Familie Uggeri – Besitz, Herrschaft und Erbe einer brescianischen Adelsfamilie

Familie Uggeri – Besitz, Herrschaft und Erbe einer brescianischen Adelsfamilie

2 Wochen 4 Tage her
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Geschichte von Milzanello bei Leno (Brescia) und der Familie Uggeri – Besitz, Herrschaft und Erbe einer brescianischen Adelsfamilie

Milzanello, heute eine Fraktion der Gemeinde Leno in der Provinz Brescia, ist ein besonders interessantes Beispiel dafür, wie Ortsgeschichte, Grundherrschaft, Familiengeschichte, Kirchenpatronat, Bewässerungswesen und Architektur über Jahrhunderte miteinander verbunden sein können.

1. Milzanello im historischen Umfeld der Abtei Leno

Die Geschichte Milzanellos steht in engem Zusammenhang mit dem Gebiet von Leno und der ehemaligen Benediktinerabtei San Benedetto di Leno. Diese Abtei wurde im 8. Jahrhundert im langobardischen Herrschaftsraum gegründet und entwickelte sich im Mittelalter zu einem wichtigen geistlichen, wirtschaftlichen und territorialen Zentrum der Bassa Bresciana.

Für Milzanello selbst sind sehr frühe Siedlungsspuren anzunehmen. Archäologische Hinweise aus dem Gebiet Leno–Milzanello–Porzano zeigen eine lange Besiedlungsgeschichte von der Vorgeschichte über die römische Zeit bis ins Frühmittelalter. Besonders bedeutsam ist der Hinweis auf frühmittelalterliche bzw. langobardische Befunde im weiteren Gebiet. Der Kirchenpatron San Michele Arcangelo passt gut in dieses Umfeld, da die Verehrung des Erzengels Michael im langobardischen Raum besonders verbreitet war. Eine direkte Herleitung des Ortsnamens „Milzanello“ aus dem Michaelkult bleibt jedoch quellenkritisch als Deutung bzw. Hypothese zu behandeln.

2. Von der Abtei- und Feudalherrschaft zur Familie Uggeri

Nach den älteren Herrschaftsverhältnissen im Gebiet der Abtei und nach mehreren Besitzwechseln erscheinen in der Überlieferung verschiedene brescianische Adels- bzw. Grundbesitzerfamilien, darunter Avelongo/Lavellongo, Poncarali, Lomelli, Martinengo und Gambara.

Der entscheidende Einschnitt erfolgte im 15. Jahrhundert: Die Familie Uggeri aus Brescia erwarb Milzanello von den Gambara. Hermann von Schullern gibt in Brixia Sacra 1914 den Erwerb mit „circa 1420“ an; eine andere lokalhistorische Überlieferung nennt 1424 und einen Kaufpreis von 1000 Dukaten. Solange der Kaufakt selbst nicht im Original oder in einer zuverlässigen Edition vorliegt, empfiehlt sich im Forum die vorsichtige Formulierung:

„um 1420/1424 gelangte Milzanello von den Gambara an die Familie Uggeri.“

Damit begann eine jahrhundertelange Prägung des Ortes durch die Uggeri.

 

3. Die Familie Uggeri – Herkunft und Aufstieg

Die Uggeri gehörten zu den brescianischen Familien, deren Bedeutung weniger auf spektakulären militärischen Leistungen, sondern vor allem auf Besitzkontinuität, kluger Heiratspolitik, Verwaltung, städtischer Einbindung und wirtschaftlicher Festigung beruhte.

In den genealogischen Notizen wird als früher Stammvater ein Alberto genannt. Ein Giovanni, Sohn des Alberto, erscheint als Bürger von Brescia und Besitzer von Gütern in Scarpizolo und Sambiago. Über Bettino, Giacomo, Pietro, Cristoforo und deren Nachkommen verlagerte sich der Schwerpunkt der Familie zunehmend auf Besitzungen im Raum Manerbio, Leno und Milzanello.

Für die weitere Familiengeschichte sind besonders folgende Linien und Personen hervorzuheben:
  • Pietro Uggeri, verheiratet mit Camilla Cigola, mit Besitzungen in Milzanello, Leno und Manerbio.
  • Antonio Maria Uggeri, der im 16. Jahrhundert weitere Güter erwarb und 1558 testierte.
  • Paolo Uggeri, aus dessen Nachkommenschaft die spätere Hauptlinie hervorging.
  • Pierfrancesco Uggeri, verheiratet 1695 mit Gabriela Nassini.
  • Paolo Antonio Uggeri, geboren 1665, gestorben 1746.
  • Vincenzo Uggeri, geboren 1717, gestorben 1789, verheiratet 1764 mit Bianca Maria Capece della Somaglia.
  • Paola Uggeri, geboren 1770, gestorben 1840, verheiratet 1787 mit Conte Rutilio Calini.
  • Dorotea Uggeri, verheiratet 1787 mit Conte Galeazzo bzw. Vespasiano/Galeazzo Luzzago; über ihre Tochter gelangten Teile des Besitzes an die Marchesi Di Bagno.

4. Milzanello unter der Familie Uggeri

Unter der Familie Uggeri wurde Milzanello über Jahrhunderte in wirtschaftlicher, baulicher und kirchlicher Hinsicht geprägt. Lombardia Archivi fasst dies sehr klar zusammen: Während der venezianischen Herrschaft war Milzanello eine kleine Ortschaft nahe der Mella, nicht einer Quadra unterstellt, weil sie im Besitz der Familie Uggeri stand, und als steuerbefreites Gebiet genannt. Die Einwohner waren überwiegend Bauern, die eine als sehr fruchtbar beschriebene Erde bearbeiteten.

Die Familie Uggeri war nicht nur Grundherrin, sondern auch Gestalterin des Ortsbildes. Der Besitz konzentrierte sich praktisch auf große Teile des kleinen Gemeindegebietes. Später gingen einzelne Teile durch Erbschaft an Familien wie Cigola, Fenaroli, Luzzago, Calini und Di Bagno über.

5. Kirche San Michele Arcangelo und jus patronatus

Ein besonders wichtiger Punkt ist die Kirche San Michele Arcangelo in Milzanello. Ihre Ursprünge reichen in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Kirche wurde am 29. September 1462 durch den Bischof von Brescia Bartolomeo Malipiero geweiht. 1468 wurde sie zur Pfarrkirche erhoben; das Patronatsrecht, also das jus patronatus, wurde der Familie Uggeri zugestanden.

Dieses Patronatsrecht ist genealogisch und sozialgeschichtlich sehr bedeutsam. Es zeigt, dass die Uggeri nicht nur Landbesitzer waren, sondern auch eine kirchlich-rechtliche Stellung im Ort innehatten. Sie konnten damit Einfluss auf die Besetzung der Pfarrstelle und auf das kirchliche Leben nehmen.

Im Archiv der Familie Uggeri befindet sich ausdrücklich eine eigene Überlieferungsgruppe zu „Ius patronato di Milzanello“, Privilegien und Steuerbefreiungen. Das macht diesen Bestand für die weitere Forschung besonders wertvoll.

6. Wasser, Landwirtschaft und die Seriola Uggera

Die Geschichte Milzanellos ist auch eine Geschichte des Wassers. In der Bassa Bresciana waren Bewässerung, Mühlen, Kanäle und Wasserrechte für den wirtschaftlichen Erfolg eines Gutes entscheidend.

Die nach der Familie benannte Seriola Uggera erinnert bis heute an diese Verbindung. Sie war ein künstlicher Kanal im Gebiet von Bagnolo Mella und Leno und wird mit der Familie Uggeri in Verbindung gebracht, die in Milzanello begütert war. Wasserrechte, Nutzungskonflikte und Bewässerungsfragen erscheinen auch in den Archivalien des alten Gemeindearchivs von Leno und im Familienarchiv Uggeri.

Gerade für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ist dies ein spannender Ansatzpunkt: Wer Wasser kontrollierte, kontrollierte in der fruchtbaren Ebene nicht nur Felder, sondern auch Ertrag, Mühlen, Pachten und lokale Abhängigkeiten.

7. Architektur: Palazzo, Cascine und ländliche Herrschaft

Das Ortsbild Milzanellos ist bis heute von großen landwirtschaftlichen Baukomplexen geprägt. Lombardia Archivi spricht sinngemäß von den Cascine als „Kathedralen in der Landschaft“. Zu nennen sind insbesondere:
  • Castelletto bzw. Palazzo/Casa Uggeri an der Hauptstraße von Milzanello, mit Garten und Resten der alten herrschaftlichen Struktur.
  • Cascina Palazzo, ein bedeutender geschlossener Hofkomplex.
  • Cascina Fabbrica und weitere landwirtschaftliche Baugruppen.
  • Mühlen- und Wirtschaftsgebäude, die auf Verarbeitung, Handwerk und landwirtschaftliche Produktion hinweisen.

Zur Cascina Palazzo ist überliefert, dass sie 1852 an Contessa Dorotea Uggeri, Tochter des verstorbenen Vincenzo, Witwe Luzzago, kam. Ihre Tochter, verheiratet mit einem Marchese Di Bagno, brachte Besitz an dieses mantuanische Haus. Damit wird zugleich das Erlöschen bzw. Aufgehen der patrizischen Familie Uggeri in anderen Familienzusammenhängen sichtbar.

8. Bevölkerungsentwicklung – quellenkritische Korrektur

In einem der Ausgangstexte wurden für Milzanello Einwohnerzahlen von etwa 170–180 im 17. Jahrhundert, etwa 630 gegen Ende desselben Jahrhunderts und rund 800 im 19. Jahrhundert genannt. Diese Zahlen konnten bei der kurzen Gegenprüfung nicht bestätigt werden.

Die bei Lombardia Archivi nachweisbaren Angaben lauten:
  • zur venezianischen Zeit: 150 Seelen in 24 Familien;
  • 1861: 406 Einwohner;
  • 1871: 1037 Einwohner;
  • 1901: 1619 Einwohner;
  • 1921: 1670 Einwohner;
  • 2005: 295 Einwohner.

Diese Zahlen sollten im Forumsbeitrag verwendet werden, bis eine bessere Primärquelle für die abweichenden Angaben vorliegt.

9. Die letzten Uggeri und der Übergang an Calini, Luzzago und Di Bagno

Die genealogisch besonders wichtige Endphase der Familie Uggeri liegt im 18. und 19. Jahrhundert.

Vincenzo Uggeri, geboren 1717 und gestorben 1789, heiratete am 30. September 1764 Bianca Maria Capece della Somaglia aus Piacenza. Bianca war eine gebildete und kulturell bedeutende Frau; in Brescia ist sie als Salonnière und als Förderin literarischer und theatralischer Kultur bekannt. Sie starb 1822.

Aus dieser Verbindung stammen u. a.:
  • Paola Uggeri, geboren am 5. Februar 1770, verheiratet am 24. April 1787 mit Conte Rutilio Calini.
  • Dorotea Uggeri, geboren 1771, verheiratet am 10. Oktober 1787 mit Conte Galeazzo Luzzago.

Hermann von Schullern hat in Brixia Sacra 1914 Auszüge aus den Pfarrbüchern von Milzanello veröffentlicht. Dort werden die Eheschließungen Vincenzo Uggeri/Bianca Capece della Somaglia, Paola Uggeri/Ruttilio Calini und Dorotea Uggeri/Galeazzo Luzzago ausdrücklich genannt. Ebenso werden Sterbeeinträge mehrerer Angehöriger der Familie Uggeri wiedergegeben.

Über Dorotea Uggeri und ihre Tochter gelangte ein Teil des Erbes an die Marchesi Di Bagno. Über Paola Uggeri und Conte Rutilio Calini kam ein anderer Teil in die Besitz- und Erbzusammenhänge der Familie Calini.

10. Verbindung Calini – Finetti – Schullern

Von besonderem Interesse für die weitere genealogische Forschung ist die Besitz- und Erbfolge über die Familie Calini.

Nach den vorliegenden Notizen kam durch die Ehe Paola Uggeri mit Conte Rutilio Calini ein Teil der Uggeri’schen Besitz- und Herrschaftsrechte an die Familie Calini di Calino ai Fiumi. Diese Linie soll im 19. Jahrhundert mit Contessa Caterina Calini di Calino ai Fiumi erloschen sein. Caterina hinterließ Besitzungen ihren Töchtern aus der Verbindung mit Johann Baptist Ritter von Finetti. Über deren Tochter Paula gelangte der Besitz schließlich in die Familie Schullern.

Diese Linie ist genealogisch plausibel und wird durch vorhandene Ahnentafeln zur Familie Schullern gestützt. Für eine endgültige Besitzgeschichte wären jedoch zusätzlich Grundbuch-, Kataster-, Erb- und Enteignungsakten heranzuziehen.

Die im Ausgangstext genannte Enteignung im Jahr 1922 durch das faschistische Regime unter Benito Mussolini ist als Familienüberlieferung bzw. Forschungsbehauptung aufzunehmen, sollte aber im nächsten Schritt anhand italienischer Verwaltungs-, Grundbuch- oder Entschädigungsakten überprüft werden.

11. Wappen der Familie Uggeri

Im Ausgangsmaterial wird das Wappen der Uggeri beschrieben als:

„Ein schräggestelltes rotes Gitter auf blauem Grund, darüber drei goldene Lilien.“

Diese Beschreibung sollte heraldisch noch anhand einer Abbildung, eines Grabdenkmals, eines Siegels oder eines Wappenbuches überprüft werden. Besonders interessant wäre das am Palazzo bzw. an Casa Uggeri in Marmor angebrachte Wappen, sofern davon ein gutes Foto vorliegt.

 

Mögliche Blasonierung nach der vorliegenden Beschreibung:

In Blau ein schräggestelltes rotes Gitter, darüber drei goldene Lilien.

Zu prüfen wäre:
  • ob das „Gitter“ als Rost, Gitterwerk, Schräggitter oder anderes heraldisches Gerät zu deuten ist;
  • ob die Lilien im Schildhaupt stehen oder frei im oberen Schildteil angeordnet sind;
  • ob die Tingierung Blau/Rot/Gold korrekt ist;
  • ob es Varianten des Wappens in Brescia, Milzanello oder in den Familienarchiven gibt.

12. Genealogische Arbeitsnotizen zur Familie Uggeri

Die folgende Übersicht ist als Arbeitsgerüst zu verstehen und sollte anhand der genannten Quellen weiter überprüft werden:

Genealogische Notizen Uggeri


13. Offene Forschungsfragen
  1. Gibt es eine digitale oder archivalisch genau zitierbare Abschrift des Kaufvertrags, mit dem Milzanello um 1420/1424 von den Gambara an die Uggeri gelangte?
  2. Ist der im Ausgangstext erwähnte Zusatzkauf bzw. die Besitzfestigung von 1444 oder 1446 im Archivio famiglia Uggeri nachweisbar?
  3. Lässt sich das Wappen der Uggeri am Palazzo/Casa Uggeri in Milzanello fotografisch dokumentieren?
  4. Welche Linie der Uggeri führte exakt zu Paola Uggeri, Ehefrau des Conte Rutilio Calini?
  5. Welche Besitzanteile kamen über Paola Uggeri an Calini, über Dorotea Uggeri an Luzzago/Di Bagno, und welche später an Finetti bzw. Schullern?
  6. Gibt es Grundbuch-, Kataster- oder Verwaltungsakten zur behaupteten Enteignung des Besitzes im Jahr 1922?
  7. Wo befindet sich heute der ältere Teil des Familienarchivs Uggeri: vollständig im Archivio di Stato di Brescia, teilweise in Mantua/Di Bagno, oder zusätzlich in Privatbesitz?
  8. Welche Rolle spielten die Wasserrechte an der Seriola Uggera und Seriola Milzanella in den Streitigkeiten zwischen Milzanello, Leno und den Grundbesitzerfamilien?

14. Quellen und weiterführende Hinweise
15. Kurzfazit

Milzanello ist ein lohnendes Beispiel für genealogische Ortsforschung im besten Sinn: Die Geschichte eines kleinen Dorfes öffnet den Blick auf Abtei- und Feudalgeschichte, brescianischen Stadtadel, Wasserrechte, Kirchenpatronat, Architekturgeschichte, weibliche Erbfolgen und den Übergang von adeliger Grundherrschaft in moderne Verwaltungs- und Besitzverhältnisse.

Die Familie Uggeri prägte Milzanello über mehrere Jahrhunderte. Ihr Erbe ging über weibliche Linien an Calini, Luzzago und Di Bagno weiter; über die Linie Calini–Finetti ergeben sich weitere Verbindungen zur Familie Schullern. Gerade diese Übergänge machen den Fall für Heraldiker und Genealogen besonders spannend.
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