Johanna von Koczian (1933–2024)

Johanna von Koczian (1933–2024)

2 Wochen 3 Stunden her
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Johanna von Koczian (1933–2024) – Schauspielerin, Sängerin und Tochter einer außergewöhnlichen Familiengeschichte

Am 13. Februar 2024 verstarb in Berlin im Alter von 90 Jahren die bekannte Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin, Moderatorin sowie Hörspiel- und Synchronsprecherin Johanna von Koczian.

Nach Mitteilung ihrer Familie schlief sie im Kreise ihrer Angehörigen friedlich ein. Mit ihr verlor die deutschsprachige Theater-, Film- und Fernsehlandschaft eine Künstlerin, deren Laufbahn mehr als sechs Jahrzehnte umfasste.

Vielen dürfte sie vor allem durch den 1977 veröffentlichten, ironisch-humorvollen Schlager

„Das bißchen Haushalt … sagt mein Mann“

in Erinnerung geblieben sein. Johanna von Koczian war jedoch weit mehr als die Interpretin dieses populären Liedes: Sie war eine ausgebildete Schauspielerin und Sängerin, eine vielfach ausgezeichnete Filmschauspielerin, eine erfolgreiche Bühnendarstellerin sowie Autorin mehrerer Kinder- und Jugendbücher.

Herkunft und Familie

Johanna von Koczian wurde am 30. Oktober 1933 in Berlin als Johanna von Kóczián-Miskolczy geboren.

Ihr Vater war Gustav Wilhelm Viktor Koczian, später von Koczian-Miskolczy genannt:
  • geboren am 15. Mai 1877,
  • gestorben am 12. Juli 1958,
  • ehemaliger Offizier der k. u. k. Armee,
  • seit 1905 Oberleutnant im Dragonerregiment Nr. 13,
  • während des Ersten Weltkrieges zum Rittmeister befördert.

Ihre Mutter war Gustavs vierte Ehefrau, die Schauspielerin

Lydia Alexandra Grosspietsch
(* 4. November 1912; † 30. November 1953).

Lydia Grosspietsch trat in den frühen 1930er-Jahren unter dem Künstlernamen Lydia Alexandra in mehreren Filmen auf. Gustav Koczian und Lydia Grosspietsch heirateten am 19. April 1935 in Manhattan. Johanna war Gustavs drittes Kind.

Die Familie lebte zeitweise in Berlin-Schöneberg, später auch in Zagreb und nach dem Zweiten Weltkrieg auf Schloss Weitwörth bei Salzburg. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter im Jahr 1953 verlor Johanna innerhalb weniger Jahre auch ihren Vater, der 1958 verstarb.

Der Vater Gustav Koczian und der „Liebesroman der Prinzessin“

Gustav Koczian gehörte zweifellos zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Familie.

Nach dem Besuch der Artillerie-Kadettenschule in Wien trat er 1898 in die k. u. k. Armee ein. Ab 1899 war er Leutnant, ab 1905 Oberleutnant des Dragonerregiments Nr. 13. Nachdem er sich 1906 oder 1907 in die Reserve hatte versetzen lassen, arbeitete er als Vertreter der Automobilfirma Benz.

Im Frühjahr 1907 wurde er nach Karlsbad entsandt, wo er wohlhabenden Kurgästen die neuesten Automobile vorführen sollte. Dort lernte er die damals 23-jährige

Amalie, genannt Amelie, Prinzessin von Fürstenberg
(* 17. März 1884; † 18. Februar 1929)

kennen.

Gustav nahm die Prinzessin mit seinem Automobil auf Ausfahrten in die Umgebung mit. Daraus entwickelte sich eine zunächst geheim gehaltene Liebesbeziehung. Nach dem Ende des Sommers 1907 tauschten beide heimlich Briefe aus.

Im Mai 1908 verließ Amelie ihre Familie, nahm ihren Schmuck mit und traf Gustav in Wien. Gemeinsam reisten sie unter großer Geheimhaltung in die Schweiz. Die Familie Fürstenberg setzte diplomatische Vertretungen, Polizei und Privatdetektive in Bewegung, um das Paar ausfindig zu machen.

Die Angelegenheit entwickelte sich zu einem internationalen Gesellschaftsskandal. Zeitungen in Europa, Amerika und Australien berichteten unter Überschriften wie

„Der Liebesroman der Prinzessin“

über das Paar.

Nach langwierigen Verhandlungen mit der Familie Fürstenberg fand die Hochzeit schließlich am

14. Juli 1908 auf der Kammerburg, dem heutigen Komorní Hrádek, östlich von Prag

statt.

Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor:
  • Leo Koczian, geboren am 28. April 1909,
  • Maria Edina Koczian, geboren am 13. November 1910 und gestorben am 20. Mai 2005.

Die Ehe war offenbar bereits während des Ersten Weltkrieges zerrüttet. Sie wurde durch Entscheidung des königlichen Gerichtshofes in Budapest mit Wirkung vom 13. Mai 1917 geschieden.

Nur zehn Tage später heiratete Amelie in München ihren Scheidungsanwalt Gustav Scanzoni von Lichtenfels.

Die Namens- und Titelfrage „Koczian-Miskolczy“

Im Zusammenhang mit Gustav Koczian besteht eine genealogisch und adelsrechtlich interessante offene Frage.

Am 3. Februar 1916 wurde Gustav von dem ungarischen Staatsangehörigen Stefan Miskolci aus Vác adoptiert. Danach führte er den Namen

Gustav von Koczian-Miskolczy

und bezeichnete sich teilweise als Baron.

Nach den bisher veröffentlichten Forschungen ist jedoch ungeklärt,
  • ob Stefan Miskolci selbst einen Adelstitel führte,
  • ob Gustav den Baronstitel rechtmäßig verwenden durfte,
  • weshalb der Name mit „-czy“ geschrieben wurde, obwohl die vorhandenen Dokumente offenbar die Form „Miskolci“ enthalten,
  • welche rechtlichen Folgen die Adoption nach ungarischem Recht tatsächlich hatte.

Bei der Bezeichnung „Baron von Koczian-Miskolczy“ ist daher eine gewisse quellenkritische Vorsicht angebracht.

Ausbildung und erste Theatererfolge

Johanna von Koczian wuchs überwiegend im Raum Salzburg auf. Von 1950 bis 1952 erhielt sie am Mozarteum in Salzburg ihre Schauspielausbildung.

Bereits 1951 wirkte sie bei den Salzburger Festspielen mit. Es folgten Engagements am Landestheater Tübingen, an den Städtischen Bühnen Wuppertal sowie am Schiller- und am Schlossparktheater in Berlin.

Ihr schauspielerisches Talent war eng mit ihrer musikalischen Begabung verbunden. Als ausgebildete Sopranistin wurde sie häufig in Musicals und musikalischen Bühnenstücken eingesetzt. Sie arbeitete früh unter bedeutenden Theaterpersönlichkeiten wie Gustaf Gründgens.

Durchbruch im deutschen Nachkriegsfilm

Ihr Leinwanddebüt gab Johanna von Koczian 1957 in der Hauptrolle der Verwechslungskomödie

„Viktor und Viktoria“.

Bereits ein Jahr später gelang ihr mit Kurt Hoffmanns satirischer Nachkriegskomödie

„Wir Wunderkinder“

an der Seite von Hansjörg Felmy der große Durchbruch.

Für ihre Darstellung erhielt sie 1959 sowohl den Bundesfilmpreis als auch den Preis der deutschen Filmkritik. In dieser Zeit wurde sie gelegentlich als „deutsche Audrey Hepburn“ bezeichnet.

Zu ihren bekannten Kinofilmen der folgenden Jahre gehören unter anderem:
  • „Petersburger Nächte“,
  • „Menschen im Netz“,
  • „Jacqueline“,
  • „Bezaubernde Arabella“,
  • „Heldinnen“,
  • „Lampenfieber“,
  • „Agatha, laß das Morden sein!“,
  • „Die Ehe des Herrn Mississippi“,
  • „Unser Haus in Kamerun“,
  • „Straße der Verheißung“.

In „Agatha, laß das Morden sein!“ führte Dietrich Haugk Regie, mit dem Johanna von Koczian zeitweise verheiratet war.

Fernsehen und Theater

Seit den 1960er-Jahren verlagerte sich ihr Arbeitsschwerpunkt zunehmend auf das Fernsehen und wieder stärker auf das Theater.

1969 spielte sie die Flugbegleiterin Dagmar Croner in der Fernsehserie

„Stewardessen“.

Später war sie unter anderem in folgenden bekannten Produktionen zu sehen:
  • „Der Kommissar“,
  • „Derrick“,
  • „Tatort“,
  • „Praxis Bülowbogen“,
  • „In aller Freundschaft“,
  • „Das Traumschiff“,
  • „Single Bells“,
  • „O Palmenbaum“,
  • „Die Landärztin“,
  • „Danni Lowinski“.

Besonders im österreichischen Fernsehen blieb sie durch die Weihnachtskomödien „Single Bells“ und „O Palmenbaum“ in Erinnerung. Dort verkörperte sie die ebenso elegante wie eigenwillige Mutter der von Martina Gedeck gespielten Hauptfigur.

Auch im höheren Alter feierte sie große Bühnenerfolge. 2010 übernahm sie in der Komödie „Glorious!“ die Rolle der legendär untalentierten Opernsängerin Florence Foster Jenkins. Die ausgebildete Sopranistin musste dafür absichtlich falsch singen – eine Aufgabe, die sie mit großer komödiantischer Präzision bewältigte.

Sängerin, Moderatorin und Synchronsprecherin

Neben der Schauspielerei veröffentlichte Johanna von Koczian bereits seit Ende der 1950er-Jahre Schallplatten. Ihren größten Erfolg hatte sie 1977 mit

„Das bißchen Haushalt … sagt mein Mann“.

Das Lied nahm auf humoristische Weise die traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen aufs Korn und entwickelte sich zu einem langlebigen Schlagerklassiker.

Zu ihren weiteren Liedern gehörten unter anderem:
  • „Der Lord von Barmbek“,
  • „Keinen Pfennig“,
  • „Aufsteh’n ist schön“,
  • „Ganz der Vater“,
  • „Karl, gib mal den Hammer rüber“.

1980 moderierte sie zeitweise das ZDF-Musikquiz „Erkennen Sie die Melodie?“.

Als Synchronsprecherin lieh sie unter anderem
  • Elizabeth Taylor in „Plötzlich im letzten Sommer“,
  • Bibi Andersson in „Wilde Erdbeeren“ und „Das siebente Siegel“

ihre deutsche Stimme.

Johanna von Koczian als Schriftstellerin

Seit den 1970er-Jahren trat Johanna von Koczian auch als Autorin hervor. Sie schrieb Kinder- und Jugendbücher sowie Romane.

Zu ihren Werken zählen unter anderem:
  • „Abenteuer in der Vollmondnacht“,
  • „Der geheimnisvolle Graf“,
  • „Flucht von der Insel“,
  • „Sommerschatten“,
  • „Das Narrenspiel“.

Die Bücher „Abenteuer in der Vollmondnacht“ und „Der geheimnisvolle Graf“ bildeten die Grundlage für die 1982 ausgestrahlte Fernsehserie

„Unterwegs nach Atlantis“.

Privatleben

Johanna von Koczian war zunächst kurz mit dem Regisseur Dietrich Haugk verheiratet. Die Ehe wurde 1961 geschieden.

1966 heiratete sie den Musikproduzenten Wolfgang, genannt Wolf, Kabitzky, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 2004 verheiratet blieb.

Aus dieser Ehe stammt die 1972 geborene Tochter Alexandra von Koczian, die ebenfalls Schauspielerin wurde.

Nach ihren letzten Fernsehauftritten im Jahr 2013 zog sich Johanna von Koczian zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Ab 2017 lebte sie in einer Berliner Senioreneinrichtung.

Am 13. Februar 2024 schlief sie nach Angaben ihrer Familie in Berlin friedlich ein.

 

Zur abgebildeten Fotokarte

Die hier gezeigte Aufnahme ist eine originale, von Johanna von Koczian signierte Fotokarte:

Verlag Rüdel, Hamburg; Foto: Constantin-Film; um 1965; mit Originalautogramm.

© Archiv Gentry

Die Datierung „um 1965“ erscheint angesichts der Gestaltung, der Frisur und der damaligen Film- und Bühnentätigkeit grundsätzlich plausibel. Eine Zuordnung zu einer bestimmten Filmproduktion wäre jedoch noch zu prüfen.

Quellen und weiterführende Verweise
Offene Fragen für die weitere Diskussion
  1. Liegt jemandem eine Kopie des Trauungseintrages von Gustav Koczian und Prinzessin Amalie von Fürstenberg vom 14. Juli 1908 auf der Kammerburg vor?
  2. In welcher Konfession und nach welchem staatlichen Recht wurde diese Ehe geschlossen?
  3. Kann die Adoption Gustav Koczians durch Stefan Miskolci vom 3. Februar 1916 anhand der vollständigen ungarischen Adoptions- oder Gerichtsakten dokumentiert werden?
  4. Gibt es einen belastbaren Nachweis dafür, dass Stefan Miskolci beziehungsweise Gustav Koczian einen Baronstitel rechtmäßig führen durften?
  5. Wie erklärt sich der Wechsel der Namensform von „Miskolci“ zu „Miskolczy“ beziehungsweise „Kóczián-Miskolczy“?
  6. Sind die militärischen Personalakten Gustav Koczians, insbesondere seine Beförderung zum Rittmeister und die Verleihung des Offizierskreuzes des Franz-Joseph-Ordens mit Kriegsdekoration, vollständig erhalten?
  7. Lässt sich die signierte Fotokarte des Verlages Rüdel einer bestimmten Film-, Fernseh- oder Theaterproduktion um 1965 zuordnen?
  8. Sind weitere Briefe, Fotografien oder persönliche Dokumente Johanna von Koczians beziehungsweise ihrer Eltern in öffentlichen oder privaten Archiven bekannt?
  9. Existieren noch Programme, Plakate oder Kritiken ihrer frühen Auftritte bei den Salzburger Festspielen sowie am Schiller- und Schlossparktheater?
  10. Welche Rolle spielte die österreichisch-ungarische Herkunft der Familie für Johanna von Koczians Selbstverständnis und ihre spätere künstlerische Laufbahn?

Johanna von Koczian verband auf ungewöhnliche Weise Film, Theater, Musik, Literatur und Fernsehen. Gleichzeitig führt ihre Familiengeschichte tief in die gesellschaftliche Welt der späten Habsburgermonarchie, in internationale Presseskandale, adelsrechtliche Fragen und die Frühzeit des europäischen Films.

Gerade diese Verbindung von Kulturgeschichte und Genealogie macht ihre Biografie weit über die Erinnerung an „Das bißchen Haushalt“ hinaus interessant.
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