Vittorio Emanuele von Savoyen (1937–2024)

Vittorio Emanuele von Savoyen (1937–2024)

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Vittorio Emanuele von Savoyen (1937–2024) – letzter Kronprinz Italiens und umstrittenes Oberhaupt des Hauses Savoyen

Am 3. Februar 2024 starb Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen im Alter von 86 Jahren in Genf. Nach Mitteilung seiner Familie verstarb er am frühen Morgen im Kreise seiner Angehörigen.

Vittorio Emanuele war der einzige Sohn König Umbertos II., des letzten Königs von Italien, und damit der letzte Kronprinz des Königreichs Italien. Sein Leben wurde wesentlich durch das Ende der italienischen Monarchie, das jahrzehntelange Exil der männlichen Mitglieder des Hauses Savoyen und den bis heute nicht beigelegten Streit um die Führung der Dynastie geprägt.



Herkunft und Familie

Vittorio Emanuele Alberto Carlo Teodoro Umberto Bonifacio Amedeo Damiano Bernardino Gennaro Maria von Savoyen wurde am 12. Februar 1937 in Neapel geboren.

Seine Eltern waren:
  • Umberto II. von Savoyen, geboren 1904, gestorben 1983, letzter König von Italien;
  • Marie José von Belgien, geboren 1906, gestorben 2001, Tochter König Alberts I. der Belgier und Elisabeths, geborener Herzogin in Bayern.

Vittorio Emanuele hatte drei Schwestern:
  • Maria Pia von Savoyen, geboren 1934;
  • Maria Gabriella von Savoyen, geboren 1940;
  • Maria Beatrice von Savoyen, geboren 1943.

Über seine Mutter war er unter anderem mit den belgischen, luxemburgischen und bayerischen Herrscherhäusern verwandt.



Nur wenige Wochen Kronprinz von Italien

Am 9. Mai 1946 dankte Vittorio Emanueles Großvater, König Viktor Emanuel III., zugunsten seines Sohnes Umberto ab. Der damals neunjährige Vittorio Emanuele wurde damit Kronprinz beziehungsweise Thronfolger des Königreichs Italien.

Sein Vater ging als „Maikönig“ in die Geschichte ein: Umberto II. regierte nur etwas mehr als einen Monat. Bei der Volksabstimmung vom 2. Juni 1946 entschied sich eine Mehrheit der italienischen Bevölkerung für die Republik. Am 12. Juni 1946 endete die Herrschaft des Hauses Savoyen über Italien.

Vittorio Emanuele war daher nur während der kurzen Regierungszeit seines Vaters Kronprinz. Die häufig verwendete Bezeichnung „letzter Kronprinz Italiens“ ist historisch zutreffend, stellt aber keinen von der heutigen Italienischen Republik anerkannten Titel dar.



Exil in der Schweiz

Nach der Abschaffung der Monarchie musste die königliche Familie Italien verlassen. Vittorio Emanuele verbrachte den größten Teil seines weiteren Lebens in der Schweiz.

Die XIII. Übergangs- und Schlussbestimmung der italienischen Verfassung untersagte den ehemaligen Königen des Hauses Savoyen, ihren Ehefrauen und ihren männlichen Nachkommen ursprünglich die Einreise und den Aufenthalt in Italien.

Dieses Verbot wurde erst 2002 aufgehoben. Vittorio Emanuele erklärte zuvor seine Anerkennung der republikanischen Staatsordnung. Am 23. Dezember 2002 betrat er erstmals seit mehr als 56 Jahren wieder italienischen Boden. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn besuchte er damals auch Papst Johannes Paul II. im Vatikan.

Die italienische Verfassung hält allerdings weiterhin ausdrücklich fest, dass Adelstitel staatlich nicht anerkannt werden.



Ehe mit Marina Ricolfi-Doria und Nachkommen

Vittorio Emanuele heiratete die Schweizer Wasserskisportlerin Marina Ricolfi-Doria, geboren am 12. Februar 1935 in Genf.

Die zivile Eheschließung fand am 11. Januar 1970 in Las Vegas statt. Die kirchliche Trauung folgte am 7. Oktober 1971 in Teheran.

Marina Ricolfi-Doria war eine international erfolgreiche Wasserskiläuferin und errang in den 1950er-Jahren mehrere Welt- und Europameistertitel.

Aus der Ehe stammt ein Sohn:
  • Emanuele Filiberto von Savoyen, geboren am 22. Juni 1972 in Genf.

Emanuele Filiberto heiratete 2003 die französische Schauspielerin Clotilde Courau. Das Paar hat zwei Töchter:
  • Vittoria von Savoyen, geboren 2003;
  • Luisa von Savoyen, geboren 2006.


Ein von Kontroversen überschattetes Leben

Das öffentliche Bild Vittorio Emanueles wurde durch mehrere Affären und Gerichtsverfahren belastet.

Besonders bekannt wurde der Vorfall auf der vor Korsika gelegenen Insel Cavallo im Jahr 1978. Während einer Auseinandersetzung wurde der neunzehnjährige deutsche Student Dirk Hamer durch einen Schuss schwer verletzt und starb einige Monate später an den Folgen.

Vittorio Emanuele musste sich in Frankreich vor Gericht verantworten. Das zuständige Gericht sprach ihn 1991 vom Vorwurf der tödlichen Verletzung beziehungsweise fahrlässigen Tötung frei. Wegen unerlaubten Waffenbesitzes wurde er jedoch zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Auch in späteren Jahren war er Gegenstand weiterer Ermittlungen. Nach seiner Verhaftung im Jahr 2006 wurden unter anderem Vorwürfe wegen Korruption und krimineller Vereinigung erhoben. Die betreffenden Verfahren endeten schließlich mit Freisprüchen.

Diese Vorgänge beeinträchtigten sein Ansehen in Italien erheblich und spielten auch im innerfamiliären Streit des Hauses Savoyen eine Rolle.



Der Streit um die Führung des Hauses Savoyen

Nach dem Tod König Umbertos II. am 18. März 1983 betrachtete sich Vittorio Emanuele als Oberhaupt des Hauses Savoyen und als Großmeister der dynastischen Hausorden.

Sein Anspruch wurde jedoch von einem Teil der Familie und der italienischen Monarchisten bestritten.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen unter anderem folgende Fragen:
  • Bedurfte die Eheschließung Vittorio Emanueles mit Marina Ricolfi-Doria der ausdrücklichen Zustimmung König Umbertos II.?
  • Führte eine ohne eine solche Zustimmung geschlossene Ehe nach den historischen Hausgesetzen zum Verlust dynastischer Rechte?
  • Konnte Vittorio Emanuele die überlieferten Nachfolgeregelungen des Hauses eigenmächtig ändern?
  • Welche Organisation ist überhaupt befugt, nach Abschaffung der Monarchie verbindlich über die Führung des Hauses zu entscheiden?

Am 7. Juli 2006 erklärte eine als „Consulta dei Senatori del Regno“ auftretende monarchistische Institution Vittorio Emanueles Cousin Amedeo von Savoyen-Aosta zum Oberhaupt des Hauses.

Amedeo war ein Sohn Aimones von Savoyen-Aosta, des früheren Herzogs von Spoleto und nominellen Königs Tomislav II. von Kroatien. Er führte seit 2006 den von Vittorio Emanuele beanspruchten Titel „Herzog von Savoyen“.

Die Anhänger Vittorio Emanueles erkannten diese Entscheidung nicht an. Sie vertraten die Auffassung, dass die Führung des Hauses entsprechend der unmittelbaren männlichen Abstammung vom letzten König bei Vittorio Emanuele und anschließend bei dessen Sohn Emanuele Filiberto liege.

Nach Amedeos Tod am 1. Juni 2021 gingen dessen Ansprüche auf seinen Sohn über:
  • Aimone von Savoyen-Aosta, geboren am 13. Oktober 1967.  Wikipedia



Wer steht heute dem Haus Savoyen vor?

Die Frage kann nicht ohne Hinweis auf den fortbestehenden dynastischen Streit beantwortet werden.

Nach dem Tod Vittorio Emanueles am 3. Februar 2024 beansprucht sein Sohn Emanuele Filiberto die Stellung als Oberhaupt des Hauses Savoyen. Er führt auch das Großmeisteramt der von seinem Vater geleiteten dynastischen Orden weiter.

Gleichzeitig betrachtet sich Aimone von Savoyen-Aosta als rechtmäßiges Oberhaupt der Dynastie. Er wird von der mit seinem Familienzweig verbundenen Consulta dei Senatori del Regno und von Teilen der italienischen monarchistischen Bewegung anerkannt.

Es bestehen somit weiterhin zwei konkurrierende Linien:
  • die Linie Vittorio Emanuele – Emanuele Filiberto, Wikipedia  die sich auf die unmittelbare Abstammung vom letzten König Umberto II. beruft; 
  • die Linie Amedeo – Aimone von Savoyen-Aosta, Wikipedia  die argumentiert, Vittorio Emanuele habe durch seine nicht genehmigte Eheschließung gegen die Hausgesetze verstoßen und seine dynastischen Rechte verloren.

Die Formulierung, Vittorio Emanuele habe 2006 seinen Titel „verloren“, ist daher nur aus Sicht der Anhänger der Aosta-Linie richtig. Ebenso wenig kann Aimone als allgemein und unbestritten anerkanntes Oberhaupt bezeichnet werden.

Da Italien eine Republik ist und Adelstitel verfassungsrechtlich nicht anerkennt, handelt es sich nicht um eine staatsrechtliche Thronfolgefrage, sondern um einen familienrechtlichen, historischen und monarchistischen Legitimationsstreit.



Tod, Trauerfeier und Beisetzung

Vittorio Emanuele starb am 3. Februar 2024 in Genf, nur neun Tage vor seinem 87. Geburtstag.

Die öffentliche Aufbahrung fand am 9. Februar 2024 in der Kirche Sant’Uberto in der Reggia di Venaria bei Turin statt. Die Trauerfeier wurde am folgenden Tag im Turiner Dom abgehalten. Daran nahmen Angehörige mehrerer europäischer ehemaliger und regierender Fürstenhäuser teil.

Nach der Einäscherung wurden seine sterblichen Überreste am 1. Juli 2024 in einer privaten Zeremonie in der königlichen Krypta der Basilika von Superga bei Turin beigesetzt.

Superga ist eine der wichtigsten Grablegen des Hauses Savoyen. Dort ruhen zahlreiche Mitglieder der Dynastie, während Vittorio Emanueles Eltern Umberto II. und Marie José in der Abtei Hautecombe in Savoyen bestattet sind.



Genealogische Kurztafel

Viktor Emanuel III. von Italien
verheiratet mit Elena von Montenegro

└── Umberto II. von Italien
verheiratet mit Marie José von Belgien

└── Vittorio Emanuele von Savoyen
geboren 12. Februar 1937 in Neapel
gestorben 3. Februar 2024 in Genf
verheiratet mit Marina Ricolfi-Doria

└── Emanuele Filiberto von Savoyen
geboren 22. Juni 1972 in Genf
verheiratet mit Clotilde Courau

├── Vittoria von Savoyen
└── Luisa von Savoyen

Die konkurrierende Linie Savoyen-Aosta führt über Amadeus, den zweiten Sohn König Viktor Emanuels II. und zeitweiligen König Amadeus I. von Spanien, zu Amedeo von Savoyen-Aosta und dessen Sohn Aimone.



Fazit

Mit Vittorio Emanuele starb der letzte Kronprinz des Königreichs Italien und der letzte noch zu Zeiten der Monarchie geborene männliche Thronfolger der Hauptlinie des Hauses Savoyen.

Seine Biografie spiegelt zugleich zentrale Brüche der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wider: das Ende der Monarchie, das Exil der königlichen Familie, die schwierige Aufarbeitung der Rolle des Hauses Savoyen während des Faschismus und den Versuch einer späteren Annäherung an die republikanische Heimat.

Der Streit um die Führung des Hauses wurde durch seinen Tod nicht beendet. Vielmehr stehen sich nun Emanuele Filiberto und Aimone von Savoyen-Aosta mit unterschiedlichen Auslegungen der historischen Hausgesetze gegenüber.

[hr]

Offene Fragen zur weiteren Diskussion und Forschung
  • Existiert eine vollständige und authentische Fassung der zur Zeit Umbertos II. geltenden Hausgesetze des Hauses Savoyen?
  • Hat König Umberto II. der Ehe seines Sohnes mit Marina Ricolfi-Doria ausdrücklich widersprochen, oder fehlen lediglich formelle Zustimmungsurkunden?
  • Welche rechtliche beziehungsweise dynastische Bedeutung konnte die Entscheidung der Consulta dei Senatori del Regno von 2006 tatsächlich besitzen?
  • Gab es innerhalb der Consulta 2006 eine einheitliche Entscheidung, oder entstanden daraus konkurrierende Organisationen?
  • Welche Mitglieder des Hauses Savoyen unterstützten 2006 Amedeo von Savoyen-Aosta und welche hielten zu Vittorio Emanuele?
  • Welche Stellung nahm Umberto II. nach der Eheschließung seines Sohnes gegenüber seinem Enkel Emanuele Filiberto ein?
  • Sind Briefe, Testamente oder sonstige persönliche Erklärungen Umbertos II. bekannt, aus denen seine Auffassung zur Nachfolge eindeutig hervorgeht?
  • Wie wird der heutige Streit in genealogischen Standardwerken und in den jüngsten Ausgaben europäischer Hofkalender dargestellt?
  • Welche heraldischen Unterschiede bestehen zwischen den von Emanuele Filiberto und Aimone als Hausoberhäupter verwendeten Wappen, Siegeln und Ordensinsignien?

Quellen und weiterführende Verweise
"IN OMNIBUS ORDO"

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