Dr. Caspar Einem (1948–2021)
- USchu
-
Autor
- Offline
- Beiträge: 662
Dr. Caspar Einem (1948–2021)
1 Woche 5 Tage herDr. Caspar Einem (1948–2021) – Jurist, Bundesminister und Angehöriger einer bedeutenden Künstlerfamilie
Dr. Caspar Einem, geboren am 6. Mai 1948 in Salzburg und gestorben am 9. September 2021, war ein österreichischer Jurist, Manager und Politiker der SPÖ. Von 1995 bis 1997 amtierte er als Bundesminister für Inneres, anschließend bis Februar 2000 als Bundesminister für Wissenschaft und Verkehr. Von 1999 bis 2007 gehörte er – nach einem kurzen Mandat bereits 1996 – dem österreichischen Nationalrat an.
Über seine politische Tätigkeit hinaus engagierte sich Einem in zahlreichen wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Institutionen. Er entstammte einer Familie, in der sich österreichische Musikgeschichte, deutscher historischer Adel und ungarische Magnatengenealogie miteinander verbinden.
Herkunft und Familie
Caspar Einem war der einzige Sohn des österreichischen Komponisten Gottfried von Einem (1918–1996) und dessen erster Ehefrau Lianne Mathilde, geborene von Bismarck (1919–1962). Die Eltern hatten 1946 geheiratet. Nachdem Gottfried von Einem eine Tätigkeit als musikalischer Berater der Wiener Staatsoper angeboten worden war, übersiedelte die Familie Ende 1953 nach Wien.
Caspars Mutter Lianne von Bismarck starb bereits 1962. Caspar Einem war damals vierzehn Jahre alt. Sein Vater heiratete 1966 in zweiter Ehe die Schriftstellerin und Librettistin Lotte Ingrisch, die damit Caspar Einems Stiefmutter wurde.
Caspar Einem selbst war verheiratet, später verwitwet, und Vater eines Sohnes. Nach seinem Tod wurde er im Grab seines Vaters Gottfried von Einem auf dem Hietzinger Friedhof in Wien beigesetzt.
Ausbildung und beruflicher Werdegang
Nach der Matura an einem humanistischen Gymnasium in Wien im Jahr 1966 absolvierte Caspar Einem zunächst seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim österreichischen Bundesheer. Danach studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Wien und promovierte 1971 zum Doktor der Rechte.
Von 1972 bis 1977 war er in Wien und Salzburg als Bewährungshelfer tätig. Nach einem Rechtspraktikum arbeitete er ab 1979 bei der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. Dort befasste er sich insbesondere mit Fragen des Arbeitsrechts und der gesellschaftspolitischen Interessenvertretung.
1991 wechselte Einem zur OMV. Im österreichischen Mineralöl- und Energiekonzern war er zuletzt für den Geschäftsbereich Gas verantwortlich. Damit verfügte er bereits vor seinem Eintritt in die Bundesregierung über Erfahrungen in der Sozialarbeit, Arbeitnehmervertretung und Unternehmensführung.
Eintritt in die Bundespolitik
Am 29. November 1994 wurde Caspar Einem als Staatssekretär im Bundeskanzleramt angelobt. Zu seinen Aufgaben gehörten insbesondere Angelegenheiten des öffentlichen Dienstes.
Am 6. April 1995 übernahm er als Nachfolger Franz Löschnaks das Bundesministerium für Inneres. Seine Amtszeit fiel in eine innenpolitisch schwierige Phase. Österreich wurde damals durch die rechtsextremistische Briefbombenserie und die Suche nach deren Urhebern erschüttert. Auch Fragen des Asylwesens, der Fremdenpolitik, des Staatsschutzes und der Reform der Sicherheitsbehörden prägten seine Tätigkeit.
Einem galt als intellektueller, gesellschaftspolitisch liberaler und humanistisch orientierter Politiker. Seine Berufung zum Innenminister wurde zunächst auch deshalb mit Überraschung aufgenommen, weil er nicht dem traditionellen Bild eines konservativ auftretenden „obersten Polizisten“ entsprach. Seine Amtsführung blieb politisch umstritten, wurde jedoch auch von Gegnern vielfach als prinzipienfest und persönlich integer anerkannt.
Wissenschafts- und Verkehrsminister
Am 28. Jänner 1997 wechselte Caspar Einem in das Bundesministerium für Wissenschaft, Verkehr und Kunst. Nach einer Änderung der Ressortaufteilung leitete er ab dem 15. Februar 1997 das Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr. Dieses Amt übte er bis zum 4. Februar 2000 aus.
Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörten damit sehr unterschiedliche Materien: Universitäten und Forschung, Wissenschaftspolitik, Verkehrsinfrastruktur, Bahn, Luftfahrt und Telekommunikation. Einem setzte sich besonders für die institutionelle Unabhängigkeit der Wissenschaft, für Bildungschancen und für eine stärkere europäische Vernetzung Österreichs ein.
Abgeordneter zum Nationalrat
Caspar Einem gehörte zunächst vom 15. Jänner bis zum 13. März 1996 kurzzeitig dem Nationalrat an. Nach dem Ende seiner Ministertätigkeit war er vom 29. Oktober 1999 bis zum 31. Oktober 2007 Abgeordneter der SPÖ.
Im Parlament fungierte er unter anderem als:
- Europasprecher der SPÖ,
- stellvertretender Vorsitzender des sozialdemokratischen Parlamentsklubs,
- Mitglied und später Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses,
- engagierter Vertreter einer europäischen und international ausgerichteten österreichischen Politik.
Einem wandte sich konsequent gegen Rechtsextremismus und gegen eine politische Zusammenarbeit der SPÖ mit der FPÖ oder dem BZÖ.
Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im BSA
Von 2002 bis 2008 war Caspar Einem Präsident des Bundes sozialdemokratischer Akademikerinnen und Akademiker, Intellektueller und Künstlerinnen beziehungsweise Künstler – kurz BSA.
In dieser Funktion veranlasste er gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes eine wissenschaftliche Untersuchung über ehemalige Nationalsozialisten, die nach 1945 im BSA Aufnahme gefunden hatten. Die Beschäftigung mit diesen sogenannten „braunen Flecken“ war ein bedeutender Beitrag zur selbstkritischen Aufarbeitung der Geschichte einer sozialdemokratischen Organisation.
Weitere Tätigkeiten in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft
Nach seinem Ausscheiden aus dem Nationalrat übernahm Einem verschiedene Funktionen in Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen.
Von 2007 bis 2011 war er Vorstandsmitglied des Luftfahrtunternehmens Jetalliance. Zudem engagierte er sich unter anderem als:
- Präsident des Österreichischen Instituts für Internationale Politik,
- Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach,
- Vizepräsident des Kuratoriums des Instituts für Höhere Studien,
- Vertreter öffentlicher Unternehmen und Arbeitgeberorganisationen auf österreichischer und europäischer Ebene.
Von September 2017 bis Juli 2019 war Caspar Einem Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gebrüder Weiss Holding AG. Die gelegentlich anzutreffende Angabe, er habe diese Funktion bis zu seinem Tod ausgeübt, ist daher zu korrigieren.
Noch wenige Tage vor seinem Tod nahm Einem am Europäischen Forum Alpbach teil. Er starb am 9. September 2021 überraschend im Alter von 73 Jahren.
Historische und politische Bedeutung
Caspar Einem zählt zu den profilierten sozialdemokratischen Politikern Österreichs in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Seine Bedeutung liegt weniger in einer einzelnen politischen Reform als in der Verbindung mehrerer Tätigkeitsfelder:
- Als Innenminister stand er während der Aufklärung der rechtsextremistischen Briefbombenanschläge in besonderer Verantwortung.
- Als Wissenschaftsminister trat er für offene, unabhängige und international vernetzte Forschung ein.
- Als Parlamentarier befasste er sich intensiv mit Europa- und Außenpolitik.
- Als Präsident des BSA förderte er die kritische Aufarbeitung nationalsozialistischer Kontinuitäten nach 1945.
- In wissenschaftlichen Institutionen setzte er sich für den Dialog zwischen Forschung, Politik und Gesellschaft ein.
Zeitgenössische Nachrufe würdigten besonders seinen Intellekt, seine Diskussionsbereitschaft und seine humanistische Grundhaltung. Zugleich war er ein Politiker mit klaren Positionen, der gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen nicht scheute.
Adelshistorische Einordnung des Namens „von Einem“
Caspar Einem wird in genealogischen und adelshistorischen Darstellungen gelegentlich als „Caspar von Einem“ bezeichnet. Als österreichischer Staatsbürger führte er amtlich jedoch den Namen „Caspar Einem“.
Das österreichische Adelsaufhebungsgesetz vom 3. April 1919 hob den Adel und dessen äußere Ehrenvorzüge für österreichische Staatsbürger auf. Die Führung des Adelszeichens „von“ ist österreichischen Staatsbürgern daher grundsätzlich untersagt. In einem historisch-genealogischen Zusammenhang kann aber darauf hingewiesen werden, dass Caspar Einem dem ursprünglich deutschen Adelsgeschlecht von Einem entstammte.
Die Unterscheidung ist wichtig:
- Amtliche und zeitgenössische Namensform: Dr. Caspar Einem
- Genealogische Herkunftsbezeichnung: aus dem Geschlecht von Einem
Sein Vater trat als Künstler international unter dem Namen „Gottfried von Einem“ auf. Diese Namensform ist deshalb in der Musikgeschichte fest etabliert, auch wenn die österreichische Rechtslage hinsichtlich des Adelszeichens davon zu unterscheiden ist.
Die mütterliche Linie von Bismarck
Caspar Einems Mutter Lianne Mathilde von Bismarck gehörte dem weitverzweigten deutschen Adelsgeschlecht von Bismarck an. Sie war eine Tochter Gottfried von Bismarcks und Gertrud, geborene Koehn.
Damit bestanden auf mütterlicher Seite genealogische Verbindungen zu jenem Geschlecht, dessen bekanntester Vertreter der preußische Ministerpräsident und erste deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck war. Die genaue verwandtschaftliche Stellung Liannes innerhalb der verschiedenen Linien der Familie Bismarck wäre anhand des Gothaischen Genealogischen Taschenbuches beziehungsweise des Genealogischen Handbuches des Adels noch im Detail darzustellen.
Gottfried von Einem und Graf László Hunyady
Eine besondere familiengeschichtliche Verbindung ergibt sich durch Gottfried von Einems biologische Abstammung. Nach den offiziellen biografischen Angaben des Komponisten und seines Verlages galt der österreichisch-ungarische Militärattaché William von Einem als sein rechtlicher beziehungsweise sozialer Vater. Erst im Alter von ungefähr zwanzig Jahren erfuhr Gottfried von Einem, dass sein biologischer Vater der ungarische Graf László Hunyady war.
Die Universal Edition bezeichnet ihn vollständig als Graf László Hunyady und nennt als Lebensdaten den 15. Juli 1876 und den 18. März 1927. In anderen Darstellungen erscheint er als László Mária Bonaventúra Péter Graf Hunyady von Kéthely.
Gottfried von Einem soll seinem leiblichen Vater in seiner Kindheit nur zweimal begegnet sein. Graf Hunyady starb 1927 während einer Großwildjagd in Afrika. Nach verbreiteter Darstellung wurde er bei der Jagd von einem verwundeten Löwen tödlich verletzt. Als Sterbeort wird Khartum genannt.
Erst Jahrzehnte später setzte sich Gottfried von Einem künstlerisch mit dieser väterlichen Herkunft auseinander. 1981 komponierte er das Orchesterwerk:
„Hunyady László“, op. 59 – Drei Gaben für Orchester
Das Werk trägt die ungarische Widmung „Apám emlékére“, zu Deutsch „Dem Andenken meines Vaters“. Es wurde am 9. Juli 1982 beim Carinthischen Sommer durch die Philharmonia Hungarica unter Uri Segal uraufgeführt.
Die Aussage, Gottfried von Einem habe seine musikalische Begabung von Graf László Hunyady geerbt, findet sich in der Werkbeschreibung der Universal Edition. Sie ist jedoch eher als familiäre beziehungsweise biografische Deutung denn als wissenschaftlich nachweisbare Tatsache zu verstehen.
Genealogische Besonderheit
Aus genealogischer Sicht ergibt sich somit eine bemerkenswerte Konstellation:
- Caspar Einems rechtliche und namensmäßige väterliche Linie führt zum Geschlecht von Einem.
- Seine väterliche biologische Abstammung führt über Gottfried von Einem zu Graf László Hunyady.
- Seine mütterliche Abstammung führt zum deutschen Adelsgeschlecht von Bismarck.
Caspar Einem vereinigte damit in seiner Familiengeschichte Verbindungen zu einem deutschen Offiziers- und Adelsgeschlecht, zur ungarischen Magnatenfamilie Hunyady und zur Familie von Bismarck. Zugleich ist zwischen biologischer Abstammung, rechtlicher Vaterschaft, Familiennamen und historischer Standeszugehörigkeit sorgfältig zu unterscheiden.
Auszeichnungen
Caspar Einem erhielt mehrere österreichische und ausländische Ehrungen. Dazu gehörten unter anderem:
- das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich,
- das Großkreuz des griechischen Ehrenordens,
- die Ernennung zum Ritter der französischen Ehrenlegion.
Zusammenfassung
Dr. Caspar Einem war Jurist, Sozialarbeiter, Arbeitnehmervertreter, Manager, Bundesminister, Nationalratsabgeordneter und Förderer wissenschaftlicher Institutionen. Seine politische Laufbahn führte ihn vom Staatssekretariat über das Innen- und Wissenschaftsministerium bis in die Europa- und Außenpolitik des Nationalrates.
Familiengeschichtlich war er der Sohn des Komponisten Gottfried von Einem und Lianne von Bismarcks. Über seinen Vater bestand eine biologische Verbindung zum ungarischen Grafen László Hunyady. Die traditionelle Bezeichnung „Caspar von Einem“ ist genealogisch verständlich, entspricht jedoch nicht seiner amtlichen österreichischen Namensform.
Offene Fragen für die weitere Forschung
- Welcher konkreten Linie des Geschlechts von Bismarck gehörte Caspar Einems Mutter Lianne an, und wie verlief ihre genaue Stammreihe?
- Sind im Familienarchiv der Familie von Einem oder im Archiv der Familie Hunyady Dokumente zur biologischen Vaterschaft überliefert?
Quellen und weiterführende Hinweise
- Österreichisches Parlament: Dr. Caspar Einem – Mandate und Regierungsfunktionen
- Bundesministerium für Inneres: „Minister für innere Werte“ – Nachruf auf Caspar Einem
- ORF: Ex-Innenminister Caspar Einem ist tot
- Institut für Höhere Studien: Nachruf auf Caspar Einem
- Österreichisches Institut für Internationale Politik: Caspar Einem und die unabhängige Wissenschaft
- Offizielle Gottfried-von-Einem-Website: Biografie
- Universal Edition: Gottfried von Einem – Biografie
- Universal Edition: „Hunyady László“, op. 59
- Gottfried-von-Einem-Website: Orchesterwerke und Angaben zur Uraufführung
- Rechtsinformationssystem des Bundes: Adelsaufhebungsgesetz und Rechtsprechung zur Führung des Adelszeichens „von“
"IN OMNIBUS ORDO"
Bitte Anmelden oder Registrieren um der Konversation beizutreten.
