Miszellen | Die Familie von SCHULLERN im Spiegel der Tiroler Presse 1849 - 1870
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Miszellen | Die Familie von SCHULLERN im Spiegel der Tiroler Presse 1849 - 1870
2 Wochen 4 Tage her - 2 Wochen 4 Tage her
Die Familie von Schullern zu Schrattenhofen im Spiegel der Tiroler Presse 1849–1870
Zeitungsmeldungen gehören zu den reizvollsten, zugleich aber auch anspruchsvollsten Quellen der Familien- und Regionalgeschichte. Beförderungen, Eheschließungen, Todesfälle, Vorträge, Vereinsämter, Spenden und öffentliche Auseinandersetzungen lassen aus einzelnen Meldungen ein vielschichtiges Bild einer Familie und ihrer Zeit entstehen. Die nachstehende Chronik folgt den überlieferten Nachrichten über Angehörige der Familie von Schullern zu Schrattenhofen und ordnet sie in die Geschichte Tirols und der österreichischen Monarchie ein.
Grundlage ist eine umfangreiche Zusammenstellung von Meldungen aus der Innsbrucker Zeitung, den Innsbrucker Nachrichten, dem Innsbrucker Tagblatt, der Tiroler Schützen-Zeitung und den Neuen Tiroler Stimmen.
1849–1855: Beamtenlaufbahnen in einer Zeit des staatlichen Umbruchs
Die früheste Nachricht stammt vom 21. Dezember 1849. Johann von Schullern wird unter den Konzipisten der Statthalterei in Innsbruck angeführt. Ein Konzipist war ein juristisch vorgebildeter Beamter, der Entwürfe, Bescheide und Verwaltungsschriftstücke ausarbeitete. Seine Stellung erscheint zunächst bescheiden, setzte aber eine entsprechende Ausbildung voraus und eröffnete den Weg zu einer höheren Beamtenlaufbahn.
Am 3. August 1850 spendete Josef von Schullern für Schleswig-Holstein einen Gulden und zwölf Kreuzer in Silber. Solche Spendenlisten waren keineswegs bloße gesellschaftliche Nebensachen. Sie zeigen, wie stark politische Konflikte außerhalb Tirols bereits in die regionale Öffentlichkeit hineinwirkten. Die Schleswig-Holstein-Frage wurde in weiten Teilen des Deutschen Bundes als nationale Angelegenheit verstanden. Die Spende ist daher ein früher Hinweis auf jene Verbindung von Tiroler Landesbewusstsein und deutscher kultureller Solidarität, die in späteren Meldungen noch deutlicher hervortritt.
Im Februar 1854 wurde in der Innsbrucker Stadtpfarre St. Jakob die Ehe zwischen dem Juristen Ludwig von Klebelsberg und Maria von Schullern zu Schrattenhofen verkündet. Eheverkündigungen sind für die genealogische Forschung besonders wertvoll: Sie nennen nicht nur Braut und Bräutigam, sondern häufig auch Stand, Herkunft, Beruf und Pfarrzugehörigkeit.
Nur wenige Wochen später wurde Johann Ritter von Schullern vom Tiroler Statthalter Cajetan Graf von Bissingen-Nippenburg zum systemisierten Konzipisten ernannt. Die Bezeichnung „systemisiert“ bedeutete, dass es sich um eine im amtlichen Stellenplan dauerhaft vorgesehene und besoldete Position handelte.
Johann von Schullern konnte diese Beförderung jedoch nur kurze Zeit genießen. Er starb am 28. Februar 1855 in Innsbruck an einer Lungenentzündung. Die Todesnachricht bezeichnet ihn als verwitweten k. k. Statthalterei-Konzipisten und nennt seine Wohnung am Franziskanergraben Nr. 248. Damit enthält die Zeitung zugleich eine biographische, berufsgeschichtliche und topographische Information.
Weitere kurze Ankunftsmeldungen aus dem Jahr 1855 dokumentieren die Mobilität der Familie: Eine unverheiratete Angehörige kam aus Trient nach Innsbruck, ein Ritter von Schullern wurde als Doktorand der Rechte aus Bregenz gemeldet. Solche Notizen aus den Fremdenlisten können helfen, Ausbildungswege, Aufenthalte und verwandtschaftliche Kontakte nachzuzeichnen.
1856–1860: Anton von Schullern – Lehrer, Dichter und Soldat
Am 9. Februar 1856 trat Anton Ritter von Schullern erstmals als öffentlicher Vortragender im Ferdinandeum hervor. Sein Thema lautete:
Der Vortrag zeigt den damals erst 24-Jährigen bereits als literarisch interessierten Pädagogen. Öffentliche Vorlesungen im Ferdinandeum waren ein wichtiger Bestandteil des Innsbrucker Bildungslebens. Das Museum war nicht nur eine Sammlung historischer und naturkundlicher Gegenstände, sondern zugleich ein gesellschaftliches und wissenschaftliches Forum.
1859 begegnet uns Anton von Schullern in einer völlig anderen Rolle. Als Leutnant einer Innsbrucker Schützenkompanie führte er einen Zug im Grenzraum bei Lodrone und Monte Macao. In der Nacht waren österreichisch-tirolische Vorposten mit feindlichen Patrouillen in ein Feuergefecht geraten.
Der Einsatz stand im Zusammenhang mit dem Krieg Österreichs gegen das Königreich Sardinien-Piemont und Frankreich. Während die großen Entscheidungen bei Magenta und Solferino fielen, bestand auch an Tirols südlicher Grenze die Gefahr militärischer Vorstöße. Anton von Schullerns Biographie verbindet somit den literarisch gebildeten Gymnasiallehrer mit der Tradition der Tiroler Landesverteidigung. Seine Teilnahme am Feldzug von 1859 wird auch in späteren biographischen Darstellungen ausdrücklich erwähnt.
Im März 1860 hielt Schullern im Ferdinandeum einen mehrteiligen Vortragszyklus „Über altdeutsche Frauen“. Die Ankündigungen, Verschiebungen und schließlich der Abschluss des Zyklus lassen erkennen, dass seine Vorlesungen im Innsbrucker Kulturleben einen festen Platz einnahmen.
Im Juli 1860 wurde seine Eheschließung mit Pauline von Finetti, einer Güterbesitzerstochter aus Gnigl bei Salzburg, verkündet. Die Trauung erfolgte nach genealogischen Angaben am 13. August 1860. In späteren Darstellungen begegnen auch die Namensformen Paula beziehungsweise Paola Dorothea. Für eine abschließende Klärung sollte daher der kirchliche Trauungseintrag von Gnigl herangezogen werden; in der zeitgenössischen Innsbrucker Eheverkündigung ist jedenfalls „Pauline“ überliefert.
1863–1865: Bürgerliches Engagement, Tiroler Landesbewusstsein und deutsche Nationalbewegung
1863 erscheint Anton von Schullern mehrfach im Zusammenhang mit Innsbrucker Wählerversammlungen. Er gehörte zu den Kandidaten für den Bürgerausschuss der Landeshauptstadt. Damit trat er neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Schriftsteller auch als politisch engagierter Bürger hervor.
Im selben Jahr beging Tirol den 500. Jahrestag seiner Verbindung mit dem Haus Österreich. Ausgangspunkt war die Übertragung Tirols durch Margarethe „Maultasch“ an Herzog Rudolf IV. von Österreich im Jahr 1363. Anton von Schullern stiftete für das große Landes-, Fest- und Freischießen ein Paar Doppelterzerole. Josef Ritter von Schullern übergab eine große silberne Denkmünze. Die Schützenfeste verbanden sportlichen Wettbewerb, historische Erinnerung, Landespatriotismus und Treue zum Kaiserhaus.
Nur wenige Wochen später gedachte man der Völkerschlacht bei Leipzig vom Oktober 1813. Anton von Schullern, damals Vorstand des Innsbrucker Turnvereins, hielt eine schwungvolle Ansprache. Er erinnerte an den Tiroler Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft und schloss mit einem Hoch auf Deutschlands Zukunft.
Aus heutiger Sicht ist dabei Vorsicht geboten: Der Begriff „Deutschland“ bezeichnete 1863 nicht den erst 1871 gegründeten deutschen Nationalstaat. Österreich gehörte noch zum Deutschen Bund und beanspruchte eine führende Stellung innerhalb der deutschen Staatenwelt. Tiroler Landespatriotismus, Loyalität zum Haus Habsburg und ein deutsches kulturelles Nationalgefühl konnten daher nebeneinander bestehen. Die Rede Schullerns ist ein eindrucksvolles Beispiel für diese mehrschichtige Identität. Die Leipziger Schlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 galt als entscheidender Sieg der verbündeten Mächte, darunter Österreich, über Napoleon.
Ende 1863 rückte erneut Schleswig-Holstein in den Mittelpunkt. Anton von Schullern unterzeichnete einen Spendenaufruf und wurde Schriftführer des Innsbrucker Hilfsausschusses für Schleswig-Holstein. In dieser Funktion zeichnete er für mehrere Spendenlisten und schließlich für die Abrechnung des Ausschusses verantwortlich.
Als Dänemark und die deutschen Mächte über die staatsrechtliche Stellung Schleswig-Holsteins in Konflikt gerieten, führte dies 1864 zum gemeinsamen Krieg Österreichs und Preußens gegen Dänemark. Der Innsbrucker Hilfsausschuss war Teil einer länderübergreifenden nationalen Mobilisierung, in der Vereine, Zeitungen und private Spender eine bedeutende Rolle spielten. Der Krieg endete mit dem Frieden von Wien vom 30. Oktober 1864 und der Abtretung Schleswig-Holsteins und Lauenburgs durch Dänemark.
Das kulturelle Wirken Schullerns setzte sich gleichzeitig fort. Bei einem Konzert des Innsbrucker Musikvereins wurden im April 1864 drei seiner Gedichte aufgeführt, die František Zdeněk Skuherský für Singstimme und Klavier vertont hatte.
1865 kündigte das Ferdinandeum einen Vortrag Schullerns über den Tiroler Dichter Hermann von Gilm an. Im selben Jahr berichtete die Presse über meisterhaft kolorierte Fotografien eines Künstlers namens Steiner, die am „Schullern’schen Hause neben der Hauptwache“ ausgestellt waren. Diese kleine Meldung eröffnet ein reizvolles Fenster in die Innsbrucker Alltags- und Mediengeschichte: Private Häuser konnten als öffentlich wahrgenommene Ausstellungsorte für die noch junge Kunst der Fotografie dienen.
1866: Eine auffällige Lücke
Für das Jahr 1866 enthält die vorliegende Sammlung keine Nachricht. Diese Stille darf nicht mit tatsächlicher Untätigkeit der Familie verwechselt werden.
Gerade 1866 war für Österreich ein politisches Schlüsseljahr. Nach der Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz schied Österreich aus der engeren deutschen Staatenordnung aus; zugleich ging Venetien verloren. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Die zuvor selbstverständliche Verbindung von österreichischer Staatstreue und deutscher Nationalidee musste danach neu bestimmt werden. Die Quellenlücke ist daher selbst bemerkenswert und sollte durch weitere Zeitungsrecherchen sowie durch Vereins-, Militär- und Personalakten ergänzt werden.
1867–1868: Todesfälle, Museumsarbeit und das Andenken an Hermann von Gilm
1867 brachte der Familie mehrere Verluste. Am 8. Februar starb Josef von Schullern zu Schrattenhofen, pensionierter k. k. Finanzbeamter, im Alter von 68 Jahren. Nur wenige Wochen später, am 28. März, starb Maria von Klebelsberg, geborene von Schullern, in Bruneck an Typhus. Die Zeitung bezeichnete die junge Witwe als allgemein geschätzt und kündigte eine Seelenmesse in der Innsbrucker Servitenkirche an.
Anton von Schullern übernahm unterdessen zunehmend öffentliche und kulturelle Aufgaben. Im April 1867 wurde er zum Sekretär des Ferdinandeums gewählt. Gleichzeitig gehörte er dem Komitee zur Errichtung eines Denkmals für Hermann von Gilm an.
Das Jahr 1867 markierte auch für die Monarchie einen tiefen Einschnitt. Mit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich entstand die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Die Dezemberverfassung schuf im österreichischen Reichsteil eine neue konstitutionelle Ordnung und verankerte wesentliche Grundrechte. Anton von Schullerns Engagement in verfassungsfreundlichen Wahlkomitees, Bildungsvereinen und kulturellen Institutionen ist vor diesem politischen Hintergrund zu sehen.
1868 wurde Schullern erneut zum Sekretär des Ferdinandeums gewählt. Im Herbst erfolgte die Enthüllung des Gilm-Denkmals. Im Dezember wurden die sterblichen Überreste des 1864 in Linz verstorbenen Dichters nach Innsbruck überführt. Bei der Feier wurde ein von Anton von Schullern verfasstes Lied gesungen. Darin verband er die Heimkehr des Dichters mit Bildern der Tiroler Landschaft, der Freiheit und des fortlebenden dichterischen Werkes.
Die Feier führte jedoch zu einer ungewöhnlich heftigen literarischen Auseinandersetzung. Ein zunächst anonymer Zeitungskorrespondent kritisierte Schullerns Gedicht. Anton von Schullern antwortete am 21. Dezember 1868 mit einem scharf formulierten offenen Brief und warf seinem Kritiker persönliche Gehässigkeit und verletzte Dichtereitelkeit vor.
Am folgenden Tag trat der Schriftsteller und Professor Adolf Pichler öffentlich als Verfasser der Kritik hervor. Er bezeichnete das Gedicht als schlecht und aus inhaltlich unwahren Phrasen zusammengesetzt. Zugleich wies er Schullerns persönliche Vorwürfe entschieden zurück.
Schullern schlug daraufhin ein aus Gelehrten zusammengesetztes Ehrengericht vor. Noch bevor dieses zusammentreten konnte, vermittelte Professor Ignaz Vinzenz Zingerle. Am 24. Dezember 1868 wurde bekannt gegeben, der Streit sei in einer für beide Seiten befriedigenden Weise beigelegt worden. Pichler erkannte die pietätvolle Absicht des Gedichtes an und überließ die Beurteilung seines ästhetischen Wertes dem Publikum.
Die Episode ist mehr als eine literarische Kuriosität. Sie zeigt, wie eng im 19. Jahrhundert persönliche Ehre, öffentliche Kritik, Vereinsleben und Presse miteinander verbunden waren. Die Zeitung war nicht nur Nachrichtenmedium, sondern Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte.
1869: Von der Kulturarbeit zur staatlichen Schulaufsicht
Anfang 1869 wurde in der Presse berichtet, dass selbst amerikanische Zeitungen von der Innsbrucker Gilm-Feier Kenntnis genommen und Schullerns Verdienste gewürdigt hätten. Im März übergab er dem Ferdinandeum die Abschrift eines dramatischen Fragments Gilms mit dem Titel „Der Verbannte“. Als Vereinssekretär verlas er außerdem den Verwaltungsbericht bei der Generalversammlung des Museums.
Im Mai 1869 ernannte Unterrichtsminister Leopold Hasner Anton Ritter von Schullern zum provisorischen Bezirksschulinspektor. Sein Aufsichtsgebiet umfasste Teile der Bezirke Kufstein und Meran. Damit geriet Schullern in einen der schärfsten politischen und weltanschaulichen Konflikte Tirols.
Das Gesetz vom 25. Mai 1868 hatte die Beziehungen zwischen Schule und Kirche neu geregelt. Der Religionsunterricht blieb den Kirchen überlassen, die übrigen Unterrichtsgegenstände wurden jedoch der kirchlichen Einflussnahme entzogen. Das Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869 vereinheitlichte das Volksschulwesen, stärkte die staatliche Schulaufsicht und verlängerte die allgemeine Schulpflicht grundsätzlich von sechs auf acht Jahre.
Die ersten Meldungen über Schullerns Inspektionsreisen fielen überwiegend günstig aus. Aus Meran, Brixen, Sterzing und Kufstein wurden gute schulische Leistungen gemeldet. Der Inspektor nahm an Prüfungen teil, besichtigte Schulräume und äußerte sich anerkennend über Lehrer und Schüler.
Am 24. Juni 1869 vertrat er das Ferdinandeum bei der feierlichen Beisetzung Erzherzog Johanns in Schenna. Der populäre Habsburger hatte eine besondere Beziehung zu Tirol und zur Steiermark gepflegt. Seine sterblichen Überreste wurden nach der Fertigstellung des Mausoleums von Graz nach Schenna überführt.
1870: Der Tiroler Schulstreit eskaliert
Im Frühjahr 1870 änderte sich der Ton der Meldungen grundlegend. Bei Schulvisitationen im Burggrafenamt stieß Anton von Schullern auf offenen Widerstand.
In Tscherms holten mehrere Frauen ihre Kinder aus der Schule. In Marling soll ein Katechet die Schüler entlassen haben. In Schenna verweigerte der Ortspfarrer im Einverständnis mit der Gemeindevertretung die Anerkennung der staatlichen Schulinspektion.
Am 21. April 1870 unternahm Schullern gemeinsam mit dem Meraner Bezirkshauptmann einen zweiten Versuch, die Schule von Schenna zu inspizieren. Obwohl die schulpflichtigen Kinder zunächst anwesend waren, erklärte der Pfarrer die staatliche Visitation für verfassungswidrig, gab den Kindern frei und ließ sie das Schulhaus verlassen. Die Amtshandlung musste abgebrochen werden.
Die Bewertung dieser Vorgänge hing stark von der politischen Ausrichtung der jeweiligen Zeitung ab:
Die Presseberichte dürfen daher nicht unkritisch als Tatsachenprotokolle gelesen werden. Das Innsbrucker Tagblatt stand dem liberalen Vereins- und Verfassungswesen nahe, während die Neuen Tiroler Stimmen eine katholisch-konservative Position vertraten. Ihre Berichte zeigen unterschiedliche politische Wirklichkeiten, die aus derselben Amtshandlung konstruiert wurden.
Hinter den persönlichen Auseinandersetzungen stand eine grundsätzliche Frage:
Der Konflikt war somit weder bloß ein Streit um Anton von Schullern noch lediglich eine lokale Unmutsäußerung. Er gehörte zu einem österreichweiten Ringen um das Verhältnis von Kirche und Staat, um die Reichweite zentraler Gesetze und um die Modernisierung des Bildungswesens.
Bemerkenswert ist, dass Schullerns öffentliches Engagement trotz der Widerstände nicht abnahm. Im April 1870 wurde er in den Ausschuss des Tiroler Volksschulvereins gewählt, im Mai zu dessen Vorstand. Der Verein wollte Schulen mit Lehrmitteln ausstatten und bedürftige Kinder mit Kleidung unterstützen. Im Innsbrucker Bürgerausschuss gehörte Schullern außerdem dem Komitee für Kultus und Unterricht an.
Eine Meldung aus Landl zeigt zugleich, dass seine Inspektionsreisen keineswegs überall auf Ablehnung stießen. Dort wurde er mit Böllerschüssen empfangen; Pfarrer, Gemeindevertreter und Ortsbewohner nahmen an der Schulprüfung teil. Schullern äußerte sich anschließend zufrieden über den Zustand der Schule.
Die überlieferte Sammlung endet im Mai 1870 mitten in einer weiteren Erwiderung zur Schulvisitation in Algund und Plars. Der publizistische Streit ist somit in der vorliegenden Abschrift nicht vollständig dokumentiert.
Was diese Zeitungssplitter für die Familiengeschichte leisten
Die Meldungen lassen Anton Ritter von Schullern nicht nur als einzelnen Schriftsteller oder Beamten erkennen. Sie zeigen ihn als Knotenpunkt mehrerer gesellschaftlicher Netzwerke:
Zugleich dokumentieren die Meldungen die Lebenswelt weiterer Familienangehöriger: Beamtenlaufbahnen, juristische Ausbildung, Eheschließungen, Todesfälle, Wohnorte, Reisen, Spenden und Besitzverhältnisse.
Gerade darin liegt der Wert solcher Miszellen. Sie ergänzen die klassische Stammtafel um das gesellschaftliche Leben, das sich zwischen den genealogischen Eckdaten abspielte.
Weiterführende Forschungsansätze
Aus der Zeitungschronik ergeben sich mehrere eigenständige Themen für die regionale Familien- und Kulturgeschichte:
1. Das Schullern’sche Haus neben der Hauptwache (Burggraben 4)
Die Erwähnung der dort ausgestellten kolorierten Fotografien könnte zum Ausgangspunkt einer haus- und besitzgeschichtlichen Untersuchung werden. Über Adressbücher, Kataster, Grundbücher und Bauakten ließe sich feststellen, wo sich das Haus befand, wann es in den Besitz der Familie kam und welche gesellschaftliche Funktion es erfüllte.
2. Zwischen Kaiserloyalität und deutscher Nationalidee
Die Teilnahme am Tiroler Jubiläum von 1863, die Leipziger Gedächtnisfeier und die Schleswig-Holstein-Hilfe erlauben eine Untersuchung der politischen Identitäten des Tiroler Bildungsbürgertums vor und nach 1866. Dabei wäre besonders zu fragen, wie sich das Verhältnis von Tiroler Patriotismus, österreichischer Staatstreue und deutscher Kulturnation veränderte.
3. Das Ferdinandeum als gesellschaftliches Netzwerk
Die Vereinsprotokolle könnten zeigen, welche Aufgaben Anton von Schullern als Sekretär tatsächlich wahrnahm, mit welchen Gelehrten, Beamten und Künstlern er zusammenarbeitete und wie das Museum in die Innsbrucker Stadtgesellschaft eingebunden war.
4. Der Gilm-Kult und die Tiroler Erinnerungskultur
Die Errichtung des Denkmals, die Überführung der sterblichen Überreste, Schullerns Gedicht und der Streit mit Adolf Pichler bieten Material für eine Untersuchung darüber, wie Dichter im 19. Jahrhundert zu regionalen Identifikationsfiguren erhoben wurden.
5. Schule, Kirche und Gemeinde im Jahr 1870
Die Zeitungsberichte sollten mit den Akten der Statthalterei, der Bezirkshauptmannschaft Meran, den Schulvisitationsprotokollen, Pfarrchroniken und Gemeindeprotokollen verglichen werden. Erst eine solche Gegenüberstellung kann klären, was tatsächlich geschah und wie die verschiedenen Parteien die Ereignisse deuteten.
6. Pauline, Paula oder Paola von Finetti?
Die unterschiedlichen Namensformen der Ehefrau Anton von Schullerns zeigen beispielhaft, warum genealogische Angaben aus Zeitungen und späteren biographischen Werken anhand der kirchlichen Originalmatriken geprüft werden müssen.
Quellenkritische Schlussbemerkung
Zeitungen berichten schnell, anschaulich und oft erstaunlich detailreich. Sie nennen Daten, Berufe, Funktionen, Adressen und soziale Beziehungen, die in amtlichen Quellen nicht immer in dieser Form erscheinen. Dennoch sind sie keine unfehlbaren Chroniken.
Besonders politische Korrespondenzen können parteilich, polemisch oder bewusst zugespitzt sein. Anonyme Einsendungen, redaktionelle Kommentare und persönliche Berichtigungen müssen voneinander unterschieden werden. Für einen wissenschaftlichen Nachweis sollten deshalb stets das genaue Erscheinungsdatum, die Seitenzahl und nach Möglichkeit ein Digitalisat der betreffenden Zeitungsseite festgehalten werden.
Aus den verstreuten Zeitungsmeldungen entsteht das Bild einer Familie, deren Angehörige in Verwaltung, Bildungswesen, Militär, Kultur und Vereinsleben Tirols sichtbar waren. Im Mittelpunkt steht Anton Ritter von Schullern zu Schrattenhofen, dessen Lebensweg von den Idealen des gebildeten österreichischen Bürgertums ebenso geprägt war wie von den großen Konflikten seiner Zeit.
Seine Geschichte führt vom Ferdinandeum an die Tiroler Südgrenze, von der Dichterfeier in den kommunalpolitischen Wahlkampf und schließlich in den erbitterten Streit um die staatliche Schulreform. Familiengeschichte wird hier zur Regionalgeschichte – und Regionalgeschichte zugleich zu einem Spiegel der österreichischen Monarchie im Zeitalter zwischen Revolution, Neoabsolutismus und konstitutioneller Neuordnung.
Zeitungsmeldungen gehören zu den reizvollsten, zugleich aber auch anspruchsvollsten Quellen der Familien- und Regionalgeschichte. Beförderungen, Eheschließungen, Todesfälle, Vorträge, Vereinsämter, Spenden und öffentliche Auseinandersetzungen lassen aus einzelnen Meldungen ein vielschichtiges Bild einer Familie und ihrer Zeit entstehen. Die nachstehende Chronik folgt den überlieferten Nachrichten über Angehörige der Familie von Schullern zu Schrattenhofen und ordnet sie in die Geschichte Tirols und der österreichischen Monarchie ein.
Grundlage ist eine umfangreiche Zusammenstellung von Meldungen aus der Innsbrucker Zeitung, den Innsbrucker Nachrichten, dem Innsbrucker Tagblatt, der Tiroler Schützen-Zeitung und den Neuen Tiroler Stimmen.
1849–1855: Beamtenlaufbahnen in einer Zeit des staatlichen Umbruchs
Die früheste Nachricht stammt vom 21. Dezember 1849. Johann von Schullern wird unter den Konzipisten der Statthalterei in Innsbruck angeführt. Ein Konzipist war ein juristisch vorgebildeter Beamter, der Entwürfe, Bescheide und Verwaltungsschriftstücke ausarbeitete. Seine Stellung erscheint zunächst bescheiden, setzte aber eine entsprechende Ausbildung voraus und eröffnete den Weg zu einer höheren Beamtenlaufbahn.
Johann Anton von Schullern (1797–1855), Statthaltereikonzipist in Innsbruck
Diese Meldung fällt in eine Phase tiefgreifender Verwaltungsreformen. Nach der Revolution von 1848 wurden die staatlichen Behörden neu geordnet. Tirol und Vorarlberg erhielten eine modernisierte politische Verwaltung; an die Stelle des früheren Guberniums trat die Statthalterei als oberste Landesbehörde. Die Tätigkeit Johann von Schullerns ist damit unmittelbar mit dem Aufbau des nachrevolutionären österreichischen Verwaltungsstaates verbunden.Am 3. August 1850 spendete Josef von Schullern für Schleswig-Holstein einen Gulden und zwölf Kreuzer in Silber. Solche Spendenlisten waren keineswegs bloße gesellschaftliche Nebensachen. Sie zeigen, wie stark politische Konflikte außerhalb Tirols bereits in die regionale Öffentlichkeit hineinwirkten. Die Schleswig-Holstein-Frage wurde in weiten Teilen des Deutschen Bundes als nationale Angelegenheit verstanden. Die Spende ist daher ein früher Hinweis auf jene Verbindung von Tiroler Landesbewusstsein und deutscher kultureller Solidarität, die in späteren Meldungen noch deutlicher hervortritt.
Im Februar 1854 wurde in der Innsbrucker Stadtpfarre St. Jakob die Ehe zwischen dem Juristen Ludwig von Klebelsberg und Maria von Schullern zu Schrattenhofen verkündet. Eheverkündigungen sind für die genealogische Forschung besonders wertvoll: Sie nennen nicht nur Braut und Bräutigam, sondern häufig auch Stand, Herkunft, Beruf und Pfarrzugehörigkeit.
Nur wenige Wochen später wurde Johann Ritter von Schullern vom Tiroler Statthalter Cajetan Graf von Bissingen-Nippenburg zum systemisierten Konzipisten ernannt. Die Bezeichnung „systemisiert“ bedeutete, dass es sich um eine im amtlichen Stellenplan dauerhaft vorgesehene und besoldete Position handelte.
Johann von Schullern konnte diese Beförderung jedoch nur kurze Zeit genießen. Er starb am 28. Februar 1855 in Innsbruck an einer Lungenentzündung. Die Todesnachricht bezeichnet ihn als verwitweten k. k. Statthalterei-Konzipisten und nennt seine Wohnung am Franziskanergraben Nr. 248. Damit enthält die Zeitung zugleich eine biographische, berufsgeschichtliche und topographische Information.
Weitere kurze Ankunftsmeldungen aus dem Jahr 1855 dokumentieren die Mobilität der Familie: Eine unverheiratete Angehörige kam aus Trient nach Innsbruck, ein Ritter von Schullern wurde als Doktorand der Rechte aus Bregenz gemeldet. Solche Notizen aus den Fremdenlisten können helfen, Ausbildungswege, Aufenthalte und verwandtschaftliche Kontakte nachzuzeichnen.
1856–1860: Anton von Schullern – Lehrer, Dichter und Soldat
Am 9. Februar 1856 trat Anton Ritter von Schullern erstmals als öffentlicher Vortragender im Ferdinandeum hervor. Sein Thema lautete:
Über die Vorzüge schöner äußerer Form in der Poesie.
Der Vortrag zeigt den damals erst 24-Jährigen bereits als literarisch interessierten Pädagogen. Öffentliche Vorlesungen im Ferdinandeum waren ein wichtiger Bestandteil des Innsbrucker Bildungslebens. Das Museum war nicht nur eine Sammlung historischer und naturkundlicher Gegenstände, sondern zugleich ein gesellschaftliches und wissenschaftliches Forum.
1859 begegnet uns Anton von Schullern in einer völlig anderen Rolle. Als Leutnant einer Innsbrucker Schützenkompanie führte er einen Zug im Grenzraum bei Lodrone und Monte Macao. In der Nacht waren österreichisch-tirolische Vorposten mit feindlichen Patrouillen in ein Feuergefecht geraten.
Der Einsatz stand im Zusammenhang mit dem Krieg Österreichs gegen das Königreich Sardinien-Piemont und Frankreich. Während die großen Entscheidungen bei Magenta und Solferino fielen, bestand auch an Tirols südlicher Grenze die Gefahr militärischer Vorstöße. Anton von Schullerns Biographie verbindet somit den literarisch gebildeten Gymnasiallehrer mit der Tradition der Tiroler Landesverteidigung. Seine Teilnahme am Feldzug von 1859 wird auch in späteren biographischen Darstellungen ausdrücklich erwähnt.
Im März 1860 hielt Schullern im Ferdinandeum einen mehrteiligen Vortragszyklus „Über altdeutsche Frauen“. Die Ankündigungen, Verschiebungen und schließlich der Abschluss des Zyklus lassen erkennen, dass seine Vorlesungen im Innsbrucker Kulturleben einen festen Platz einnahmen.
Im Juli 1860 wurde seine Eheschließung mit Pauline von Finetti, einer Güterbesitzerstochter aus Gnigl bei Salzburg, verkündet. Die Trauung erfolgte nach genealogischen Angaben am 13. August 1860. In späteren Darstellungen begegnen auch die Namensformen Paula beziehungsweise Paola Dorothea. Für eine abschließende Klärung sollte daher der kirchliche Trauungseintrag von Gnigl herangezogen werden; in der zeitgenössischen Innsbrucker Eheverkündigung ist jedenfalls „Pauline“ überliefert.
1863–1865: Bürgerliches Engagement, Tiroler Landesbewusstsein und deutsche Nationalbewegung
1863 erscheint Anton von Schullern mehrfach im Zusammenhang mit Innsbrucker Wählerversammlungen. Er gehörte zu den Kandidaten für den Bürgerausschuss der Landeshauptstadt. Damit trat er neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Schriftsteller auch als politisch engagierter Bürger hervor.
Im selben Jahr beging Tirol den 500. Jahrestag seiner Verbindung mit dem Haus Österreich. Ausgangspunkt war die Übertragung Tirols durch Margarethe „Maultasch“ an Herzog Rudolf IV. von Österreich im Jahr 1363. Anton von Schullern stiftete für das große Landes-, Fest- und Freischießen ein Paar Doppelterzerole. Josef Ritter von Schullern übergab eine große silberne Denkmünze. Die Schützenfeste verbanden sportlichen Wettbewerb, historische Erinnerung, Landespatriotismus und Treue zum Kaiserhaus.
Nur wenige Wochen später gedachte man der Völkerschlacht bei Leipzig vom Oktober 1813. Anton von Schullern, damals Vorstand des Innsbrucker Turnvereins, hielt eine schwungvolle Ansprache. Er erinnerte an den Tiroler Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft und schloss mit einem Hoch auf Deutschlands Zukunft.
Aus heutiger Sicht ist dabei Vorsicht geboten: Der Begriff „Deutschland“ bezeichnete 1863 nicht den erst 1871 gegründeten deutschen Nationalstaat. Österreich gehörte noch zum Deutschen Bund und beanspruchte eine führende Stellung innerhalb der deutschen Staatenwelt. Tiroler Landespatriotismus, Loyalität zum Haus Habsburg und ein deutsches kulturelles Nationalgefühl konnten daher nebeneinander bestehen. Die Rede Schullerns ist ein eindrucksvolles Beispiel für diese mehrschichtige Identität. Die Leipziger Schlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 galt als entscheidender Sieg der verbündeten Mächte, darunter Österreich, über Napoleon.
Ende 1863 rückte erneut Schleswig-Holstein in den Mittelpunkt. Anton von Schullern unterzeichnete einen Spendenaufruf und wurde Schriftführer des Innsbrucker Hilfsausschusses für Schleswig-Holstein. In dieser Funktion zeichnete er für mehrere Spendenlisten und schließlich für die Abrechnung des Ausschusses verantwortlich.
Als Dänemark und die deutschen Mächte über die staatsrechtliche Stellung Schleswig-Holsteins in Konflikt gerieten, führte dies 1864 zum gemeinsamen Krieg Österreichs und Preußens gegen Dänemark. Der Innsbrucker Hilfsausschuss war Teil einer länderübergreifenden nationalen Mobilisierung, in der Vereine, Zeitungen und private Spender eine bedeutende Rolle spielten. Der Krieg endete mit dem Frieden von Wien vom 30. Oktober 1864 und der Abtretung Schleswig-Holsteins und Lauenburgs durch Dänemark.
Das kulturelle Wirken Schullerns setzte sich gleichzeitig fort. Bei einem Konzert des Innsbrucker Musikvereins wurden im April 1864 drei seiner Gedichte aufgeführt, die František Zdeněk Skuherský für Singstimme und Klavier vertont hatte.
1865 kündigte das Ferdinandeum einen Vortrag Schullerns über den Tiroler Dichter Hermann von Gilm an. Im selben Jahr berichtete die Presse über meisterhaft kolorierte Fotografien eines Künstlers namens Steiner, die am „Schullern’schen Hause neben der Hauptwache“ ausgestellt waren. Diese kleine Meldung eröffnet ein reizvolles Fenster in die Innsbrucker Alltags- und Mediengeschichte: Private Häuser konnten als öffentlich wahrgenommene Ausstellungsorte für die noch junge Kunst der Fotografie dienen.
1866: Eine auffällige Lücke
Für das Jahr 1866 enthält die vorliegende Sammlung keine Nachricht. Diese Stille darf nicht mit tatsächlicher Untätigkeit der Familie verwechselt werden.
Gerade 1866 war für Österreich ein politisches Schlüsseljahr. Nach der Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz schied Österreich aus der engeren deutschen Staatenordnung aus; zugleich ging Venetien verloren. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Die zuvor selbstverständliche Verbindung von österreichischer Staatstreue und deutscher Nationalidee musste danach neu bestimmt werden. Die Quellenlücke ist daher selbst bemerkenswert und sollte durch weitere Zeitungsrecherchen sowie durch Vereins-, Militär- und Personalakten ergänzt werden.
1867–1868: Todesfälle, Museumsarbeit und das Andenken an Hermann von Gilm
1867 brachte der Familie mehrere Verluste. Am 8. Februar starb Josef von Schullern zu Schrattenhofen, pensionierter k. k. Finanzbeamter, im Alter von 68 Jahren. Nur wenige Wochen später, am 28. März, starb Maria von Klebelsberg, geborene von Schullern, in Bruneck an Typhus. Die Zeitung bezeichnete die junge Witwe als allgemein geschätzt und kündigte eine Seelenmesse in der Innsbrucker Servitenkirche an.
Anton von Schullern übernahm unterdessen zunehmend öffentliche und kulturelle Aufgaben. Im April 1867 wurde er zum Sekretär des Ferdinandeums gewählt. Gleichzeitig gehörte er dem Komitee zur Errichtung eines Denkmals für Hermann von Gilm an.
Das Jahr 1867 markierte auch für die Monarchie einen tiefen Einschnitt. Mit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich entstand die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Die Dezemberverfassung schuf im österreichischen Reichsteil eine neue konstitutionelle Ordnung und verankerte wesentliche Grundrechte. Anton von Schullerns Engagement in verfassungsfreundlichen Wahlkomitees, Bildungsvereinen und kulturellen Institutionen ist vor diesem politischen Hintergrund zu sehen.
1868 wurde Schullern erneut zum Sekretär des Ferdinandeums gewählt. Im Herbst erfolgte die Enthüllung des Gilm-Denkmals. Im Dezember wurden die sterblichen Überreste des 1864 in Linz verstorbenen Dichters nach Innsbruck überführt. Bei der Feier wurde ein von Anton von Schullern verfasstes Lied gesungen. Darin verband er die Heimkehr des Dichters mit Bildern der Tiroler Landschaft, der Freiheit und des fortlebenden dichterischen Werkes.
Die Feier führte jedoch zu einer ungewöhnlich heftigen literarischen Auseinandersetzung. Ein zunächst anonymer Zeitungskorrespondent kritisierte Schullerns Gedicht. Anton von Schullern antwortete am 21. Dezember 1868 mit einem scharf formulierten offenen Brief und warf seinem Kritiker persönliche Gehässigkeit und verletzte Dichtereitelkeit vor.
Am folgenden Tag trat der Schriftsteller und Professor Adolf Pichler öffentlich als Verfasser der Kritik hervor. Er bezeichnete das Gedicht als schlecht und aus inhaltlich unwahren Phrasen zusammengesetzt. Zugleich wies er Schullerns persönliche Vorwürfe entschieden zurück.
Schullern schlug daraufhin ein aus Gelehrten zusammengesetztes Ehrengericht vor. Noch bevor dieses zusammentreten konnte, vermittelte Professor Ignaz Vinzenz Zingerle. Am 24. Dezember 1868 wurde bekannt gegeben, der Streit sei in einer für beide Seiten befriedigenden Weise beigelegt worden. Pichler erkannte die pietätvolle Absicht des Gedichtes an und überließ die Beurteilung seines ästhetischen Wertes dem Publikum.
Die Episode ist mehr als eine literarische Kuriosität. Sie zeigt, wie eng im 19. Jahrhundert persönliche Ehre, öffentliche Kritik, Vereinsleben und Presse miteinander verbunden waren. Die Zeitung war nicht nur Nachrichtenmedium, sondern Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte.
1869: Von der Kulturarbeit zur staatlichen Schulaufsicht
Anfang 1869 wurde in der Presse berichtet, dass selbst amerikanische Zeitungen von der Innsbrucker Gilm-Feier Kenntnis genommen und Schullerns Verdienste gewürdigt hätten. Im März übergab er dem Ferdinandeum die Abschrift eines dramatischen Fragments Gilms mit dem Titel „Der Verbannte“. Als Vereinssekretär verlas er außerdem den Verwaltungsbericht bei der Generalversammlung des Museums.
Im Mai 1869 ernannte Unterrichtsminister Leopold Hasner Anton Ritter von Schullern zum provisorischen Bezirksschulinspektor. Sein Aufsichtsgebiet umfasste Teile der Bezirke Kufstein und Meran. Damit geriet Schullern in einen der schärfsten politischen und weltanschaulichen Konflikte Tirols.
Das Gesetz vom 25. Mai 1868 hatte die Beziehungen zwischen Schule und Kirche neu geregelt. Der Religionsunterricht blieb den Kirchen überlassen, die übrigen Unterrichtsgegenstände wurden jedoch der kirchlichen Einflussnahme entzogen. Das Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869 vereinheitlichte das Volksschulwesen, stärkte die staatliche Schulaufsicht und verlängerte die allgemeine Schulpflicht grundsätzlich von sechs auf acht Jahre.
Die ersten Meldungen über Schullerns Inspektionsreisen fielen überwiegend günstig aus. Aus Meran, Brixen, Sterzing und Kufstein wurden gute schulische Leistungen gemeldet. Der Inspektor nahm an Prüfungen teil, besichtigte Schulräume und äußerte sich anerkennend über Lehrer und Schüler.
Am 24. Juni 1869 vertrat er das Ferdinandeum bei der feierlichen Beisetzung Erzherzog Johanns in Schenna. Der populäre Habsburger hatte eine besondere Beziehung zu Tirol und zur Steiermark gepflegt. Seine sterblichen Überreste wurden nach der Fertigstellung des Mausoleums von Graz nach Schenna überführt.
1870: Der Tiroler Schulstreit eskaliert
Im Frühjahr 1870 änderte sich der Ton der Meldungen grundlegend. Bei Schulvisitationen im Burggrafenamt stieß Anton von Schullern auf offenen Widerstand.
In Tscherms holten mehrere Frauen ihre Kinder aus der Schule. In Marling soll ein Katechet die Schüler entlassen haben. In Schenna verweigerte der Ortspfarrer im Einverständnis mit der Gemeindevertretung die Anerkennung der staatlichen Schulinspektion.
Am 21. April 1870 unternahm Schullern gemeinsam mit dem Meraner Bezirkshauptmann einen zweiten Versuch, die Schule von Schenna zu inspizieren. Obwohl die schulpflichtigen Kinder zunächst anwesend waren, erklärte der Pfarrer die staatliche Visitation für verfassungswidrig, gab den Kindern frei und ließ sie das Schulhaus verlassen. Die Amtshandlung musste abgebrochen werden.
Die Bewertung dieser Vorgänge hing stark von der politischen Ausrichtung der jeweiligen Zeitung ab:
- Liberale Blätter betrachteten die Verhinderung der Schulvisitation als gesetzwidrige Auflehnung gegen die staatliche Obrigkeit und machten Teile des Klerus für die Agitation verantwortlich.
- Die katholisch-konservativen Neuen Tiroler Stimmen bezeichneten die neue Schulaufsicht abwertend als „neuärarisch“. Sie deuteten den Widerstand als Ausdruck des einmütigen Volkswillens und als Verteidigung der überlieferten kirchlichen Schulordnung.
- Anton von Schullern selbst veröffentlichte eine ausführliche Berichtigung. Er führte zahlreiche Orte an, in denen die Visitationen anstandslos erfolgt seien, und widersprach mehreren Darstellungen über Tscherms, Burgstall, Passeier und das Ultental.
- Die Gegenseite antwortete wiederum mit neuen Korrespondenzen, Zeugenaussagen und persönlichen Angriffen auf die Sachkenntnis des Schulinspektors.
Die Presseberichte dürfen daher nicht unkritisch als Tatsachenprotokolle gelesen werden. Das Innsbrucker Tagblatt stand dem liberalen Vereins- und Verfassungswesen nahe, während die Neuen Tiroler Stimmen eine katholisch-konservative Position vertraten. Ihre Berichte zeigen unterschiedliche politische Wirklichkeiten, die aus derselben Amtshandlung konstruiert wurden.
Hinter den persönlichen Auseinandersetzungen stand eine grundsätzliche Frage:
Wer sollte künftig über die Schule bestimmen – der Staat, die Kirche, die Gemeinde oder die Eltern?
Der Konflikt war somit weder bloß ein Streit um Anton von Schullern noch lediglich eine lokale Unmutsäußerung. Er gehörte zu einem österreichweiten Ringen um das Verhältnis von Kirche und Staat, um die Reichweite zentraler Gesetze und um die Modernisierung des Bildungswesens.
Bemerkenswert ist, dass Schullerns öffentliches Engagement trotz der Widerstände nicht abnahm. Im April 1870 wurde er in den Ausschuss des Tiroler Volksschulvereins gewählt, im Mai zu dessen Vorstand. Der Verein wollte Schulen mit Lehrmitteln ausstatten und bedürftige Kinder mit Kleidung unterstützen. Im Innsbrucker Bürgerausschuss gehörte Schullern außerdem dem Komitee für Kultus und Unterricht an.
Eine Meldung aus Landl zeigt zugleich, dass seine Inspektionsreisen keineswegs überall auf Ablehnung stießen. Dort wurde er mit Böllerschüssen empfangen; Pfarrer, Gemeindevertreter und Ortsbewohner nahmen an der Schulprüfung teil. Schullern äußerte sich anschließend zufrieden über den Zustand der Schule.
Die überlieferte Sammlung endet im Mai 1870 mitten in einer weiteren Erwiderung zur Schulvisitation in Algund und Plars. Der publizistische Streit ist somit in der vorliegenden Abschrift nicht vollständig dokumentiert.
Was diese Zeitungssplitter für die Familiengeschichte leisten
Die Meldungen lassen Anton Ritter von Schullern nicht nur als einzelnen Schriftsteller oder Beamten erkennen. Sie zeigen ihn als Knotenpunkt mehrerer gesellschaftlicher Netzwerke:
- als Gymnasiallehrer und öffentlicher Vortragender,
- als Dichter und Literaturkritiker,
- als Schützenoffizier des Jahres 1859,
- als Mitglied der Innsbrucker Verfassungs- und Bürgerbewegung,
- als Funktionär des Ferdinandeums,
- als Förderer des Andenkens an Hermann von Gilm,
- als Schulinspektor und Vertreter der staatlichen Bildungsreform,
- als Vorsitzenden eines gemeinnützigen Volksschulvereins.
Zugleich dokumentieren die Meldungen die Lebenswelt weiterer Familienangehöriger: Beamtenlaufbahnen, juristische Ausbildung, Eheschließungen, Todesfälle, Wohnorte, Reisen, Spenden und Besitzverhältnisse.
Gerade darin liegt der Wert solcher Miszellen. Sie ergänzen die klassische Stammtafel um das gesellschaftliche Leben, das sich zwischen den genealogischen Eckdaten abspielte.
Weiterführende Forschungsansätze
Aus der Zeitungschronik ergeben sich mehrere eigenständige Themen für die regionale Familien- und Kulturgeschichte:
1. Das Schullern’sche Haus neben der Hauptwache (Burggraben 4)
Die Erwähnung der dort ausgestellten kolorierten Fotografien könnte zum Ausgangspunkt einer haus- und besitzgeschichtlichen Untersuchung werden. Über Adressbücher, Kataster, Grundbücher und Bauakten ließe sich feststellen, wo sich das Haus befand, wann es in den Besitz der Familie kam und welche gesellschaftliche Funktion es erfüllte.
2. Zwischen Kaiserloyalität und deutscher Nationalidee
Die Teilnahme am Tiroler Jubiläum von 1863, die Leipziger Gedächtnisfeier und die Schleswig-Holstein-Hilfe erlauben eine Untersuchung der politischen Identitäten des Tiroler Bildungsbürgertums vor und nach 1866. Dabei wäre besonders zu fragen, wie sich das Verhältnis von Tiroler Patriotismus, österreichischer Staatstreue und deutscher Kulturnation veränderte.
3. Das Ferdinandeum als gesellschaftliches Netzwerk
Die Vereinsprotokolle könnten zeigen, welche Aufgaben Anton von Schullern als Sekretär tatsächlich wahrnahm, mit welchen Gelehrten, Beamten und Künstlern er zusammenarbeitete und wie das Museum in die Innsbrucker Stadtgesellschaft eingebunden war.
4. Der Gilm-Kult und die Tiroler Erinnerungskultur
Die Errichtung des Denkmals, die Überführung der sterblichen Überreste, Schullerns Gedicht und der Streit mit Adolf Pichler bieten Material für eine Untersuchung darüber, wie Dichter im 19. Jahrhundert zu regionalen Identifikationsfiguren erhoben wurden.
5. Schule, Kirche und Gemeinde im Jahr 1870
Die Zeitungsberichte sollten mit den Akten der Statthalterei, der Bezirkshauptmannschaft Meran, den Schulvisitationsprotokollen, Pfarrchroniken und Gemeindeprotokollen verglichen werden. Erst eine solche Gegenüberstellung kann klären, was tatsächlich geschah und wie die verschiedenen Parteien die Ereignisse deuteten.
6. Pauline, Paula oder Paola von Finetti?
Die unterschiedlichen Namensformen der Ehefrau Anton von Schullerns zeigen beispielhaft, warum genealogische Angaben aus Zeitungen und späteren biographischen Werken anhand der kirchlichen Originalmatriken geprüft werden müssen.
Quellenkritische Schlussbemerkung
Zeitungen berichten schnell, anschaulich und oft erstaunlich detailreich. Sie nennen Daten, Berufe, Funktionen, Adressen und soziale Beziehungen, die in amtlichen Quellen nicht immer in dieser Form erscheinen. Dennoch sind sie keine unfehlbaren Chroniken.
Besonders politische Korrespondenzen können parteilich, polemisch oder bewusst zugespitzt sein. Anonyme Einsendungen, redaktionelle Kommentare und persönliche Berichtigungen müssen voneinander unterschieden werden. Für einen wissenschaftlichen Nachweis sollten deshalb stets das genaue Erscheinungsdatum, die Seitenzahl und nach Möglichkeit ein Digitalisat der betreffenden Zeitungsseite festgehalten werden.
Aus den verstreuten Zeitungsmeldungen entsteht das Bild einer Familie, deren Angehörige in Verwaltung, Bildungswesen, Militär, Kultur und Vereinsleben Tirols sichtbar waren. Im Mittelpunkt steht Anton Ritter von Schullern zu Schrattenhofen, dessen Lebensweg von den Idealen des gebildeten österreichischen Bürgertums ebenso geprägt war wie von den großen Konflikten seiner Zeit.
Seine Geschichte führt vom Ferdinandeum an die Tiroler Südgrenze, von der Dichterfeier in den kommunalpolitischen Wahlkampf und schließlich in den erbitterten Streit um die staatliche Schulreform. Familiengeschichte wird hier zur Regionalgeschichte – und Regionalgeschichte zugleich zu einem Spiegel der österreichischen Monarchie im Zeitalter zwischen Revolution, Neoabsolutismus und konstitutioneller Neuordnung.
"IN OMNIBUS ORDO"
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