Christian Cramer und die Familie Ritter von Cramer
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Christian Cramer und die Familie Ritter von Cramer
1 Woche 5 Tage her
Christian Cramer und die Familie Ritter von Cramer – Adelstradition, Weinbau und österreichisches Adelsaufhebungsgesetz
Der südsteirische Winzer und frühere Landtagsabgeordnete Christian Cramer geriet im Jahr 2021 wegen der Verwendung der Bezeichnungen „Familie von Cramer“ und „Christian von Cramer“ bei der Vermarktung seiner Weine in die Schlagzeilen. Die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz sah darin einen möglichen Verstoß gegen das österreichische Adelsaufhebungsgesetz.
Der Fall ist nicht nur rechtlich, sondern auch genealogisch und heraldisch interessant: Nach der veröffentlichten Stammfolge entstammt Christian Cramer in direkter männlicher Linie der 1882 in den österreichischen Ritterstand erhobenen Familie des hohen Justizbeamten Leopold Emanuel Ludwig Cramer.
Christian Cramer
Christian Cramer, geboren 1962, ist Winzer und war von 2015 bis 2019 Abgeordneter zum Steiermärkischen Landtag. Er bewirtschaftet beziehungsweise führte das traditionsreiche Weingut Albert in Kitzeck im Sausal.
Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte er im März 2021 durch einen Bericht der „Kronen Zeitung“. Danach hatte die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz beanstandet, dass Weine und Werbemittel mit dem Familienwappen und Bezeichnungen wie „Familie von Cramer“ oder „Christian von Cramer“ versehen worden waren.
Cramer erklärte, das Wappen und die historische Namensform seien Bestandteil des Werbe- und Marketingkonzepts des Weingutes. Er habe sich persönlich nicht als „von Cramer“ vorgestellt und werde von seinen Gästen schlicht „Christian“ genannt.
Der Fall zeigt anschaulich, wie schwierig in Österreich bisweilen die Abgrenzung zwischen
– historischer Familienbezeichnung,
– genealogischer Dokumentation,
– heraldischer Darstellung,
– einer geschäftlich verwendeten Marke
– und dem rechtlich untersagten persönlichen Führen einer Adelsbezeichnung
sein kann.
Der Stammvater Leopold Emanuel Ludwig Ritter von Cramer
Leopold Emanuel Ludwig Cramer wurde am 6. April 1831 in Katzow geboren und starb am 3. März 1919 in Wien.
Die veröffentlichte Stammfolge nennt als seinen Vater Emanuel Cramer, geboren 1785 und gestorben am 7. März 1838 in Ploschkowitz. Emanuel Cramer stand in großherzoglich-toskanischen Diensten und war Rentmeister in Ploschkowitz. Seine Ehefrau war Antonie Grünwald.
Der Großvater Karl Cramer, geboren 1732 und gestorben am 28. Jänner 1785, wird als Verwalter der kaiserlichen Domäne Točnik und als Besitzer des Gutes Cerhowitz bezeichnet.
Damit entstammte Leopold Cramer einer Familie, die bereits vor ihrer Nobilitierung über mehrere Generationen im herrschaftlichen Verwaltungsdienst tätig gewesen sein dürfte.
Ausbildung und Laufbahn im Justizdienst
Leopold Cramer schlug eine juristische Beamtenlaufbahn ein. In der Frühzeit seiner Karriere war er offenbar auch in Siebenbürgen tätig. Dafür spricht insbesondere seine 1858 in Hermannstadt geschlossene Ehe und die Geburt seiner ersten Kinder in Hermannstadt.
Später wurde er Generaladvokat am k. k. Obersten Gerichts- und Kassationshof in Wien. In dieser Funktion gehörte er zu den ranghöchsten Vertretern der staatsanwaltschaftlichen Rechtspflege der österreichischen Reichshälfte.
Von 1886 bis 1905 bekleidete Leopold Ritter von Cramer schließlich das Amt des Generalprokurators am Obersten Gerichts- und Kassationshof.
Die Generalprokuratur war keine gewöhnliche Anklagebehörde. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, beim obersten Gericht auf die richtige und einheitliche Anwendung des Gesetzes hinzuwirken. Der Generalprokurator nahm damit eine zentrale Stellung an der Spitze der österreichischen Strafrechtspflege ein.
Historische Bedeutung
Leopold Ritter von Cramer war nahezu zwei Jahrzehnte lang Generalprokurator und damit einer der bedeutendsten Justizfunktionäre der späten Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I.
Seine Amtszeit von 1886 bis 1905 fiel in eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher und rechtlicher Veränderungen. Das Habsburgerreich entwickelte seine moderne Gerichts- und Verwaltungsorganisation weiter, während Industrialisierung, Nationalitätenkonflikte und neue politische Massenbewegungen zunehmend auf Staat und Rechtspflege einwirkten.
Als Generalprokurator wirkte Cramer an der Spitze jener Institution, die für die Wahrung der Gesetzmäßigkeit und die Einheitlichkeit der höchstgerichtlichen Strafrechtsprechung zuständig war. Seine Bedeutung liegt daher weniger in einzelnen spektakulären Entscheidungen als in seiner langjährigen institutionellen Stellung innerhalb der österreichischen Justiz.
Orden und Auszeichnungen
Leopold Ritter von Cramer werden folgende hohe Auszeichnungen zugeschrieben:
– Ritter des Österreichisch-kaiserlichen Leopold-Ordens,
– Ritter des Ordens der Eisernen Krone II. Klasse,
– Großkreuz des Franz-Joseph-Ordens,
– Ernennung zum k. u. k. Wirklichen Geheimen Rat.
Die Würde eines Wirklichen Geheimen Rates gehörte zu den höchsten persönlichen Auszeichnungen der Habsburgermonarchie und war mit dem Prädikat „Exzellenz“ verbunden.
Erhebung in den österreichischen Ritterstand
Leopold Cramer wurde 1882 von Kaiser Franz Joseph I. in den österreichischen Ritterstand erhoben.
Der im Österreichischen Staatsarchiv erhaltene Adelsakt wird unter folgender Signatur geführt:
AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 162.13
„Cramer, Leopold, Generaladvokat am obersten Gerichts- und Kassationshof, Leopoldsorden, Ritterstand“
Der Archivdatensatz nennt den 5. März 1882 als Verleihungsdatum. Auf der privaten Familien- und Wappenseite wird dagegen der 8. März 1882 angegeben. Ob es sich dabei um die Unterscheidung zwischen kaiserlicher Entschließung, Ausfertigung, Kundmachung oder Diplomdatum handelt, müsste durch Einsichtnahme in den vollständigen Adelsakt geklärt werden.
Mit der Erhebung war die Führung des Namens „Ritter von Cramer“ verbunden. Die Standeserhebung erstreckte sich nach den damals geltenden Grundsätzen grundsätzlich auch auf die eheliche Nachkommenschaft, insbesondere auf die männlichen Nachkommen im Mannesstamm.
Das Wappen der Ritter von Cramer
Das 1882 verliehene Wappen wird folgendermaßen beschrieben:
In einem von Blau und Schwarz geteilten Schild befindet sich ein goldener Greif.
Auf dem Schild ruhen zwei gekrönte Helme:
1. Auf dem ersten Helm mit blau-goldenen Decken erscheint ein wachsender goldener Greif.
2. Auf dem zweiten Helm mit schwarz-goldenen Decken steht ein geschlossener Flug. Der hintere Flügel ist golden, der vordere schwarz und mit einem goldenen Stern über einer goldenen Rose belegt.
Der goldene Greif ist in der Heraldik ein Sinnbild von Wachsamkeit, Kraft, Mut und Schutzbereitschaft. Die Verbindung von Greif, Stern und Rose lässt unterschiedliche symbolische Deutungen zu. Eine verbindliche Interpretation sollte jedoch nur vorgenommen werden, falls sich im Adelsakt eine ausdrückliche Wappenerklärung oder ein entsprechender Verleihungstext findet.
Ehe und Kinder
Leopold Ritter von Cramer heiratete am 17. April 1858 in Hermannstadt Maria Koller.
Maria Koller wurde am 23. Februar 1841 in Nadwórna geboren und starb am 27. Jänner 1925 in Perchtoldsdorf. Als ihre Eltern werden Franz Koller und Adele von Honnamon genannt.
Aus der Ehe sind nach der veröffentlichten Stammfolge zumindest folgende Kinder bekannt:
1. Helene Adelheid Antonie Marie Cramer
geboren am 23. Februar 1859 in Hermannstadt,
gestorben am 15. Jänner 1881 in Wien.
2. Adelheid Adele Ottilie Karoline Cramer
geboren am 8. Oktober 1861 in Hermannstadt;
verheiratet am 17. April 1886 in Wien mit Wilhelm Molitor.
3. Marianne Hermine Gabriele Cramer
geboren am 4. November 1869 in Brüx,
gestorben am 30. Jänner 1874 in Prag.
4. Erich Anton Alois Ritter von Cramer
geboren am 5. Juli 1875 in Wien,
Dr. jur. und k. k. Ministerial-Vizesekretär im Eisenbahnministerium.
Die Verbindung zum Weingut Albert
Für die heutige Familiengeschichte ist vor allem Leopold Cramers Sohn Erich Anton Alois von Cramer von Bedeutung.
Erich heiratete Margarethe Johanna Marie Zettl, geboren am 10. Mai 1888 in Ödenburg. Sie wird als Tochter des Gustav Zettl und der Irma Bauer sowie als Erbin des Weingutes Albert bezeichnet.
Durch diese Ehe kam die Familie Cramer offenbar in Verbindung mit dem südsteirischen Weingut Albert. Damit lässt sich erklären, weshalb das historische Familienwappen und die Erinnerung an die Familie Ritter von Cramer bis heute Bestandteil der Außendarstellung des Weingutes sind.
Veröffentlichte Stammfolge bis Christian Cramer
Die private Familien- und Wappenseite veröffentlicht folgende männliche Abstammungslinie:
Leopold Emanuel Ludwig Ritter von Cramer
→ Erich Anton Alois Ritter von Cramer
→ Wilfried Maria Hermann Herbert Cramer
→ Christian Cramer
→ Leopold Cramer.
Wilfried Cramer wurde demnach am 19. November 1926 in Wien geboren. Er war Weinbaumeister und Absolvent der Weinbauschule Klosterneuburg.
Christian Cramer wird ebenfalls als Weinbaumeister und Absolvent der Weinbauschule Klosterneuburg angeführt. Sein Sohn Leopold wird als Absolvent der Weinbauschule Silberberg bezeichnet.
Damit wäre Christian Cramer nach dieser Stammfolge ein direkter männlicher Nachkomme des 1882 nobilitierten Leopold Ritter von Cramer.
Eine abschließende genealogische Beweisführung würde allerdings die Überprüfung der einzelnen Generationen anhand von Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden beziehungsweise der entsprechenden Kirchen- und Personenstandsbücher erfordern.
Würde Christian Cramer heute einen Adelstitel führen?
Unter den Rechtsverhältnissen der österreichisch-ungarischen Monarchie hätte ein ehelicher Nachkomme im Mannesstamm grundsätzlich zur Familie Ritter von Cramer gehört und wäre zur Führung des ererbten Adelsstandes berechtigt gewesen, sofern die veröffentlichte Abstammung vollständig und urkundlich nachweisbar ist.
Historisch wäre daher für Christian Cramer die Namensform
„Christian Ritter von Cramer“
beziehungsweise im gewöhnlichen Sprachgebrauch
„Christian von Cramer“
denkbar gewesen.
Nach dem heute geltenden österreichischen Recht darf er diese Adelsbezeichnung jedoch nicht als persönlichen Namen oder Titel führen.
Das Adelsaufhebungsgesetz von 1919
Mit dem Gesetz vom 3. April 1919 wurden in der Republik Deutschösterreich der Adel und bestimmte Titel und Würden aufgehoben.
Die Vollzugsanweisung vom 18. April 1919 nennt ausdrücklich unter anderem:
– das Recht zur Führung des Adelszeichens „von“,
– die Führung von Adelsprädikaten,
– das Ehrenwort „Edler“,
– die Führung hergebrachter Wappennamen und adeliger Beinamen,
– die Führung von Standesbezeichnungen wie Ritter, Freiherr, Graf oder Fürst.
Das Verbot betrifft österreichische Staatsbürger und gilt unabhängig davon, ob der Adel ursprünglich im Inland oder im Ausland verliehen wurde.
Genealogisch bleibt die Abstammung von einer vormals adeligen Familie selbstverständlich eine historische Tatsache. Rechtlich folgt daraus in Österreich aber kein Anspruch auf Führung der früheren Adelsbezeichnung.
Wappenführung und geschäftliche Verwendung
Vom Verbot der Adelsbezeichnungen ist die Frage der Wappenführung zu unterscheiden.
Familienwappen wurden durch das Adelsaufhebungsgesetz nicht schlechthin „abgeschafft“. Ein historisches Wappen kann daher weiterhin als genealogisches, kulturelles oder gestalterisches Zeichen verwendet werden, sofern dadurch keine fremden Rechte verletzt und keine unzutreffenden amtlichen oder persönlichen Berechtigungen behauptet werden.
Besonders kompliziert wird es, wenn ein historisches Wappen gemeinsam mit einer früheren Adelsbezeichnung als Geschäftskennzeichen, Marke, Produktname oder Werbeslogan verwendet wird.
Dabei stellen sich unter anderem folgende Fragen:
– Wird die Bezeichnung als persönlicher Adelstitel geführt?
– Wird lediglich auf die historische Familie Bezug genommen?
– Handelt es sich um einen markenrechtlich geschützten Produktnamen?
– Kann beim Publikum der Eindruck entstehen, der Verwender führe selbst einen staatlich anerkannten Adelstitel?
– Wie deutlich wird zwischen historischem Familienbezug und heutigem bürgerlichem Namen unterschieden?
Die bloße Eintragung oder Verwendung einer Marke beantwortet daher nicht automatisch die öffentlich-rechtliche Frage, ob zugleich eine nach dem Adelsaufhebungsgesetz untersagte Adelsbezeichnung geführt wird.
Bewertung
Der Fall Christian Cramer ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass die Geschichte des österreichischen Adels auch mehr als hundert Jahre nach dem Ende der Monarchie im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag weiterlebt.
Genealogisch erscheint die Abstammung vom Generalprokurator Leopold Ritter von Cramer aufgrund der veröffentlichten Stammfolge plausibel. Die Verbindung zum Weingut Albert wird über Erich von Cramers Ehe mit Margarethe Zettl erklärt.
Für eine wissenschaftlich belastbare Darstellung sollten jedoch die Personenstandsquellen aller Generationen und der vollständige Nobilitierungsakt im Österreichischen Staatsarchiv eingesehen werden.
Die Formulierung, Christian Cramer würde in einer fortbestehenden Monarchie den Namen „Ritter von Cramer“ zu Recht tragen, ist somit historisch nachvollziehbar, sollte aber mit dem Vorbehalt versehen werden, dass die eheliche männliche Abstammung urkundlich lückenlos nachzuweisen wäre.
Offene Fragen für die weitere Forschung
1. Welches Datum enthält das originale Adelsdiplom: den 5. oder den 8. März 1882?
2. War der 5. März das Datum der Allerhöchsten Entschließung und der 8. März das Datum einer Ausfertigung oder Kundmachung?
3. Aus welchem konkreten Anlass wurde Leopold Cramer in den Ritterstand erhoben? War die Standeserhebung unmittelbar mit der Verleihung des Leopold-Ordens verbunden?
4. Enthält der Adelsakt eine ausführliche Begründung der Verleihung oder eine Darstellung seiner dienstlichen Verdienste?
5. Ist die Abstammungslinie Leopold – Erich – Wilfried – Christian durch Matriken beziehungsweise Personenstandsurkunden vollständig belegt?
6. Wann und auf welchem Weg gelangte das Weingut Albert genau an Margarethe Zettl beziehungsweise an die Familie Cramer?
7. Ist das Wappen der Ritter von Cramer heute als österreichische oder unionsweite Marke registriert?
8. Wie endete das im Jahr 2021 bekannt gewordene Verfahren der Bezirkshauptmannschaft Leibnitz?
9. Existieren Porträts, Parte, Nachruf oder Personalakten des Generalprokurators Leopold Ritter von Cramer?
10. Lassen sich nähere Angaben über seine Tätigkeit als Generaladvokat und Generalprokurator sowie über bedeutende Verfahren während seiner Amtszeit finden?
Quellen und weiterführende Verweise
Kronen Zeitung, „Kurioser Streit um Adels-Titel von Winzer“, 6. März 2021:
www.krone.at/2359117
Familien- und Wappenseite Cramer mit Stammfolge und Wappenbeschreibung:
wappen.weebly.com/cramer.html
Österreichisches Staatsarchiv, Adelsakt Leopold Cramer:
www.archivinformatio...ID=4314994
Generalprokuratur der Republik Österreich, Liste der Generalprokuratoren seit 1848:
www.generalprokuratu...kuratoren/
Rechtsinformationssystem des Bundes, Adelsaufhebungsgesetz:
www.ris.bka.gv.at/
Auf der Familien- und Wappenseite angeführte Literatur:
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, Buschak und Irrgang, 1885, Seite 86.
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, Buschak und Irrgang, 1894, Seite 101.
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser Österreichs, Otto Maass’ Söhne, Wien 1905, Seite 155.
Der südsteirische Winzer und frühere Landtagsabgeordnete Christian Cramer geriet im Jahr 2021 wegen der Verwendung der Bezeichnungen „Familie von Cramer“ und „Christian von Cramer“ bei der Vermarktung seiner Weine in die Schlagzeilen. Die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz sah darin einen möglichen Verstoß gegen das österreichische Adelsaufhebungsgesetz.
Der Fall ist nicht nur rechtlich, sondern auch genealogisch und heraldisch interessant: Nach der veröffentlichten Stammfolge entstammt Christian Cramer in direkter männlicher Linie der 1882 in den österreichischen Ritterstand erhobenen Familie des hohen Justizbeamten Leopold Emanuel Ludwig Cramer.
Christian Cramer
Christian Cramer, geboren 1962, ist Winzer und war von 2015 bis 2019 Abgeordneter zum Steiermärkischen Landtag. Er bewirtschaftet beziehungsweise führte das traditionsreiche Weingut Albert in Kitzeck im Sausal.
Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte er im März 2021 durch einen Bericht der „Kronen Zeitung“. Danach hatte die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz beanstandet, dass Weine und Werbemittel mit dem Familienwappen und Bezeichnungen wie „Familie von Cramer“ oder „Christian von Cramer“ versehen worden waren.
Cramer erklärte, das Wappen und die historische Namensform seien Bestandteil des Werbe- und Marketingkonzepts des Weingutes. Er habe sich persönlich nicht als „von Cramer“ vorgestellt und werde von seinen Gästen schlicht „Christian“ genannt.
Der Fall zeigt anschaulich, wie schwierig in Österreich bisweilen die Abgrenzung zwischen
– historischer Familienbezeichnung,
– genealogischer Dokumentation,
– heraldischer Darstellung,
– einer geschäftlich verwendeten Marke
– und dem rechtlich untersagten persönlichen Führen einer Adelsbezeichnung
sein kann.
Der Stammvater Leopold Emanuel Ludwig Ritter von Cramer
Leopold Emanuel Ludwig Cramer wurde am 6. April 1831 in Katzow geboren und starb am 3. März 1919 in Wien.
Die veröffentlichte Stammfolge nennt als seinen Vater Emanuel Cramer, geboren 1785 und gestorben am 7. März 1838 in Ploschkowitz. Emanuel Cramer stand in großherzoglich-toskanischen Diensten und war Rentmeister in Ploschkowitz. Seine Ehefrau war Antonie Grünwald.
Der Großvater Karl Cramer, geboren 1732 und gestorben am 28. Jänner 1785, wird als Verwalter der kaiserlichen Domäne Točnik und als Besitzer des Gutes Cerhowitz bezeichnet.
Damit entstammte Leopold Cramer einer Familie, die bereits vor ihrer Nobilitierung über mehrere Generationen im herrschaftlichen Verwaltungsdienst tätig gewesen sein dürfte.
Ausbildung und Laufbahn im Justizdienst
Leopold Cramer schlug eine juristische Beamtenlaufbahn ein. In der Frühzeit seiner Karriere war er offenbar auch in Siebenbürgen tätig. Dafür spricht insbesondere seine 1858 in Hermannstadt geschlossene Ehe und die Geburt seiner ersten Kinder in Hermannstadt.
Später wurde er Generaladvokat am k. k. Obersten Gerichts- und Kassationshof in Wien. In dieser Funktion gehörte er zu den ranghöchsten Vertretern der staatsanwaltschaftlichen Rechtspflege der österreichischen Reichshälfte.
Von 1886 bis 1905 bekleidete Leopold Ritter von Cramer schließlich das Amt des Generalprokurators am Obersten Gerichts- und Kassationshof.
Die Generalprokuratur war keine gewöhnliche Anklagebehörde. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, beim obersten Gericht auf die richtige und einheitliche Anwendung des Gesetzes hinzuwirken. Der Generalprokurator nahm damit eine zentrale Stellung an der Spitze der österreichischen Strafrechtspflege ein.
Historische Bedeutung
Leopold Ritter von Cramer war nahezu zwei Jahrzehnte lang Generalprokurator und damit einer der bedeutendsten Justizfunktionäre der späten Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I.
Seine Amtszeit von 1886 bis 1905 fiel in eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher und rechtlicher Veränderungen. Das Habsburgerreich entwickelte seine moderne Gerichts- und Verwaltungsorganisation weiter, während Industrialisierung, Nationalitätenkonflikte und neue politische Massenbewegungen zunehmend auf Staat und Rechtspflege einwirkten.
Als Generalprokurator wirkte Cramer an der Spitze jener Institution, die für die Wahrung der Gesetzmäßigkeit und die Einheitlichkeit der höchstgerichtlichen Strafrechtsprechung zuständig war. Seine Bedeutung liegt daher weniger in einzelnen spektakulären Entscheidungen als in seiner langjährigen institutionellen Stellung innerhalb der österreichischen Justiz.
Orden und Auszeichnungen
Leopold Ritter von Cramer werden folgende hohe Auszeichnungen zugeschrieben:
– Ritter des Österreichisch-kaiserlichen Leopold-Ordens,
– Ritter des Ordens der Eisernen Krone II. Klasse,
– Großkreuz des Franz-Joseph-Ordens,
– Ernennung zum k. u. k. Wirklichen Geheimen Rat.
Die Würde eines Wirklichen Geheimen Rates gehörte zu den höchsten persönlichen Auszeichnungen der Habsburgermonarchie und war mit dem Prädikat „Exzellenz“ verbunden.
Erhebung in den österreichischen Ritterstand
Leopold Cramer wurde 1882 von Kaiser Franz Joseph I. in den österreichischen Ritterstand erhoben.
Der im Österreichischen Staatsarchiv erhaltene Adelsakt wird unter folgender Signatur geführt:
AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 162.13
„Cramer, Leopold, Generaladvokat am obersten Gerichts- und Kassationshof, Leopoldsorden, Ritterstand“
Der Archivdatensatz nennt den 5. März 1882 als Verleihungsdatum. Auf der privaten Familien- und Wappenseite wird dagegen der 8. März 1882 angegeben. Ob es sich dabei um die Unterscheidung zwischen kaiserlicher Entschließung, Ausfertigung, Kundmachung oder Diplomdatum handelt, müsste durch Einsichtnahme in den vollständigen Adelsakt geklärt werden.
Mit der Erhebung war die Führung des Namens „Ritter von Cramer“ verbunden. Die Standeserhebung erstreckte sich nach den damals geltenden Grundsätzen grundsätzlich auch auf die eheliche Nachkommenschaft, insbesondere auf die männlichen Nachkommen im Mannesstamm.
Das Wappen der Ritter von Cramer
Das 1882 verliehene Wappen wird folgendermaßen beschrieben:
In einem von Blau und Schwarz geteilten Schild befindet sich ein goldener Greif.
Auf dem Schild ruhen zwei gekrönte Helme:
1. Auf dem ersten Helm mit blau-goldenen Decken erscheint ein wachsender goldener Greif.
2. Auf dem zweiten Helm mit schwarz-goldenen Decken steht ein geschlossener Flug. Der hintere Flügel ist golden, der vordere schwarz und mit einem goldenen Stern über einer goldenen Rose belegt.
Der goldene Greif ist in der Heraldik ein Sinnbild von Wachsamkeit, Kraft, Mut und Schutzbereitschaft. Die Verbindung von Greif, Stern und Rose lässt unterschiedliche symbolische Deutungen zu. Eine verbindliche Interpretation sollte jedoch nur vorgenommen werden, falls sich im Adelsakt eine ausdrückliche Wappenerklärung oder ein entsprechender Verleihungstext findet.
Ehe und Kinder
Leopold Ritter von Cramer heiratete am 17. April 1858 in Hermannstadt Maria Koller.
Maria Koller wurde am 23. Februar 1841 in Nadwórna geboren und starb am 27. Jänner 1925 in Perchtoldsdorf. Als ihre Eltern werden Franz Koller und Adele von Honnamon genannt.
Aus der Ehe sind nach der veröffentlichten Stammfolge zumindest folgende Kinder bekannt:
1. Helene Adelheid Antonie Marie Cramer
geboren am 23. Februar 1859 in Hermannstadt,
gestorben am 15. Jänner 1881 in Wien.
2. Adelheid Adele Ottilie Karoline Cramer
geboren am 8. Oktober 1861 in Hermannstadt;
verheiratet am 17. April 1886 in Wien mit Wilhelm Molitor.
3. Marianne Hermine Gabriele Cramer
geboren am 4. November 1869 in Brüx,
gestorben am 30. Jänner 1874 in Prag.
4. Erich Anton Alois Ritter von Cramer
geboren am 5. Juli 1875 in Wien,
Dr. jur. und k. k. Ministerial-Vizesekretär im Eisenbahnministerium.
Die Verbindung zum Weingut Albert
Für die heutige Familiengeschichte ist vor allem Leopold Cramers Sohn Erich Anton Alois von Cramer von Bedeutung.
Erich heiratete Margarethe Johanna Marie Zettl, geboren am 10. Mai 1888 in Ödenburg. Sie wird als Tochter des Gustav Zettl und der Irma Bauer sowie als Erbin des Weingutes Albert bezeichnet.
Durch diese Ehe kam die Familie Cramer offenbar in Verbindung mit dem südsteirischen Weingut Albert. Damit lässt sich erklären, weshalb das historische Familienwappen und die Erinnerung an die Familie Ritter von Cramer bis heute Bestandteil der Außendarstellung des Weingutes sind.
Veröffentlichte Stammfolge bis Christian Cramer
Die private Familien- und Wappenseite veröffentlicht folgende männliche Abstammungslinie:
Leopold Emanuel Ludwig Ritter von Cramer
→ Erich Anton Alois Ritter von Cramer
→ Wilfried Maria Hermann Herbert Cramer
→ Christian Cramer
→ Leopold Cramer.
Wilfried Cramer wurde demnach am 19. November 1926 in Wien geboren. Er war Weinbaumeister und Absolvent der Weinbauschule Klosterneuburg.
Christian Cramer wird ebenfalls als Weinbaumeister und Absolvent der Weinbauschule Klosterneuburg angeführt. Sein Sohn Leopold wird als Absolvent der Weinbauschule Silberberg bezeichnet.
Damit wäre Christian Cramer nach dieser Stammfolge ein direkter männlicher Nachkomme des 1882 nobilitierten Leopold Ritter von Cramer.
Eine abschließende genealogische Beweisführung würde allerdings die Überprüfung der einzelnen Generationen anhand von Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden beziehungsweise der entsprechenden Kirchen- und Personenstandsbücher erfordern.
Würde Christian Cramer heute einen Adelstitel führen?
Unter den Rechtsverhältnissen der österreichisch-ungarischen Monarchie hätte ein ehelicher Nachkomme im Mannesstamm grundsätzlich zur Familie Ritter von Cramer gehört und wäre zur Führung des ererbten Adelsstandes berechtigt gewesen, sofern die veröffentlichte Abstammung vollständig und urkundlich nachweisbar ist.
Historisch wäre daher für Christian Cramer die Namensform
„Christian Ritter von Cramer“
beziehungsweise im gewöhnlichen Sprachgebrauch
„Christian von Cramer“
denkbar gewesen.
Nach dem heute geltenden österreichischen Recht darf er diese Adelsbezeichnung jedoch nicht als persönlichen Namen oder Titel führen.
Das Adelsaufhebungsgesetz von 1919
Mit dem Gesetz vom 3. April 1919 wurden in der Republik Deutschösterreich der Adel und bestimmte Titel und Würden aufgehoben.
Die Vollzugsanweisung vom 18. April 1919 nennt ausdrücklich unter anderem:
– das Recht zur Führung des Adelszeichens „von“,
– die Führung von Adelsprädikaten,
– das Ehrenwort „Edler“,
– die Führung hergebrachter Wappennamen und adeliger Beinamen,
– die Führung von Standesbezeichnungen wie Ritter, Freiherr, Graf oder Fürst.
Das Verbot betrifft österreichische Staatsbürger und gilt unabhängig davon, ob der Adel ursprünglich im Inland oder im Ausland verliehen wurde.
Genealogisch bleibt die Abstammung von einer vormals adeligen Familie selbstverständlich eine historische Tatsache. Rechtlich folgt daraus in Österreich aber kein Anspruch auf Führung der früheren Adelsbezeichnung.
Wappenführung und geschäftliche Verwendung
Vom Verbot der Adelsbezeichnungen ist die Frage der Wappenführung zu unterscheiden.
Familienwappen wurden durch das Adelsaufhebungsgesetz nicht schlechthin „abgeschafft“. Ein historisches Wappen kann daher weiterhin als genealogisches, kulturelles oder gestalterisches Zeichen verwendet werden, sofern dadurch keine fremden Rechte verletzt und keine unzutreffenden amtlichen oder persönlichen Berechtigungen behauptet werden.
Besonders kompliziert wird es, wenn ein historisches Wappen gemeinsam mit einer früheren Adelsbezeichnung als Geschäftskennzeichen, Marke, Produktname oder Werbeslogan verwendet wird.
Dabei stellen sich unter anderem folgende Fragen:
– Wird die Bezeichnung als persönlicher Adelstitel geführt?
– Wird lediglich auf die historische Familie Bezug genommen?
– Handelt es sich um einen markenrechtlich geschützten Produktnamen?
– Kann beim Publikum der Eindruck entstehen, der Verwender führe selbst einen staatlich anerkannten Adelstitel?
– Wie deutlich wird zwischen historischem Familienbezug und heutigem bürgerlichem Namen unterschieden?
Die bloße Eintragung oder Verwendung einer Marke beantwortet daher nicht automatisch die öffentlich-rechtliche Frage, ob zugleich eine nach dem Adelsaufhebungsgesetz untersagte Adelsbezeichnung geführt wird.
Bewertung
Der Fall Christian Cramer ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass die Geschichte des österreichischen Adels auch mehr als hundert Jahre nach dem Ende der Monarchie im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag weiterlebt.
Genealogisch erscheint die Abstammung vom Generalprokurator Leopold Ritter von Cramer aufgrund der veröffentlichten Stammfolge plausibel. Die Verbindung zum Weingut Albert wird über Erich von Cramers Ehe mit Margarethe Zettl erklärt.
Für eine wissenschaftlich belastbare Darstellung sollten jedoch die Personenstandsquellen aller Generationen und der vollständige Nobilitierungsakt im Österreichischen Staatsarchiv eingesehen werden.
Die Formulierung, Christian Cramer würde in einer fortbestehenden Monarchie den Namen „Ritter von Cramer“ zu Recht tragen, ist somit historisch nachvollziehbar, sollte aber mit dem Vorbehalt versehen werden, dass die eheliche männliche Abstammung urkundlich lückenlos nachzuweisen wäre.
Offene Fragen für die weitere Forschung
1. Welches Datum enthält das originale Adelsdiplom: den 5. oder den 8. März 1882?
2. War der 5. März das Datum der Allerhöchsten Entschließung und der 8. März das Datum einer Ausfertigung oder Kundmachung?
3. Aus welchem konkreten Anlass wurde Leopold Cramer in den Ritterstand erhoben? War die Standeserhebung unmittelbar mit der Verleihung des Leopold-Ordens verbunden?
4. Enthält der Adelsakt eine ausführliche Begründung der Verleihung oder eine Darstellung seiner dienstlichen Verdienste?
5. Ist die Abstammungslinie Leopold – Erich – Wilfried – Christian durch Matriken beziehungsweise Personenstandsurkunden vollständig belegt?
6. Wann und auf welchem Weg gelangte das Weingut Albert genau an Margarethe Zettl beziehungsweise an die Familie Cramer?
7. Ist das Wappen der Ritter von Cramer heute als österreichische oder unionsweite Marke registriert?
8. Wie endete das im Jahr 2021 bekannt gewordene Verfahren der Bezirkshauptmannschaft Leibnitz?
9. Existieren Porträts, Parte, Nachruf oder Personalakten des Generalprokurators Leopold Ritter von Cramer?
10. Lassen sich nähere Angaben über seine Tätigkeit als Generaladvokat und Generalprokurator sowie über bedeutende Verfahren während seiner Amtszeit finden?
Quellen und weiterführende Verweise
Kronen Zeitung, „Kurioser Streit um Adels-Titel von Winzer“, 6. März 2021:
www.krone.at/2359117
Familien- und Wappenseite Cramer mit Stammfolge und Wappenbeschreibung:
wappen.weebly.com/cramer.html
Österreichisches Staatsarchiv, Adelsakt Leopold Cramer:
www.archivinformatio...ID=4314994
Generalprokuratur der Republik Österreich, Liste der Generalprokuratoren seit 1848:
www.generalprokuratu...kuratoren/
Rechtsinformationssystem des Bundes, Adelsaufhebungsgesetz:
www.ris.bka.gv.at/
Auf der Familien- und Wappenseite angeführte Literatur:
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, Buschak und Irrgang, 1885, Seite 86.
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, Buschak und Irrgang, 1894, Seite 101.
– Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser Österreichs, Otto Maass’ Söhne, Wien 1905, Seite 155.
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