlichem gesellschaftlichem Titelgebrauch und nachweisbarer adelsrechtlicher Standeserhöhung.
Nach dem derzeitigen Quellenstand erscheint daher die Formulierung
„Jutta von Broesigke, die in Österreich die Bezeichnung ‚Reichsfreiin‘ führte“
genealogisch sauberer als die vorbehaltlose Einordnung der Familie als reichsfreiherrlich.
Die Mutter: Rauecker Edle von Lilienheim
Auch die Bezeichnung „Natalie von Lilienheim“ lässt sich präzisieren.
Das Österreichische Staatsarchiv verzeichnet:
Ignaz Leonhard Rauecker, Hofequipagen-Inspektor,
Adelsstand mit dem Prädikat „Edler von Lilienheim“,
29. März 1805.
Der vollständige Familienname lautete daher Rauecker Edler von Lilienheim.
Natalie Anna Sophie Rauecker Edle von Lilienheim wurde am 24. Jänner 1831 in Wien geboren und am folgenden Tag bei St. Stephan getauft. Ihre Eltern waren Joseph Ignaz bzw. Joseph Leonard Constantin Rauecker Edler von Lilienheim und Sophie Edle von Feistmantl.
Die Eltern heirateten nach dem Brünner Matrikel am 15. Februar 1830 in St. Jakob zu Brünn.
Matriken- und Quellenhinweise
Fazit
Das kleine Porträt liefert letztlich einen bemerkenswerten Baustein zur Familiengeschichte: Jutta von Broesigke ist eindeutig als eigenständige Schwester der Sophie nachweisbar und bezeichnete sich 1894 eigenhändig als „Reichsfreiin“.
Gerade dieser Titelgebrauch ist historisch besonders reizvoll: gesellschaftlich und innerhalb des österreichischen Familienzweiges offenbar fest etabliert, genealogisch über Jahrzehnte nachweisbar – eine förmliche Erhebung der Broesigke in den Freiherren- oder Reichsfreiherrenstand ist dagegen bislang nicht belegt.
Damit ist das Stück nicht nur ein Porträt Juttas, sondern zugleich ein kleines adelsrechtliches Zeitdokument aus dem Wien der späten Monarchie.
Quellen: Matriken von St. Stephan, Wieden, Währing, Grinzing und Neulerchenfeld; Mährisches Landesarchiv Brünn; Österreichisches Staatsarchiv, Adelsarchiv; Pester Lloyd, 22.01.1881; Neuigkeits-Welt-Blatt, 13.04.1881; Jahrbuch des Deutschen Adels 1896; Gothaische Genealogische Taschenbücher; Partezettelsammlung des Oberösterreichischen Landesarchivs.
Auf der Rückseite des bei Dr. Szekely, Wien I., Elisabethstraße 2, aufgenommenen Porträts steht eigenhändig:
Zur freundlichen Erinnerung an den 30. Jänner 1894.
Jutta Reichsfreiin v. Broesigke
Das Datum ist bemerkenswert: Am 30. Jänner 1894 heiratete Juttas Bruder Egon von Broesigke in Wien Katharine Haupt von Hoechstatten, Tochter des k. u. k. Generalkonsuls in Athen Joseph Ritter Haupt von Hoechstatten. Das Bild dürfte daher sehr wahrscheinlich als Erinnerung an diese Hochzeit verschenkt worden sein.
Wer war Jutta?
Die genealogischen Daten ergeben:
- Jutta von Broesigke, * 1. Jänner 1869 Wien, † 9. Oktober 1930 Hollabrunn, ledig.
- Vater: Bruno von Broesigke, * 11. Jänner 1834, † 12. Jänner 1915.
- Mutter: Natalie Anna Sophie Rauecker Edle von Lilienheim, * 24. Jänner 1831 Wien, † 19. März 1915 Obernalb.
- Eltern verheiratet am 20. Mai 1862 in Wien, St. Stephan.
- Geschwister u. a.: Sophie (* 30. November 1865), Egon (* 9. Juli 1867) und Jutta (* 1869).
Damit lässt sich auch eine bisherige Vermutung eindeutig ausräumen:
Sophie und Jutta waren nicht dieselbe Person.
Das beweist der beigefügte Bericht des Pester Lloyd vom 22. Jänner 1881. Darin wird über das Verschwinden der fünfzehnjährigen Sophie Brösigke berichtet und ausdrücklich mitgeteilt, ihre
„jüngere Schwester der Verschwundenen, Baronesse Jutta“
habe Sophie in der Wiener Inneren Stadt gesehen.
Jutta war damals zwölf, Sophie fünfzehn Jahre alt – die Zeitungsnachricht stimmt somit ausgezeichnet mit den genealogischen Daten überein.
Der Wiener Skandal von 1881
Die Geschichte um Sophie beschäftigte Anfang 1881 offenbar über Wochen die Presse. Noch gravierender wurde die Sache im März und April.
Das Neuigkeits-Welt-Blatt berichtete am 13. April 1881 unter der Überschrift „Die freiherrliche Familie Brösigke“, Bruno von Broesigke sei beschuldigt worden, im Gasthaus „zum Sieb“ in der Paniglgasse Bestecke und Servietten entwendet sowie mehr Getränke und Gebäck konsumiert zu haben, als bezahlt worden waren.
Die Untersuchung wurde auch auf seine Ehefrau Natalie und Tochter Sophie ausgedehnt. Nach Überweisung der Sache an das Bezirksgericht Wieden fand am 11. April die Verhandlung statt.
Das Blatt nennt als Ergebnis:
- Bruno von Broesigke – 14 Tage Arrest,
- Natalie von Broesigke – 8 Tage Arrest,
- Sophie von Broesigke – 3 Tage Arrest.
Damit ist der vielfach erwähnte „Broesigke-Skandal“ von 1881 tatsächlich zeitgenössisch belegbar. Einen verlässlichen Nachweis darüber, wie eine allfällige Berufung ausging oder ob tatsächlich ein formelles adelsrechtliches Verfahren eingeleitet wurde, konnte ich bislang nicht feststellen.
Baron, Freiherr – oder nur „von Broesigke“?
Hier liegt der eigentlich interessante adelsrechtliche Punkt.
Die Familie von Broesigke ist ein altes altmärkisches Uradelsgeschlecht. Das Jahrbuch des Deutschen Adels von 1896 führt sie auf S. 352 ff. schlicht als von Broesigke. Auch für eine generelle förmliche Erhebung der Familie in den Freiherrenstand ist bislang kein entsprechender Rechtsakt nachgewiesen.
Andererseits lässt sich der tatsächliche Gebrauch des Baronstitels keineswegs leugnen.
Bereits die Wiener Zeitungen von 1881 sprechen ganz selbstverständlich von
- „Baron Bruno Brösigke“,
- „Baronin Natalie“,
- „Baronesse Sophie“ und
- „Baronesse Jutta“.
Noch weiter geht Jutta selbst: Auf der vorliegenden Photographie bezeichnet sie sich 1894 ausdrücklich als
„Jutta Reichsfreiin v. Broesigke“.
Auch die österreichische Partezettelsammlung kennt später:
- Bruno von Broesigke-Cammer als „Reichsfreiherr“,
- Natalie als „Reichsfreiin“,
- Jutta von Broesigke als „Reichsfreiin“.
Das ist ein interessanter Unterschied zwischen tatsächlichem gesellschaftlichem Titelgebrauch und nachweisbarer adelsrechtlicher Standeserhöhung.
Nach dem derzeitigen Quellenstand erscheint daher die Formulierung
„Jutta von Broesigke, die in Österreich die Bezeichnung ‚Reichsfreiin‘ führte“
genealogisch sauberer als die vorbehaltlose Einordnung der Familie als reichsfreiherrlich.
Die Mutter: Rauecker Edle von Lilienheim
Auch die Bezeichnung „Natalie von Lilienheim“ lässt sich präzisieren.
Das Österreichische Staatsarchiv verzeichnet:
Ignaz Leonhard Rauecker, Hofequipagen-Inspektor,
Adelsstand mit dem Prädikat „Edler von Lilienheim“,
29. März 1805.
Der vollständige Familienname lautete daher Rauecker Edler von Lilienheim.
Natalie Anna Sophie Rauecker Edle von Lilienheim wurde am 24. Jänner 1831 in Wien geboren und am folgenden Tag bei St. Stephan getauft. Ihre Eltern waren Joseph Ignaz bzw. Joseph Leonard Constantin Rauecker Edler von Lilienheim und Sophie Edle von Feistmantl.
Die Eltern heirateten nach dem Brünner Matrikel am 15. Februar 1830 in St. Jakob zu Brünn.
Matriken- und Quellenhinweise
- Wien, St. Stephan, Trauungsbuch 02-089, Bild 374:
Bruno von Broesigke × Natalie Rauecker Edle von Lilienheim, 20.05.1862.
- Wien, St. Stephan, Taufbuch 01-111, Bild 210:
Natalia Anna Sophie Rauecker von Lilienheim, * 24.01.1831.
- Wien, St. Stephan, Taufbuch 01-111, Bild 304:
Alfred Carl Rauecker von Lilienheim, * 18.02.1832.
- Brünn, St. Jakob:
Joseph Ignaz bzw. Leonard Constantin Rauecker Edler von Lilienheim ×
Sophia Anna Franziska Klara Edle von Feistmantl,
15.02.1830.
- Brünn, St. Jakob:
Vincenz Ritter von Feistmantel, † 07.02.1821, 63 Jahre.
- Brünn, St. Jakob:
Sophia Edle von Feistmantel, † 02.08.1830, 61 Jahre.
- Wien, Wieden, Sterbebuch 03-23, Bild 205:
Sophie Rauecker von Lilienheim, † 25.03.1881.
- Wien, St. Stephan, Taufbuch 01-112, Bild 55:
Gustav Franz Joseph Rauecker von Lilienheim, * 08.08.1833.
- Karlsbad:
Gustav Rauecker von Lilienheim, † 06.06.1877;
zusätzlich zeitgenössische Todesmeldung vom 30.09.1877.
- Wien, Grinzing, Taufbuch 01-03, Bild 113:
Hortensia Franziska Sophie Natalia Rauecker von Lilienheim,
* 16.07.1839.
- Wien:
Hortensia Rauecker von Lilienheim, † 13.12.1861;
zeitgenössische Todesmeldung vom 17.12.1861.
- Wien, Währing, Sterbebuch 03-17, Bild 42:
Alfred Rauecker von Lilienheim, † 29.01.1895.
- Wien, St. Stephan, Taufbuch 01-115, Bild 5:
Florentine Ida Krauß, * 11.01.1848.
- Wien, Neulerchenfeld, Sterbebuch 03-61, Bild 133:
Flora Rauecker von Lilienheim, † 05.02.1919.
Fazit
Das kleine Porträt liefert letztlich einen bemerkenswerten Baustein zur Familiengeschichte: Jutta von Broesigke ist eindeutig als eigenständige Schwester der Sophie nachweisbar und bezeichnete sich 1894 eigenhändig als „Reichsfreiin“.
Gerade dieser Titelgebrauch ist historisch besonders reizvoll: gesellschaftlich und innerhalb des österreichischen Familienzweiges offenbar fest etabliert, genealogisch über Jahrzehnte nachweisbar – eine förmliche Erhebung der Broesigke in den Freiherren- oder Reichsfreiherrenstand ist dagegen bislang nicht belegt.
Damit ist das Stück nicht nur ein Porträt Juttas, sondern zugleich ein kleines adelsrechtliches Zeitdokument aus dem Wien der späten Monarchie.
Quellen: Matriken von St. Stephan, Wieden, Währing, Grinzing und Neulerchenfeld; Mährisches Landesarchiv Brünn; Österreichisches Staatsarchiv, Adelsarchiv; Pester Lloyd, 22.01.1881; Neuigkeits-Welt-Blatt, 13.04.1881; Jahrbuch des Deutschen Adels 1896; Gothaische Genealogische Taschenbücher; Partezettelsammlung des Oberösterreichischen Landesarchivs.
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