Županič: Der Adel und die moderne tschechische Gesellschaft

Županič: Der Adel und die moderne tschechische Gesellschaft

1 Woche 5 Tage her - 1 Woche 5 Tage her
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Der Adel und die moderne tschechische Gesellschaft – zwei unterschiedliche Welten

Vorstellung und Zusammenfassung des Aufsatzes von Jan Županič in der Zeitschrift „ADLER“

Vollständiger Artikel im Anhang


Der Historiker Jan Županič untersucht in seinem Beitrag das über lange Zeit schwierige Verhältnis zwischen dem Adel der böhmischen Länder und der sich seit dem späten 18. Jahrhundert herausbildenden modernen tschechischen Nationalgesellschaft.

Seine zentrale These lautet: Adel und tschechische Nationalbewegung gingen von grundlegend verschiedenen Vorstellungen von Gesellschaft, Nation und politischer Zugehörigkeit aus. Während große Teile der Aristokratie an einem übernationalen Landespatriotismus und an den Traditionen der ständischen Gesellschaft festhielten, entwickelte sich die moderne tschechische Nationalbewegung zunehmend auf der Grundlage von Sprache, ethnischer Zugehörigkeit, Demokratismus und Abgrenzung gegenüber dem Adel.

Kurzfassung

Der böhmische und mährische Adel war zahlenmäßig klein, verfügte jedoch über großen Grundbesitz, gesellschaftliches Ansehen und weitreichende familiäre Verbindungen innerhalb der Habsburgermonarchie. Die entstehende tschechische Nationalgesellschaft stammte dagegen überwiegend aus bürgerlichen, geistlichen und akademischen Kreisen.

Anfangs bestanden durchaus Berührungspunkte zwischen beiden Gruppen. Teile des Adels förderten kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen und unterstützten Bestrebungen zur Wahrung der böhmischen Landesrechte. Mit der wachsenden Bedeutung der Sprache als entscheidendem Merkmal nationaler Zugehörigkeit wurden die Gegensätze jedoch immer deutlicher.

Der offene Bruch erfolgte nach Županič im Revolutionsjahr 1848. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Ablehnung des Adels zu einem wichtigen Bestandteil des tschechischen politischen und historischen Selbstverständnisses. Nach 1918 verlor der Adel nicht nur seine rechtliche Sonderstellung, sondern wurde auch durch Bodenreform, gesellschaftliche Ausgrenzung und den weitgehenden Ausschluss aus dem Staatsdienst getroffen.

Erst angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung 1938 und 1939 stellten sich bedeutende Angehörige alter böhmischer und mährischer Familien demonstrativ auf die Seite des tschechischen Staates und Volkes. Eine dauerhafte gesellschaftliche Wiederannäherung kam dennoch nicht zustande. Enteignungen während der NS-Zeit, die Nachkriegsmaßnahmen und schließlich die kommunistische Machtübernahme von 1948 bedeuteten das Ende der historischen Adelsgesellschaft in den böhmischen Ländern.

Die Entstehung der modernen tschechischen Gesellschaft

Županič setzt den Beginn der modernen tschechischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an. Die Reformen Maria Theresias und Josephs II. eröffneten auch Menschen außerhalb der traditionellen Stände neue Möglichkeiten des sozialen und beruflichen Aufstiegs.

Eine wesentliche Voraussetzung für eine Karriere im Staatsdienst war jedoch die Beherrschung der deutschen Sprache. Viele aufstiegsorientierte Beamte, Geistliche und Angehörige der Intelligenz stammten aus tschechischsprachigen Provinzstädten, in denen zuvor Tschechisch und Latein genügt hatten.

Das Bewusstsein, dass die eigene Muttersprache für den gesellschaftlichen Aufstieg nicht ausreichte, trug nach Županič wesentlich dazu bei, dass die Sprache zum wichtigsten Merkmal der nationalen Zugehörigkeit wurde.

Die besondere gesellschaftliche Stellung des Adels

Am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums stand die Aristokratie. Der Adel in Böhmen und Mähren war im europäischen Vergleich wenig zahlreich, dafür aber ausgesprochen vermögend. Große Grundherrschaften, der Zugang zu hohen Ämtern, höfische Beziehungen und standesgemäße Heiratsverbindungen verliehen ihm eine herausgehobene Stellung.

Županič weist auf eine Besonderheit der böhmischen Länder hin: Im Unterschied zu Polen und Ungarn fehlte weitgehend ein zahlreicher niederer Adel, der als gesellschaftliche Brücke zwischen Aristokratie und Bürgertum hätte wirken können. Gleichzeitig war auch das wohlhabende tschechische Bürgertum zunächst nur schwach ausgeprägt.

Dadurch standen einander zwei gesellschaftliche Gruppen mit wenigen verbindenden Zwischenstufen gegenüber:
  • eine reiche, kosmopolitisch orientierte Aristokratie und
  • eine überwiegend nichtadelige tschechische Bildungs- und Nationalbewegung.

Landespatriotismus und Sprachnationalismus

Zu Beginn der Nationalen Wiedergeburt bemühten sich tschechische Patrioten durchaus darum, den Adel für ihre Bewegung zu gewinnen. Der Adel blieb eine politisch und gesellschaftlich bedeutende Führungsschicht und galt vielen Zeitgenossen als notwendiger Bestandteil eines vollständig gegliederten Volkes.

Zudem bestanden gemeinsame Interessen. Der böhmische Adel wandte sich gegen die Zentralisierungs- und Bürokratisierungsbestrebungen Josephs II. und berief sich auf die historischen Rechte der Länder der Böhmischen Krone. Da auch die tschechische Sprache als Bestandteil der böhmischen Staatstradition verstanden werden konnte, entstanden zeitweise Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Unter adeliger Förderung wurden kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen geschaffen, die für die Entwicklung der tschechischen Gesellschaft große Bedeutung erlangten.

Das grundlegende Problem lag jedoch im unterschiedlichen Verständnis des Begriffes „Volk“.

Für den Adel umfasste das böhmische Volk im Sinne des älteren Landespatriotismus grundsätzlich alle Einwohner des Königreichs Böhmen, unabhängig von ihrer Sprache. Deutsch- und tschechischsprachige Bewohner konnten gleichermaßen als „Böhmen“ gelten.

Die moderne Nationalbewegung unterschied dagegen zunehmend zwischen ethnischen Tschechen und Deutschen beziehungsweise Deutschböhmen. Die Sprache wurde zum entscheidenden Zeichen der nationalen Zugehörigkeit.

Die überwiegend kosmopolitische Aristokratie betrachtete Sprache hingegen eher als Kommunikationsmittel. Ihre Familien waren über die gesamte Habsburgermonarchie und darüber hinaus miteinander verwandt. Für die nationalen Aktivisten erschien sie deshalb zunehmend als fremd oder zumindest als national unzuverlässig.

Bereits Karel Ignác Thám übte 1783 scharfe Kritik an dieser Haltung des Adels.

Der Bruch im Revolutionsjahr 1848

Nach Županič erfolgte der offene Bruch im Frühjahr 1848. Bei der Versammlung vom 11. März 1848 war der Adel nicht vertreten; auch in die neuen böhmischen und gesamtstaatlichen Vertretungsorgane wurden kaum adelige Repräsentanten der Nationalbewegung gewählt.

Die Abwesenheit des Adels wurde nun als Beweis eines angeblich angeborenen tschechischen Demokratismus gedeutet. Die tschechische Nation, so die neue Vorstellung, benötige keine aristokratische Führung, sondern stütze sich unmittelbar auf das Volk.

Der Adel wiederum hatte mit dem Ende der Ständegesellschaft einen erheblichen Teil seiner bisherigen politischen Stellung verloren. Viele Aristokraten zogen sich in eine gesellschaftlich abgeschlossene, privilegierte „erste Gesellschaft“ zurück.

Damit vertiefte sich der Graben von beiden Seiten.

Adelskritik als politisches Programm

Nach dem Ende des Neoabsolutismus verschärften sich die Gegensätze erneut. In Teilen der tschechischen Politik wurde die Ablehnung des Adels geradezu zu einem Maßstab politischer Fortschrittlichkeit.

Besonders die Jungtschechische Partei setzte antistische und gegen den Großgrundbesitz gerichtete Argumente im politischen Kampf gegen die Alttschechen ein. Der Adel wurde als feudal, reaktionär, katholisch, unsozial und national unzuverlässig dargestellt.

Gleichzeitig empfand man das Fehlen eigener historischer Eliten offenbar als schmerzlich. Daraus entstand eine bemerkenswerte Unterscheidung:
  • Der böhmische Adel vor der Schlacht am Weißen Berg wurde vielfach idealisiert.
  • Besonders der nichtkatholische Adel und die 1621 auf dem Prager Altstädter Ring Hingerichteten galten als nationale Märtyrer.
  • Der Adel der Zeit nach dem Weißen Berg wurde dagegen häufig als fremd, katholisch, undemokratisch und dem österreichischen Zentralismus verbunden dargestellt.

Das historische Bild des Adels wurde somit stark von den politischen Bedürfnissen des 19. Jahrhunderts geprägt.

August Sedláček und die böhmisch-mährische Heraldik

Auch die historische und heraldische Forschung blieb von diesen nationalen Wertungen nicht unberührt.

Županič verweist auf August Sedláček, der in seiner böhmisch-mährischen Heraldik ausdrücklich zwischen einheimischen beziehungsweise assimilierten Familien und solchen Geschlechtern unterschied, die er wegen ihres vermeintlich negativen Wirkens nicht in gleicher Weise berücksichtigen wollte.

Für die Heraldik- und Genealogieforschung ist dieser Hinweis besonders wichtig: Selbst grundlegende Nachschlagewerke können von den politischen, nationalen und konfessionellen Vorstellungen ihrer Entstehungszeit geprägt sein.

Quellenauswahl, Familienzuordnung und die Begriffe „einheimisch“, „fremd“, „tschechisch“ oder „deutsch“ sollten daher stets im zeitgenössischen Zusammenhang betrachtet werden.

Josef Holeček und das Ideal des „tschechischen Kavaliers“

Einen besonders deutlichen Ausdruck fand die Adelskritik bei dem Schriftsteller und Publizisten Josef Holeček.

Holeček entwarf das Ideal eines national gesinnten tschechischen Kavaliers. Für dessen Erziehung hielt er eine tschechische Mutter „demokratischer Herkunft“ für notwendig. Mit dieser Formulierung war nach Županič im Wesentlichen eine nichtadelige Herkunft gemeint.

Der traditionelle Adel wurde damit nahezu grundsätzlich aus dem Kreis der modernen tschechischen Eliten ausgeschlossen. Ein Adeliger konnte nur dann als vollwertiger tschechischer Patriot gelten, wenn er sich von den gesellschaftlichen Normen seines Standes entfernte.

Zu diesen Normen gehörten insbesondere:
  • standesgemäße Heiraten,
  • die Pflege weitreichender aristokratischer Verwandtschaftsnetze,
  • die höfische Orientierung,
  • der Katholizismus und
  • ein übernationales oder landespatriotisches Selbstverständnis.

Rudolf Prinz von Thurn und Taxis – später Freiherr von Troskow

Als eine der wenigen Ausnahmen behandelt Županič Rudolf Prinz von Thurn und Taxis, der 1894 den Namen und Titel Freiherr von Troskow annahm.

Rudolf studierte Rechtswissenschaften in Prag und näherte sich der tschechischen Nationalbewegung an. Gemeinsam mit Karel Jaromír Erben und Jan Jeřábek gab er die juristische Zeitschrift „Právník“ heraus. Er arbeitete am wissenschaftlichen Wörterbuch von František Ladislav Rieger mit und stand mit den „Národní listy“ in Verbindung.

Darüber hinaus beteiligte er sich an der Gründung oder Förderung bedeutender tschechischer Vereine, darunter des Gesangsvereins Hlahol. Wegen seiner politischen Tätigkeit und seiner Unterstützung oppositioneller Veröffentlichungen wurde er 1863 zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt.

Seine Zeitgenossen bezeichneten ihn als „roten“ oder „bäuerlichen Fürsten“.

Mit der Eheschließung mit der bürgerlichen Jenny Ständler entfernte er sich auch genealogisch und gesellschaftlich von den traditionellen Heiratsregeln des Hochadels.

Wenzel Graf von Kaunitz

Die zweite ausführlich behandelte Ausnahme ist Wenzel Graf von Kaunitz aus der böhmischen Linie des Hauses Kaunitz.

Seine nationale Orientierung wurde nach Županič stark durch seine Mutter Eleonora Woracziczky von Pabienitz und Bissingen beeinflusst, die als bedeutende adelige tschechische Patriotin galt.

Kaunitz gehörte dem böhmischen Landtag und dem österreichischen Reichsrat an. Zunächst vertrat er die Kurie des Großgrundbesitzes, später schloss er sich den Jungtschechen an. Er setzte sich unter anderem für den Achtstundentag und für den Zugang von Frauen zur Hochschulbildung ein.

Als Mäzen widmete er 1908 den Kaunitz-Palast in Brünn der Einrichtung eines Studentenheimes.

Auch seine Ehen entsprachen nicht den traditionellen adeligen Heiratsmustern:
  • Seine erste Frau Josefina Čermáková war Schauspielerin und entstammte einer patriotisch gesinnten Prager Bürgerfamilie. Ihre Schwester Anna war mit dem Komponisten Antonín Dvořák verheiratet.
  • Seine zweite Frau Josefina beziehungsweise Josefa Horová stammte aus einer Zimmermannsfamilie aus Žinkovy bei Pilsen.

Holeček wertete diese Ehen als Beweis dafür, dass Kaunitz seine aristokratische Herkunftsgesellschaft verlassen habe, um vollständig in der tschechischen Nationalgesellschaft aufzugehen.

Nationalismus und das Scheitern eines gemeinsamen Staatsgedankens

Županič sieht in der zunehmenden nationalen Exklusivität ein grundlegendes Problem der späten Habsburgermonarchie.

Die Zugehörigkeit zum tschechischen Volk wurde von radikalen Vertretern der Nationalbewegung teilweise selbst als eine Art höherer oder „aristokratischer“ Qualität verstanden. Patriotismus, Antiklerikalismus und ein als demokratisch bezeichneter Gegensatz zum Adel wurden zu Voraussetzungen vollständiger nationaler Zugehörigkeit.

Ähnliche, auf sich selbst konzentrierte Vorstellungen bestanden jedoch auch in anderen Nationalbewegungen.

Nach Ansicht des Autors erschwerte diese Entwicklung die Umwandlung Österreich-Ungarns in einen modernen, von allen Volksgruppen getragenen Staat. Die Donaumonarchie blieb wirtschaftlich funktionsfähig, zerfiel politisch aber zunehmend in konkurrierende nationale Gesellschaften.

Die Lage des Adels nach 1918

Nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik wurde die Stellung des Adels sowohl symbolisch als auch wirtschaftlich erheblich geschwächt.

Das Gesetz Nr. 61/1918 vom 10. Dezember 1918 hob Adel, adelige Rechte, Orden und bestimmte Titel auf. Ehemaligen Adeligen wurde außerdem untersagt, Familiennamen mit Prädikaten oder adelbezeichnenden Zusätzen zu führen.

Die 1919 eingeleitete Bodenreform richtete sich rechtlich gegen großen Grundbesitz und nicht ausschließlich gegen den Adel. Aufgrund der Besitzverhältnisse traf sie jedoch vor allem aristokratische Familien und die katholische Kirche.

Županič zufolge begegnete der neue Staat ehemaligen Adeligen außerdem mit erheblichem Misstrauen. Sie galten vielfach als prohabsburgisch und zu eng mit der früheren Monarchie verbunden. Im Gegensatz zu anderen Nachfolgestaaten fanden Angehörige des Adels nur selten Aufnahme in den diplomatischen oder allgemeinen Staatsdienst.

Eine tschechische und eine deutsche Orientierung

Während der Ersten Republik begann sich der Adel in den böhmischen Ländern stärker in einen deutsch und einen tschechisch orientierten Flügel zu teilen.

Nicht allein die Herkunft einer Familie war entscheidend. Häufig spielte auch die Lage ihres Grundbesitzes eine wichtige Rolle. Besonders Angehörige der nach 1900 beziehungsweise nach 1910 geborenen Generation bekannten sich stärker zur tschechischen Gesellschaft.

Politisch waren diese Kreise meist konservativ-katholisch oder christlich-sozial geprägt. Einzelne sympathisierten mit nationalkonservativen Organisationen, nach Županič jedoch nur in Ausnahmefällen mit dem Nationalsozialismus.

Die adeligen Erklärungen von 1938 und 1939

Angesichts der Bedrohung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland kam es zu einem bemerkenswerten Wandel.

Vertreter alter böhmischer und mährischer Familien bekannten sich in mehreren Erklärungen der Jahre 1938 und 1939 zur territorialen Integrität des Staates, zur böhmischen Staatlichkeit und zum tschechischen Volk.

Beteiligt waren unter anderem Angehörige der Familien Schwarzenberg, Lobkowicz, Kinsky, Kolowrat, Czernin, Sternberg, Colloredo-Mannsfeld, Parish, Dobrzenský, Strachwitz und Belcredi.

Diese Erklärungen verbesserten das Ansehen des tschechisch orientierten Adels in der Bevölkerung. Sie widerlegten zugleich die ältere pauschale Vorstellung, die Aristokratie sei grundsätzlich national unzuverlässig oder ausschließlich deutsch beziehungsweise österreichisch orientiert.

Protektorat, nationalsozialistische Bodenpolitik und Enteignungen

Nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren verbesserte sich die gesellschaftliche Anerkennung des tschechisch orientierten Adels zunächst teilweise.

Die Regierungsverordnung Nr. 220/1939 setzte jenen Teil des Gesetzes von 1918 außer Kraft, der Orden und Titel aufgehoben hatte. Die rechtliche Regelung des Adels selbst sollte jedoch ausdrücklich gesondert erfolgen. Von einer vollständigen Wiederherstellung des früheren Adelsstandes kann daher nicht gesprochen werden.

Gleichzeitig bedrohte die nationalsozialistische Boden- und Germanisierungspolitik zahlreiche Güter. Zunächst wurden vor allem jüdisches Eigentum und der Besitz sogenannter Staatsfeinde eingezogen. Später trafen Zwangsverwaltungen und Konfiskationen auch kirchliche, staatliche und adelige Großgüter.

Die Jahre 1945 bis 1948

Auch das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte keine dauerhafte Wiederherstellung der früheren Verhältnisse.

Deutsche, Ungarn und als Kollaborateure eingestufte Personen wurden enteignet. Aber auch tschechisch orientierte Adelige, darunter Teilnehmer oder Unterstützer des Widerstandes, hatten erhebliche Schwierigkeiten, ihren Besitz zurückzuerhalten.

Županič betont den wachsenden Einfluss der Kommunistischen Partei, die wichtige Ministerien kontrollierte und ältere antialdelige Argumentationsmuster mit marxistischer Klassenkampfrhetorik verband.

In der kommunistischen Presse wurden Adelige erneut als Feudalherren, Großgrundbesitzer und Kapitalisten dargestellt. Zahlreiche Verfahren zur Rückgabe des während der deutschen Besatzung entzogenen Eigentums waren bis zur kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 noch nicht abgeschlossen.

Die Jahre 1945 bis 1948 bezeichnet der Autor daher als „Schwanengesang“ der böhmischen Aristokratie.

Nach 1989 erhielten einzelne Familien Teile ihres Eigentums zurück. Die historische Adelsgesellschaft als eigenständiges soziales und kulturelles Milieu war jedoch bereits untergegangen.

Genealogische und heraldische Bedeutung des Aufsatzes

Der Beitrag ist nicht nur für die politische und soziale Geschichte von Interesse, sondern eröffnet zahlreiche genealogische und heraldische Fragestellungen:
  • Nationale Zuordnung von Familien: Die Bezeichnungen „tschechisch“, „deutsch“, „böhmisch“ oder „österreichisch“ waren keineswegs unveränderlich. Sie konnten sich zwischen Generationen, Linien und einzelnen Familienmitgliedern unterscheiden.
  • Heiratspolitik: Die Beispiele Thurn und Taxis beziehungsweise Troskow und Kaunitz zeigen, welche gesellschaftlichen Folgen nicht standesgemäße Heiraten haben konnten.
  • Adelsproben: Für eine höfische Karriere war der Nachweis adeliger Abstammung von besonderer Bedeutung. Županič erwähnt im Zusammenhang mit der Kämmererwürde den Nachweis von ursprünglich sechzehn im Adel geborenen Vorfahren.
  • Namens- und Titelführung: Das Gesetz von 1918 beeinflusste die amtliche Namensführung und damit auch die Bezeichnung von Personen in Standes-, Melde- und Verwaltungsunterlagen.
  • Güter- und Familienarchive: Bodenreformen, Zwangsverwaltungen, Enteignungen und Restitutionsverfahren hinterließen umfangreiche Quellenbestände, die für Familien-, Besitz- und Ortsgeschichte von großer Bedeutung sind.
  • Historische Wappenwerke: Das Beispiel August Sedláčeks zeigt, dass auch heraldische Standardwerke hinsichtlich Auswahl, Terminologie und nationaler Einordnung quellenkritisch gelesen werden müssen.

Abbildungen im Aufsatz

Der Beitrag ist mit mehreren zeitgenössischen Porträts und familiengeschichtlich interessanten Abbildungen versehen:
  • Karel Ignác Thám,
  • August Sedláček,
  • Josef Holeček,
  • das Wappen Rudolf Freiherrn von Troskow, zuvor Prinz von Thurn und Taxis,
  • Wenzel Graf von Kaunitz sowie
  • Wenzel Graf von Kaunitz mit seiner ersten Ehefrau Josefina, geborene Čermáková.

Redaktioneller Hinweis zu Jenny Ständler

Im gedruckten Aufsatz wird Jenny Ständler mit den Lebensdaten „1830–1940“ angegeben. Dabei dürfte es sich um einen Druckfehler handeln.

Das Österreichische Biographische Lexikon nennt:

Johanna beziehungsweise Jenny Ständler,
geboren am 9. April 1830 in Prag,
gestorben am 29. September 1914 in Graz.

Für genealogische Weiterverwendungen sollte daher das Todesjahr 1914 geprüft und verwendet werden.

Fragen zur weiteren Diskussion

1. War die Distanz zwischen dem Adel und der tschechischen Nationalbewegung tatsächlich unvermeidlich, oder hätte ein stärkerer böhmischer Landespatriotismus beide Seiten verbinden können?
2. Welche böhmischen und mährischen Adelsfamilien förderten im 18. und 19. Jahrhundert nachweislich tschechische Kultur-, Bildungs- oder Wissenschaftseinrichtungen?
3. Wie veränderte das Verbot adeliger Prädikate nach 1918 die Eintragungen in Matriken, Standesamtsregistern, Meldedaten und anderen genealogischen Quellen?


Hauptquelle

ŽUPANIČ, Jan: Der Adel und die moderne tschechische Gesellschaft – zwei unterschiedliche Welten, in: ADLER – Zeitschrift für Genealogie und Heraldik, Band 28, Heft 5, Jänner/März 2016, S. 225–238.

Der vollständige Aufsatz ist diesem Forumsbeitrag als PDF-Anhang beigefügt.

Ergänzende und zur Überprüfung herangezogene Quellen

Jan Županič – Institut für Weltgeschichte der Karls-Universität Prag

Jan Županič – Historisches Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik

Gesetz Nr. 61/1918 über die Aufhebung des Adels, der Orden und Titel

Gesetz Nr. 215/1919 über die Erfassung des großen Grundbesitzes

Regierungsverordnung Nr. 220/1939 über die Änderung des Gesetzes Nr. 61/1918

Familie Kinsky und die adeligen Erklärungen von 1938 und 1939

Österreichisches Biographisches Lexikon: Rudolf Freiherr von Troskow, zuvor Prinz von Thurn und Taxis

Im Aufsatz zitierte Literatur

Bačkovský, Rudolf: Bývalá česká šlechta předbělohorská i pobělohorská na svých sídlech v Čechách a na Moravě a ve svých znacích, Prag 1948.

Glassheim, Eagle: Noble Nationalists. The Transformation of the Bohemian Nobility, Cambridge/Massachusetts 2005.

Hazdra, Zdeněk: Šlechta ve službách Masarykovy republiky, Prag 2015.

Holeček, Josef: Česká šlechta. Výklady časové i historické, Prag 1918.

Hořejš, Miloš: Šlechta a nacistická pozemková politika v českých zemích, Prag 2011.

Klobas, Oldřich: Václav hrabě Kounic. Šlechtic nejen rodem, Brünn 1993.

Mašek, Petr: Modrá krev. Historie a současnost 445 šlechtických rodů v českých zemích, Prag 1999.

Palacký, František: Dějiny národu českého v Čechách a na Moravě, Teil I, Prag 1930.

Pejčoch, Ivo: Jindřich Thun-Hohenstein, Prag 2011.

Petráň, Josef: Staroměstská exekuce, Prag 2004.

Rak, Jiří: Bývali Čechové. České historické mýty a stereotypy, Prag 1994.

Rak, Jiří: Šlechta v optice moderního českého nacionalismu, 2008.

Sedláček, August: Českomoravská heraldika, II. Teil, Prag 1925.

Senohrábek, Jiří: Časopis Boleslavan 1860–1867, in: Český časopis historický 100/2002, Nr. 2, S. 293–334.

Županič, Jan: Nová šlechta Rakouského císařství, Prag 2006.

Županič, Jan: Zwischen zwei Feuern. Die Entrechtung und Enteignung der Familie Colloredo-Mannsfeld 1938–1948, in: Bohemia 52/2, 2011, S. 416–443.

Županič, Jan; Horčička, Václav; Králová, Hana: Na rozcestí. Rakousko-uherská zahraniční služba v posledních letech existence monarchie, Prag 2009.
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